Bad Bergzabern / Landau
Anklage wegen versuchten Totschlags: Streit in Kneipe eskaliert
Wäre er mal lieber auf seinem Balkon stehen geblieben. Das wird sich der Angeklagte in den vergangenen sechs Monaten häufig gedacht haben, als er im Gefängnis auf seinen Prozess vor dem Landauer Landgericht wartete. Ihm wird ein schweres Gewaltverbrechen vorgeworfen: Im Streit soll er auf zwei Männer eingestochen haben. Einen habe er in die Seite getroffen, den anderen in die Brust. Beide konnten nur durch Notoperationen gerettet werden. Angeklagt ist er wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung.
Männer verfolgen Angeklagten nach Hause
Wie Oberstaatsanwalt Thomas Spielbauer in seiner Anklageschrift vorträgt, hatte der 29-Jährige in der Nacht auf den 23. Juni mit Bekannten die Gaststätte Elwetritsch in Bad Bergzabern besucht. Dabei habe es zwischen seiner und einer anderen Gruppe Spannungen gegeben, die schließlich zum Rauswurf beider Parteien geführt hätten. Die Streithähne waren alkoholisiert. Nachdem der Angeklagte bereits zu Hause war, sei die andere Gruppe um 6.28 Uhr vor seiner Wohnung aufgetaucht und hätte weiter gepöbelt. Nach einem kurzen Trip zu einer Tankstelle, um mehr Alkohol zu besorgen, kehrten sie zurück und bedeuteten dem Angeklagten, herunterzukommen und die Sache zu „klären“. Das machte der Mann. Mit einem Messer in der Hinterhand schritt er auf seine Kontrahenten zu, schildert Spielbauer. Es folgte der Angriff mit dem Messer, woraufhin der Angeklagte flüchtet – laut Spielbauer, weil er sich versehentlich ausgeschlossen hatte.
Weil es zwischen dem Pflichtverteidiger, der zur Verfahrenseröffnung da war, und dem eigentlichen Verteidiger keine Rücksprache gab, ob sich ihr Mandant zur Sache äußern soll, schwieg dieser zunächst zu den Tatvorwürfen. Zu seinen persönlichen Verhältnissen machte er aber bereitwillig Angaben. Der Rumäne war nach Deutschland gekommen, um bei der Glasfaserverlegung Geld zu verdienen. Das habe zunächst auch gut geklappt, die Arbeit habe ihm Spaß gemacht. 2023 aber sei sein Privatleben aus den Fugen geraten: Er habe nicht genug Geld verdient, um seiner autistischen Tochter eine Behandlung zu ermöglichen. Seine Frau habe ihn daraufhin verlassen. In Bad Bergzabern habe er mit seinen Mitarbeitern zusammen in einer Wohnung gelebt, wo er in seinem Frust nach der Arbeit täglich eine Flasche Wodka leerte. „Ich habe nach der Trennung einen falschen Weg eingeschlagen“, sagte der Mann. Als es um seine Familie geht, bricht er in Tränen aus. Er braucht einen Moment, um sich zu sammeln.
Erkundigt sich nach Zustand des Opfers
Mehr zur Tat kann ein Polizist erzählen, der den Angeklagten kurze Zeit nach der Tat auf Höhe der Friedhofsstraße festnehmen konnte. Vorher war er an der Hem-Tankstelle, um sich einen Energydrink und Zigaretten zu besorgen. „Als er unser Auto sah, kam er an mein Fenster und sagte, er habe eben den Beschluss gefasst, sich zu stellen“, berichtet der Beamte. „Er erkundigte sich gleich nach dem Zustand des Opfers.“ Die Frage habe der Täter auch auf der Fahrt und auf der Wache mehrfach wiederholt, dabei niedergeschlagen und besorgt gewirkt.
Er habe einen großen Fehler gemacht, habe er auf der Fahrt zur Wache gesagt. Und das Geschehen geschildert: Eine Gruppe von drei Personen habe ihn bereits auf dem Rückweg von der Gaststätte verfolgt. Das habe er auch gefilmt. Bei deren zweiten Besuch an seinem Balkon seien zusätzlich zu dem Trio noch drei oder vier weitere Personen dabei gewesen. Als er dann runtergekommen sei, habe einer von ihnen mit einer Flasche nach ihm geschlagen. Dann sei alles ganz schnell gegangen, an Details könne er sich nicht erinnern. Auffällig sei gewesen, dass er sich immer nur nach dem einen Opfer erkundigt habe, ihm also möglicherweise gar nicht klar war, dass er zwei Menschen verletzt hatte. Der Prozess wird am 25. November fortgesetzt. Das Urteil wird am 9. Januar erwartet.