Annweiler / Neustadt / Kaiserslautern
Der Barde der rechten Öko-Sekte Anastasia: Konzert in Querdenker-Lokal
Als die Corona-Pandemie das öffentliche Leben auf den Kopf stellte, verwandelte sich ein Südpfälzer Lokal zu einer Lokalität ganz spezieller Natur. Aus dem gutbürgerlichen Restaurant s’Reiwerle in Annweiler wurde ein Mekka für Aluhut-Träger. Den trägt Wirt Tobias Fink auch schon mal selbstironisch in einem seiner zahlreichen Youtube-Videos. Ende 2021 gründete er eine „Demokratische Freikirche“, die ihren Mitgliedern das Maskentragen verbietet. Mittlerweile firmiert das Ganze unter „Begegnungsstätte der Freiheits- und Friedensbewegung“. Im Trifelsland verdrehen die meisten die Augen, wenn der „Schwurbler am Herd“ – so der Name seines Kochbuchs – auf seinen Kanälen in den sozialen Netzwerken mal wieder die Welt aus seiner Sicht erklärt. Man könnte meinen, seit die Corona-Maßnahmen eingestellt wurden, hätten Querdenker und Montagsspaziergänger nichts mehr zu tun. Aber einmal in die Blase eingetaucht, findet man darin immer neue Themen.
Zwar machen viele frühere Gäste längst einen großer Bogen um das Restaurant, dafür hat sich der Annweilerer Widerstandskoch in der Szene einen Namen gemacht. Regelmäßig geht in dem 300 Jahre alten Fachwerkhaus inmitten des beschaulichen Pfälzerwald-Städtchens das Who is Who des deutschen Schwurbler-Milieus ein und aus – darunter Impfgegner, Putinfans und Verschwörungserzähler aller Couleur. Ober-Querdenker wie Bodo Schiffmann und Michael Ballweg wurden hier wohl schon bewirtet. Im vergangenen Jahr bot Fink dem Thüringer Ex-LKA-Chef Uwe Kranz eine Bühne, der 1997 vom Dienst suspendiert wurde, sich später als „Sicherheitsexperte“ für die AfD betätigte und zuletzt als flammender Corona-Rebell in Erscheinung trat. Wenig später gewährte er Impfkritiker Rolf Kron „Auftrittsasyl“, weil dieser im Herxheimer Museum nicht mehr willkommen war. Der bayerische Arzt, der wegen gefälschter Maskenatteste verurteilt wurde und bei einer Kundgebung den Hitlergruß gezeigt hatte, unterstützte seine Frau und deren Mystic-Harfen-Band Rairda.
Anastasia: Bedenklicher Naturkult aus Russland
Ähnlich seelenflüsterische Musik gibt’s auch am Wochenende im Reiwerle. Dann wird der Liedermacher Eloas Mín Barden auftreten. Der schwäbische Barde wirkt mit seiner Akustik-Gitarre, den langen blonden Locken, Hut und Cord-Jackett auf den ersten Blick wie ein verträumter Hippie. Doch es lohnt ein genauerer Blick. Hinter dem Künstlernamen steckt Jens Lachenmayr, der dem Querdenken-711-Spektrum entstammt. Er steht aber auch einem anderen Alternativmilieu nahe: der Anastasia-Bewegung.
Diese entstand 1997 in Russland und verbreitet sich seitdem weltweit. Menschen, die Hofgemeinschaften gründen, um ihren Traum vom naturnahen Aussteigerleben zu verwirklichen. Das lässt zunächst nichts Böses ahnen. Doch hinter der Öko-Fassade verbirgt sich eine gefährliche Gesinnung.
