Kreis Südliche Weinstraße
Annweiler: Iranerin beginnt nach sechs Jahren die lang ersehnte Ausbildung
Fachbegriffe in einer anderen Sprache, eine neue Kultur, unbekannte Regeln und Gesetze – eine Ausbildung in einem fremden Land zu beginnen, ist schwierig. Parisa Ghaemi musste aus ihrem Heimatland fliehen und kam 2013 nach Deutschland. Seitdem verfolgte sie ihr Ziel, eine Ausbildung zu beginnen. Nun hat sie es endlich geschafft. Warum hat es so lange gedauert?
Parisa Ghaemi ist Christin. Mit ihrem Mann musste sie aus dem Iran fliehen, denn Christen werden dort noch immer verfolgt. „Es war keine einfache Entscheidung, zu fliehen. Aber wir konnten dort nicht bleiben“, erzählt die 28-Jährige heute. 2013 kamen die beiden in Frankfurt an und beantragten Asyl. Zwei Monate verbrachten sie in einer Erstaufnahme-Einrichtung in Trier, später wurden sie der Verbandsgemeinde Landau-Land zugeteilt und zogen nach Göcklingen. Erst als sie Aufenthaltsgenehmigungen erhalten hatten, konnten sie sich selbst nach einer Wohnung umschauen. Mit der Hilfe eines Pfarrers fanden die Ghaemis schließlich eine Wohnung in Frankweiler. „Ich war so froh, als wir vor zwei Jahren endlich umziehen konnten“, erinnert sie sich.
Integration braucht Zeit
Seit ihrer Ankunft 2013 hatte Ghaemi ein Ziel: Eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Erst diesen August, sechs Jahre später, konnte sie die in einer Arztpraxis in Annweiler beginnen. Woran lag das? „Sechs Jahre bis zum Ausbildungsbeginn sind nicht wirklich lang“, erklärt der Geschäftsführer des Jobcenters Landau-SÜW, Michael Dopke. Zeit – das sei das Wichtigste bei Integration. „Wir dachten lange, das Sprachniveau B1 ist gut genug für eine Ausbildung“, also fortgeschrittenes Anfängerniveau. Doch sobald die fachspezifische Sprache in der Berufsschule dazukomme, gebe es häufig Probleme. Bei zu geringer Sprachkenntnis komme es eher mal zu Ausbildungsabbrüchen, sagt Dopke. Inzwischen gehe er daher davon aus, dass B2, also fortgeschrittene Sprachkenntnis und Fachsprache, nötig ist.
„Integration braucht Zeit“, wiederholt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ immer wieder. Die Zeit seit 2013 nutzte Parisa Ghaemi, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Zunächst lernte sie zuhause mithilfe des Internets. „Ich wollte mich wenigstens mit den Nachbarn unterhalten können“, erzählt sie. Ab 2015 habe sie dann regelmäßig einen Deutschkurs besucht, um sich auf die Ausbildung vorzubereiten. Doch damals habe es keine freien Ausbildungsstellen gegeben. So machte sie etwa ein halbes Jahr verschiedene Praktika, unter anderem in einer Parfümerie. „Das war zwar nicht mein Traumberuf, aber ich konnte lernen, wie man in Deutschland arbeitet und mit Kunden umgeht“, erzählt die Iranerin.
Eine Ausbildung ist schwierig
Im Frühjahr 2019 kam dann endlich der Hinweis vom Jobcenter: Eine Ausbildungsstelle bei der HNO-Gemeinschaftspraxis von Georg Müller-Jensen und Dorette Rabus in Annweiler wurde frei. Ghaemi reichte ihre Unterlagen ein, eine Woche später kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch. „Sie haben mir erklärt, dass eine deutsche Ausbildung schwierig ist und gefragt, ob ich mir das zutraue“, erzählt sie. Und sie traute es sich zu. Die Ausbildung sei allerdings wirklich schwierig, die vielen Fachbegriffe bereiteten ihr Probleme, sagt die junge Iranerin. Häufig müsse sie Inhalte zuerst selbst übersetzen, um lernen zu können. Außerdem würden die Lehrer oft zu schnell sprechen. „Manchmal reden sie auch noch pfälzisch, das ist dann noch schwieriger zu verstehen“, sagt Ghaemi.
Doch nicht nur die Sprache ist eine Herausforderung für die Auszubildende. Probleme habe sie hauptsächlich in der Berufsschule. „Sozialkunde ist zum Beispiel schwer: Ich muss viele Regeln und Gesetze lernen, die es nur in Deutschland gibt und für mich ganz neu sind“, sagt sie. Froh sei sie daher über die Unterstützung, die das Jobcenter unter dem Namen „Ausbildungsbegleitende Hilfe“ anbietet. Das sei eine Art Nachhilfekurs, der einmal pro Woche stattfinde, erklärt Dopke. Die Lehrer würden zwei Stunden lang etwa vier bis fünf Auszubildenden bei ihren jeweiligen Problemen helfen. „Dabei geht es um die Sprache aber auch um fachspezifische Themen wie zum Beispiel Mathematik“, erklärt er. Wegen der sprachlichen und kulturellen Hürden brauche Gheami für viele Dinge mehr Zeit. „Mein Chef hat aber Verständnis dafür. Wenn ich bereit bin, alles zu lernen, ist er zufrieden“, erklärt sie. Dass sie mehr lernen müsse als andere und länger brauche, sei ihr egal: „Ich will die Ausbildung unbedingt schaffen!“ Auch, wenn es ab und zu frustrierend sei.
