Landau / SÜW
Beschwerden in der Pflege nehmen zu
„Meine Schwiegermutter kam bisher gut alleine zurecht“, berichtet Dunja Matheis aus Edesheim. Sie wohnt nur einige Straßen entfernt von der 88-Jährigen. Matheis schildert ihre Erfahrungen: Die betagte Frau litt seit Anfang Mai unter Durchfall und Erbrechen. Die Hausärztin konnte nicht weiterhelfen. Ende Mai brachte Matheis die alte Dame in ein Krankenhaus in der Region. Dort wurde sie bereits nach vier Tagen, trotz anhaltender Symptome, wieder entlassen.
Matheis und ihr Mann waren mit der Pflege zu Hause völlig überfordert. „Alles was sie gegessen hat, kam vorne und hinten wieder raus. Es war klar, dass die Schwiegermutter wieder ins Krankenhaus muss.“ Die nächsten zwei Tage rief Matheis täglich beim Roten Kreuz an. Dort hieß es, der Rettungswagen komme nicht zu ihnen, da es „kein Notfall“ sei. Als die Schwiegermutter in der dritten Nacht nicht mehr aufstehen konnte, kam die gleiche Aussage. „Erst als mein Mann drohte, an die Öffentlichkeit zu gehen, kam der Rettungswagen.“
Schreiende Schwester
Nach den schlechten Erfahrungen mit dem ersten Krankenhaus, baten Matheis’ um die Einlieferung in ein anderes Krankenhaus. Dieser Wunsch wurde erfüllt. Doch auch dort war einiges im Argen. „Meine Schwiegermutter erzählte mir, hier ist eine Schwester, die rumschreit mit den alten Leuten.“ Matheis stand einige Tage später am Eingang der Station und habe „die Schwester im letzten Zimmer des Ganges schreien hören“. Sie beschwerte sich daraufhin beim Abteilungsleiter. „Er sagte, er kümmert sich darum und gibt es an den Pflegeleiter weiter.“ Weiter verfolgte Matheis die Sache nicht.
„Es ist traurig, wie mit den Menschen umgegangen wird“, sagt sie. Besonders ärgerte sie sich über eine Bemerkung, die der Arzt gegen Ende des Krankenhausaufenthaltes von sich gab: „Es wird Zeit, dass ihre Mutter nach 35 Tagen entlassen wird. Sie war lange genug da und hat genug gekostet“, schildert Matheis die Aussage des Mediziners.
60 Patienten auf einen Schlag
Für Familie Matheis steht fest, dass die Mutter anschließend von einer 24-Stundenkraft zu Hause in ihrer Wohnung weiter betreut werden soll. Von der Sozialarbeiterin des Krankenhauses bekam die Familie einen Flyer mit Pflegeadressen zur weiteren Betreuung der Schwiegermutter. Allerdings müsse die Sozialarbeiterin der Station 60 Patienten betreuen, in Wechselschicht mit einer weiteren Sozialarbeiterin. „Das ist doch viel zu wenig für so viele Patienten!“, ärgert sich Matheis.
Was die Schwiegermutter denn nun hat, „weiß man nicht so genau“. Eine Darmentzündung und Herzrhythmusstörungen wurden diagnostiziert. Sie solle Schonkost essen. Matheis und ihr Mann möchten beim Hausarzt den Krankenhausbericht anfragen, denn vom Krankenhaus hätten sie nichts mitbekommen. Einen Arzt zu sprechen, sei im Krankenhaus kaum möglich gewesen, trotz mehrfacher Nachfrage. Als sie einen antrafen, sprach dieser „sehr schlecht Deutsch“.
Unter anderem wunderten sie sich, dass der Blasenkatheter der inkontinenten Schwiegermutter anscheinend die kompletten fünf Wochen nicht gewechselt worden sei. Matheis fragte beim Arzt nach und dieser habe den Arztbericht durchgelesen. „Da stand nichts von Kathederwechsel.“
Vor der Tür abgesetzt
Anschließend kam die Schwiegermutter zur Kurzzeitpflege in ein Altenheim. Unter Kurzzeitpflege versteht man die Überbrückung einer vollstationären Pflegesituation. Sie wird zum Großteil von der Pflegekasse finanziert und ist auf eine Dauer von acht Wochen im Kalenderjahr beschränkt. Finden die Angehörigen bis dahin keine andere Pflegemöglichkeit, wie beispielsweise eine 24-Stundenkraft, ist die anschließende Pflege, beispielsweise im Seniorenheim, selbst zu finanzieren.
Das Altenheim rechnete allerdings erst dienstags mit einem freien Platz. Das Krankenhaus setzte die Dame jedoch schon freitags zuvor „vor der Tür des Altenheims ab“, berichtet Matheis. „Eigentlich hätte das Altenheim sie wieder zurückgeschickt.“ Sie machten eine Ausnahme, die Schwiegermutter konnte bleiben. Matheis ärgert sich über die fehlende Kommunikation unter Ämtern, Einrichtungen und Krankenhäusern.
„Ich hätte niemals gedacht, dass es so weit kommt mit unserem Gesundheitssystem!“, sagt sie und ist fassungslos. „Da funktioniert doch überhaupt nichts mehr! Ich möchte keinem wünschen, im Alter krank zu werden!“
Hilfe gefunden
Sie ist froh, dass ihre Schwiegermutter nun im Altenheim ist. Die Symptome haben sich etwas verbessert. Die Schwiegermutter freut sich darauf, bald wieder daheim sein zu können. Ende Juni wird eine Deutsch sprechende 24-Stundenkraft bei ihr zu Hause einziehen.
Ist so eine Pflegemisere Alltag geworden? „Die Pflegestützpunkte in Rheinland-Pfalz sind neutrale Beratungsstellen und können keine Beurteilung zu einer solchen Problematik abgeben“, teilt Pflegeberaterin Marion Heiner vom Pflegestützpunkt Annweiler/Bad Bergzabern auf Nachfrage mit.
Die RHEINPFALZ fragt nach bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz in Mainz. „Über unser Informations- und Beschwerdetelefon Pflege erreichen uns zunehmend Beschwerden, die der Personalnot, schlecht qualifiziertem oder überlastetem Personal geschuldet sind“, teilt Silke Lachenmaier, juristische Fachberaterin im Bereich Gesundheit und Pflege mit. Leider führe dies häufig dazu, dass kranke und pflegebedürftige Menschen nicht adäquat versorgt würden. „Auch über unser Beratungsangebot erhalten wir regelmäßig Beschwerden über ein nicht funktionierendes Entlassmanagement im Krankenhaus und die Problematik, dass bei Entlassung aus dem Krankenhaus entweder kein ambulanter Pflegedienst oder Kurzeitpflegeplatz/vollstationärer Pflegeplatz gefunden wird. Aus unserer Sicht besteht hier dringender Handlungsbedarf.“