Kreis Südliche Weinstraße
Billigheim-Ingenheim: Erste Stolperstein-Verlegung im Ort
Barbara und Horst Lippold gehört das Haus in der Raiffeisenstraße in Billigheim, in dem bis 1938 die jüdische Familie Schwarz lebte. Das Ehepaar hat mit dem Haus quasi auch dessen Geschichte gekauft. Die Lippolds waren beim Lesen der Ortschronik „1300 Jahre Billigheim“ auf die Familie Schwarz gestoßen. „Ich dachte, das ist ja unser Haus, vom dem hier die Rede ist“, erzählt Barbara Lippold im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Selma Schwarz berichtet in der Ortschronik selbst von den Geschehnissen der Reichspogromnacht und der anschließenden Flucht. Das alles ließ Barbara Lippold nicht los, und sie recherchierte weiter. So kam schließlich sogar ein Kontakt zu Nachkommen des Ehepaars Schwarz zustande. Im vergangenen Jahr besuchte ein Enkel aus den USA die Familie in Billigheim.
Künstler Gunter Demnig verlegt Steine
Parallel dazu wuchs die Idee, Stolpersteine zum Gedenken an die Familie verlegen zu lassen. Die Lippolds nahmen Kontakt mit Künstler Gunter Demnig auf, der die Stolpersteine am Sonntag verlegte. Auch zwei sichtlich bewegte Urenkelinnen von Selma und Gabriel Schwarz aus den USA waren dabei. Sie berichteten, dass ihre Nichte jüngst in der Schule von der bewegenden Familiengeschichte erzählt habe. Nichts solle in Vergessenheit geraten. Die Stolpersteine seien „eine Brücke in die Vergangenheit“, sagte Horst Lippold, der gerade von einer Israel-Reise zurückgekehrt war und seine Eindrücke schilderte.
Gedenktafeln sind in Planung
Obwohl es sich bei der Stolpersteinverlegung um eine private Initiative handelt, waren unter anderem auch Verbandsbürgermeister Torsten Blank und Ortsbürgermeister Dietmar Pfister bei der Gedenkveranstaltung dabei, die von Michael Letzel musikalisch gestaltet wurde. Sie betonten, dass man die historischen Ereignisse gerade mit Blick auf die aktuelle Politik nicht vergessen dürfe. Zudem sollen in Billigheim und Ingenheim gemeinsam mit der Projektgruppe „Jüdisches Leben in Ingenheim“ zwei Gedenktafeln gestaltet und an zentralen Punkten aufgestellt werden, wie der Ortsbürgermeister ankündigte.
Zur Sache: Das Schicksal von Familie Schwarz
Bis 1938 lebten Selma (Jahrgang 1885) und Gabriel Schwarz (Jahrgang 1865) mit ihrer Familie in der Raiffeisenstraße in Billigheim. Dort betrieben sie auch eine Eisenwarenhandlung „dä Eise-Jud“, wie in der Ortschronik „1300 Jahre Billigheim“ zu lesen ist. Viele Details sind bekannt, so berichtet eine Zeitzeugin von dem „außergewöhnlichen Dach“ des Hauses, in dem sie als Kinder spielten. Die Tochter von Selma und Gabriel Schwarz erinnert sich in einem Brief aus dem Jahr 1993: „Wir wurden alle gut behandelt, bevor die Nazis die Macht ergriffen. Meine Eltern hatten sehr gute Nachbarn, die ihnen durch die schwierigen Zeiten geholfen haben.“
Die Familie Schwarz war eine angesehene Familie, in der Synagoge sowie im Gemeinderat engagiert. In der Reichspogromnacht und den folgenden Tagen wurde die Familie immer wieder im eigenen Haus überfallen. Der Familienvater wurde verhaftet, während sich die Kinder und Frauen versteckten. Niemand schritt ein, auch nicht, als die Synagoge abbrannte. Selma Schwarz selbst schildert die Zeit in Briefen eindrücklich und berichtet auch von den Schicksalen der anderen jüdischen Familien aus Billigheim.
Nach einer Woche sei Gabriel „als gebrochener Mann“ aus der Haft freigekommen. Die Familie trat am 27. Dezember 1938 die Flucht in die USA an, wo sie sich in Kansas niederließ. Dort baute sich das Ehepaar Schwarz ein eigenes und florierendes Unternehmen auf, wie Barbara Lippold weiter recherchiert hat. Nach Deutschland sind Selma und Gabriel Schwarz niemals wieder zurückgekehrt.