Die Bewegung beruft sich auf die zehnbändige Romanreihe des Geschäftsmanns und Schriftstellers Wladimir Megre „Die klingenden Zedern Russlands“ um die Fantasiegestalt Anastasia – „die Tochter der Taiga“. Eine junge, blonde Frau mit übernatürlichen Fähigkeiten, die allein im Wald lebt. Der Autor beschreibt sie als göttliche Botschafterin einer fiktiven Urkultur. Kurz zusammengefasst: Die moderne Welt ist dem Untergang geweiht. Nur wer sich auf seine Scholle Land zurückzieht, kann „Reinheit“ erlangen. Die Anhänger sehen sich als „überlegene Rasse“, während Juden „hinterlistige Verschwörer“ seien. Demokratie wird von „Dämonen gelenkt“. Und alles, was nicht dem Mann-Frau-Kind-Rollenbild entspricht, sei sowieso schädlich. Braunes Gedankengut, das durch esoterische Naturromantik ein Greenwashing erfährt sozusagen. Der Verfassungsschutz stuft die Bewegung als rechtsextremen Verdachtsfall ein.
Keim des deutschen Zweigs liegt in Pfalz
In Russland sollen sich nach kurzer Zeit bis zu 700 autonome Siedlungszellen gegründet haben. Vor 25 Jahren schwappten die Bücher nach Deutschland und lösten bald auch hierzulande eine Siedlungsbewegung aus. Mindestens 20 Standorte sind in der Bundesrepublik schon entstanden – überwiegend in Ost- und Norddeutschland. Dabei läuft oft unter dem Radar, dass der Keim des deutschen Anastasia-Zweigs in der Pfalz liegt. Hier wurde die erste übersetzte Ausgabe der Romanreihe veröffentlicht. Der Klein-Verlag Vega aus Frankeneck brachte den Stein ins Rollen. Gegründet haben sollen ihn Mitglieder eines russischen Vegetarier-Zirkels. Im nahe gelegenen Neustadt soll dann 2001 das erste Zusammentreffen von hiesigen Anastasia-Anhängern mit Ober-Guru Vladimir Megre zustande gekommen sein. 400 Menschen aus allen Ecken Deutschlands seien an die Weinstraße gereist, wo Megre über ökologische Siedlungen und Kindererziehung referierte, wie die Initiative „Endstation Rechts“ aus einem internen Bericht zitiert.
2012 entstanden dann die ersten deutschen „Familienlandsitze“. Einer der größten ist „Goldenes Grabow“. In dem brandenburgischen Dorf hat sich die rechte Öko-Sekte vor zehn Jahren eingenistet. Innerhalb weniger Jahre kauften die völkischen Siedler über 80 Hektar Land. Sie betreiben dort abgeschirmte Selbstversorgerhöfe und versuchten vor ein paar Jahren sogar, eine Schule zu gründen. Die Öko-Schiene dient dabei als unverfängliches Einstiegsthema, um die dörflichen Strukturen zu unterwandern. Wer unbedarft auf die neuen Nachbarn trifft, hat meist keine Ahnung, welche Lehre hinter der Zurück-zur-Natur-Glorifizierung steckt. Das bestätigt auch der Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz auf Anfrage der RHEINPFALZ: „Wir sehen in den Aktivitäten den Versuch, sich insbesondere im ländlich-dörflichen Raum zu etablieren und sich mit dem Ziel in das gesellschaftliche Leben einzubringen, dieses weltanschaulich zu prägen“, so Sprecherin Sonja Bräuer. Doch wehe, das Blatt wendet sich.
Grüne Hülle, brauner Kern
Kritik lässt die Bewegung nicht an sich herankommen. Wer sie dennoch öffentlich äußert, wird eingeschüchtert, bis er verstummt. Solch ein Bild zeigt zumindest eine MDR-Reportage über die Lage im Dorf Wienrode im Harz, wo sich die Gruppe „Weda Elysia“ angesiedelt hat. Dort seien Autoreifen zerstochen und Journalisten körperlich angegangen worden. Doch dies scheint der Bewegung keinen Abbruch zu tun. Übers Netz findet die neureligiöse Gemeinschaft immer mehr Anhänger – insbesondere über den Messenger-Dienst Telegram. Die deutschsprachigen „Anastasia-Kanäle“ sollen bereits rund 250.000 Abonnenten haben. Und diese speisen sich aus unterschiedlichen Anschauungskreisen.