Zur Sache: Brechen Ausländer Ausbildungen häufiger ab?
Ghaemi ist eine von etwa 5000 Auszubildenden in Rheinland-Pfalz, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Ihr Beispiel spricht gegen das Vorurteil, Ausländer würden eher eine Ausbildung abbrechen: Auch wenn die Ausbildung anstrengend sei und sie viel lernen müsse, denke sie nicht daran, abzubrechen. Es gibt aber auch andere Beispiele. Jobcenter-Chef Michael Dopke erzählt von einem Koch, der eine Ausbildung in Deutschland angefangen hat. Die Ausbilder hätten ihn angewiesen, einen Kühlschrank zu putzen, sagt Dopke. Der Auszubildende habe sich geweigert und wurde gefeuert. Was die Ausbilder nicht wussten: Im Herkunftsland des jungen Mannes gehört das Putzen nicht zu den Aufgaben eines Kochs, weshalb er sich falsch behandelt fühlte. Und der Koch wusste nicht, dass Kühlschrankputzen in Deutschland zum Koch-Sein dazugehört. „Das gegenseitige Verständnis ist deshalb besonders wichtig“, erklärt Dopke.
Ausländer brechen eher ab
Die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sprechen dafür, dass Auszubildende ohne deutsche Staatsbürgerschaft tatsächlich häufiger eine Ausbildung abbrechen. Auf Anfrage der RHEINPFALZ teilte das BIBB die aktuellsten vorliegenden Zahlen dazu mit. Die „Lösungsquote“, eine statistisch berechnete Quote der abgebrochenen Ausbildungen, lag 2017 bei ausländischen Auszubildenden mit 35,9 Prozent höher, als bei Deutschen (27,2 Prozent). Dabei müsse allerdings bedacht werden, dass eine Vertragslösung nicht immer ein Ausbildungsabbruch ist, ergänzt Melanie Minges, Pressereferentin der Handwerkskammer Pfalz. Viele setzten ihre Ausbildung bei einem anderen Betrieb fort oder lernen einen anderen Beruf. Auch diese zählten bei der Quote dazu. Trotzdem: Es gibt einen Unterschied zwischen deutschen und ausländischen Auszubildenden – von 8,7 Prozentpunkten. Was könnten die Gründe sein?
Jutta Freibothe ist Teamleiterin für den Bereich Jugendliche und Geflüchtete im Jobcenter und erklärt, vor welchen Herausforderungen etwa Geflüchtete stehen. Neben sprachlichen Problemen, die auch Parisa Ghaemi erlebt hat, würden auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen: „Häufig geht es in Familien darum, ob Frauen überhaupt eine Ausbildung beginnen. Wir müssen den Ehemännern oder Vätern erst die Vorteile nahebringen, wie zum Beispiel die Vorbildfunktion für die Kinder“, erklärt Freibothe. Auch Geld sei häufig ein Problem. Viele stünden unter dem Druck, Geld an ihre Familien senden zu müssen oder hätten Schulden. Erst später, wenn dieser Druck nachließe, käme die Erkenntnis, dass man als letztendlich mehr Geld verdienen und einen sichereren Job haben könne – und, dass man dafür eine Ausbildung machen muss. In diesem Fall gebe es spezielle Ausbildungsprogramme, bei denen Menschen mit Vorerfahrung im zweiten Lehrjahr einsteigen könnten. „Betriebliche Umschulung“ nenne sich dies. Dabei würden die Auszubildenden außerdem sozialpädagogisch begleitet, damit bei auftretenden Problemen schnell entgegengewirkt werden könne. Eine Ausbildung zu beginnen, bedeute schließlich für viele einen finanziellen Einschnitt und eine Umstellung – gerade für Familien mit Kindern, erklärt Freibothe.
Kein Unterschied wahrgenommen
Die Wahrnehmung der Mitarbeiter im Jobcenter widerspreche aber den Zahlen des BIBB: „Wir sehen keinen Unterschied zwischen ausländischen und deutschen Auszubildenden, was Ausbildungsabbrüche angeht“, sagt Michael Dopke. Das Wichtigste sei, dass die Ausbildung nicht zu früh angefangen werde. Bei sprachlichen Problemen empfiehlt er eine Einstiegsqualifikation. Diese dauere ein Jahr und es könne Deutsch gelernt werden, während im jeweiligen Beruf gearbeitet werde. Auch der Lebensunterhalt würde dabei von den Betrieben und dem Jobcenter finanziert werden. Woran der Unterschied zwischen Wahrnehmung und Zahlen liegen könnte? Nicht jeder werde von einem Jobcenter betreut, erklärt Dopke – fehlende Betreuung könnte zu mehr Abbrüchen führen.