Mit ihren ökologischen Ansätzen, sozialutopischen Vorstellungen und spirituellen Gedanken ist die Anastasia-Bewegung anziehend für Naturliebhaber, Bio-Bauern und Esoteriker. Doch der putinfreundliche Freigeister-Kult lockt auch Selbstverwalter, Querdenker und „Blut und Boden“-Ideologen an. Mit ihrer zentralen Idee der Gründung von autarken Siedlungen steht die Gruppe ideologisch der Reichsbürgerszene nahe. In Lychen in der Uckermark kooperiert die Reichsbürger-Gruppe um Peter Fitzek offenbar mit Anastasia, um sich Land für ihr „Königreich Deutschland“ anzueignen. Der Verfassungsschutz spricht von einer „heterogenen Mischszene“, die sich bildet, um Rückzugsräume zu schaffen, die ein Leben unter Gleichgesinnten ermöglichen.
Querdenker-Wirt: „Kenne Anastasia-Bewegung nicht“
Im Niedersächsischen etwa will der wegen Volksverhetzung verurteilte Thomas Patock einen „Familienlandsitz“ im Sinne der Anastasia-Buchreihe aufbauen. Auf seinen Festen spielte auch Jens Lachenmayr – jener Liedermacher, den es nun nach Annweiler verschlägt. Der Augsburger Barde trat gemeinsam mit dem Holocaustleugner auf einer Bühne auf – im Hintergrund ein verschnörkeltes Hakenkreuz als Deko. Auch auf dem Christhof im Schwarzwald, in dem regelmäßig bedenkliche Vorträge aus dem Anastasia-Dunstkreis gehalten werden, war der Barde schon zu Gast.
Der Annweilerer Gastgeber Tobias Fink gibt sich auf RHEINPFALZ-Nachfrage ahnungslos. „Ich kenne weder den Musiker noch die Bewegung“, nimmt er zu dem Konzert von Jens Lachenmayr am Samstag Stellung, das er auch über seine Telegram-Kanäle bewirbt. Eine größere Gruppe habe für jenen Abend im Lokal reserviert, die den Liedermacher mitbringe. Mit dem veranstaltenden Gast sei er freundschaftlich verbunden, so Fink. Auch jener kenne die Anastasia-Bewegung nicht. Eine „Kontaktschuld“ lehne er in diesem Zusammenhang ab. Aber er verspricht: „Ich werde mich durch Ihren Hinweis natürlich erkundigen, ob der Musiker so wie ich mit beiden Beinen auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes steht.“ Wenig später liefert er auf seinem Youtube-Kanal die Antwort: So lange die Anastasia-Bewegung nicht verboten sei, „können die dort machen, tun und lassen, was sie wollen“.
Das sagt der Barde vom Bodensee zur Kritik
In seinem Blog hatte Eloas Mín Barden Position zur Kritik an seinen Sympathien bezogen: Darin schreibt er, dass er stark diffamiert und bekämpft worden sei, „weil ich vielen Menschen, die in diesen Jahren nicht gehört wurden, eine Stimme verliehen habe“. Aber nur weil er vor Querdenkern oder bei der Anastasia-Bewegung aufgetreten sei, heiße das nicht, dass er auch ein Anhänger sei. Vielmehr versteht er sich als „interessiert an der Vielfalt der Menschen und ihrer Sichtweisen“. Der Barde vom Bodensee betont, dass er „zu keiner Zeit politisch tätig war“, sondern seine Lieder „lediglich in den Kontext eines sozialen Kunstwerks gestellt habe“ – auch wenn er sich „nie mit der parlamentarischen Demokratie anfreunden“ konnte.
Im Gegensatz zur Anastasia-Sekte ist die Querdenker-Bewegung kein Beobachtungsobjekt, wie der Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz mitteilt. Teile von ihr könnten allerdings dem Phänomenbereich „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ zugerechnet werden. Auch dies sei wieder eine „heterogene Mischszene“, der hierzulande ein Personenkreis im mittleren zweistelligen Bereich zugeordnet wird, so Sprecherin Bräuer. Seit Corona an Relevanz verloren habe, setze sich die Szene thematisch mit Inflation, gestiegenen Energiepreisen und Russland-Ukraine-Krieg auseinander. Dabei werde mit Propaganda und Hetze versucht, den demokratischen Rechtsstaat in Verruf zu bringen. „Zudem werden einschlägige russische Positionen und Narrative geteilt“, erklärt Bräuer.
Anastasia-Siedlung in der Pfalz?
Sowohl der Künstler als auch der Gastronom scheint mit seinem Gedankengut jedoch auf wenig – zumindest finanziell – fruchtbaren Boden zu stoßen. Lachenmayr verweist darauf, dass er ausgegrenzt werde und einen „existenziell einsamen Weg“ gehe. Fink berichtet, dass sein Umsatz im À-la-Carte-Geschäft im Vergleich zu 2019 um 30 Prozent eingebrochen sei. Aktuell rührt er die Werbetrommel für einen neu gegründeten Förderverein. Bei der Anastasia-Bewegung spülen Online-Shops, über die Waren aus eigener Herstellung und importierte Megre-Produkte vermarktet werden, Geld in ihre Kassen. Die Pfalz ist hierfür ein Nährboden auf dem deutschen Markt. Denn der führende Anbieter sitzt in Kaiserslautern. Der „Zedernshop“ bezeichnet sich selbst seit 2018 als „offizieller Vertreter der Produktion von ,Klingende Zedern Russlands'“. Der Geschäftsführer gehöre zu jenem intimen Kreis von Deutschrussen, die einst für die Verbreitung der Heilsversprechungen hierzulande sorgten. Er sei im Vorstand des deutschen Anastasia-Vereins aktiv und lebe in Frankeneck, in dem einst der Vega-Verlag gegründet wurde, wie die Recherchen von „Endstation Rechts“ und der antifaschistischen Zeitung „Lotta“ ergeben haben. Der Verlagsleiter und seit dessen Tod 2018 sein Sohn handeln ebenfalls mit importierten Zedernwaren – über ihren Versand „Taiga Naturkost“. Dieser hat seinen Sitz in Neustadt. [Aktualisiert 15. April: Die Betreiber erklären dazu, seit 2002 mit Megre gebrochen zu haben. „Nach den ersten nationalistischen und judenfeindlichen Aussagen haben wir uns vom Autor der Anastasia-Reihe distanziert“, so Vertriebsleiter Alexander Markow. Die Bücher erschienen mittlerweile in einem anderen deutschen und in einem Schweizer Verlag – „trotz unserer Warnungen“. Der Aufbau des Zedernprojekts in Sibirien sei fortgesetzt worden. „Dieses hat mit dem Autor nichts zu tun.“]
Ob es in Rheinland-Pfalz auch eine eigene Anastasia-Siedlung gibt? Auf der Facebook-Seite des Pfälzer Megre-Vertrauten ist zumindest ein Naturfoto mit See und der Bezeichnung „unser Familienlandsitz“ als Titelbild zu sehen – und dessen Kommentar auf russisch „14 Kilometer von Kaiserslautern entfernt“. Dem Verfassungsschutz ist jedoch bislang kein völkisches Siedlungsprojekt bekannt, wie er auf Anfrage mitteilt. Die Landesbehörde rechnet der Bewegung in Rheinland-Pfalz eine geringe Anhängerzahl im einstelligen Bereich zu, betont aber: „Wir werden die weitere Entwicklung völkischer Siedler aufmerksam verfolgen.“