Annweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Am Bahnsteig gestrandet: Rollstuhlfahrer kommt nicht in den Zug

Wolfgang Grabitzky kann mit seinem Rollstuhl nicht alleine in den Zug rollen.
Wolfgang Grabitzky kann mit seinem Rollstuhl nicht alleine in den Zug rollen.

Die Bahn steckt Millionen in den barrierefreien Ausbau der Haltepunkte. Trotzdem kommt ein Rollstuhlfahrer nicht in den Zug. Denn: Die Fahrzeuge passen nicht zum Bahnsteig.

Schon mal was von den DB-Baureihen 642 und 643 gehört? Zugliebhaber werden sofort wissen, worum es geht. Allen anderen – und das dürfte die überwiegende Mehrheit sein – sagt das wohl gar nichts. Und das ist auch kein Problem. Denn beim Zugfahren geht es ja nicht darum, welches Modell auf der Schiene unterwegs ist. Hauptsache, man kommt damit von A nach B und bestenfalls wieder zurück. Zumal die meisten Bahnen, die im Regionalverkehr unterwegs sind, auf den ersten Blick eh alle gleich sind. Spitze Schnauze, knallig roter Lack, weiße Türen, schwarze Fenster. Diese Beschreibung trifft jedenfalls auf die angesprochenen Baureihen 642 und 643 zu. Aber: Die Zugmodelle unterscheiden sich bei genauerem Hinschauen eben doch. Deutlich wird das am Bahnsteig.

Dort am Bahnhof in Annweiler wartet Wolfgang Grabitzky gerade auf den Zug. Der 58-Jährige aus Spirkelbach möchte mit der Queichtalbahn nach Landau fahren. Seit einem Arbeitsunfall im Jahr 2007 sitzt er im Rollstuhl. Ein Problem ist das für seinen Reiseplan bis hierher nicht. Zum Bahnhof ist er mit seinem behindertengerecht umgebauten Auto gekommen, ans Gleis konnte er dank langgezogener und deshalb nicht allzu steiler Rampen relativ bequem rollen. Grabitzkys Blick ist auf die Schienen gerichtet, auf denen sich schon nach wenigen Minuten ein knallroter Dieselkoloss aus Richtung Pirmasens nähert. „Jetzt kann ich Ihnen gleich mal zeigen, wo das Problem liegt“, kündigt Grabitzky kurz vor dem vollständigen Stillstand des Zuges an.

Der Rollstuhlfahrer muss draußen bleiben

Nach dem von Bahnsteigen wohlbekannten kurzen, aber dennoch äußerst unangenehmen Quietschen der Bremsen, beginnen die Knöpfe zum Öffnen der Türen zu blinken. Ein leichter Druck darauf genügt, und schon schieben sich die beiden weißen Flügel auseinander, einer nach links, einer nach rechts. Unter einem grellen Piepton geben sie den Blick ins Zuginnere frei. Auch Grabitzky schaut hinein in den Waggon, in den er gerne hineinrollen würde. Doch er kann nicht. Denn zwischen der Bahnsteigkante und dem Zug klafft eine etwa 20 Zentimeter große Lücke. Der Rollstuhlfahrer probiert erst gar nicht, diesen Graben zu überwinden. Stattdessen ertönt kurz darauf wieder der grelle Piepton, die Türen schließen sich und der Zug rollt in Richtung Landau davon – ohne Grabitzky an Bord. Seine Reise findet hier ihr jähes Ende.

Klar ist: Von Barrierefreiheit kann hier keine Rede sein. Die liegt laut Definition des Fahrgastverbandes Pro Bahn erst dann vor, wenn unter anderem der Spalt am Einstieg höchstens fünf Zentimeter breit ist. Richtig kurios wird die Geschichte aber durch das, was Grabitzky erzählt. Denn die Barrierefreiheit war nach dem Umbau der Haltepunkte eigentlich schon hergestellt. Viel Geld sei da in den Ausbau gesteckt worden, sagt der Spirkelbacher. Wie viel genau, das ist nicht bekannt. Denn die Deutsche Bahn lässt eine entsprechende Anfrage unbeantwortet.

Viele Millionen in Barrierefreiheit investiert

Anders sieht das beim Zweckverband Öffentlicher Personennahverkehr (ZÖPNV) Rheinland-Pfalz Süd aus. „In den letzten Jahren wurden die meisten der Bahnhaltepunkte zwischen Landau und Pirmasens Hauptbahnhof barrierefrei umgebaut. Aktuell laufen die Baumaßnahmen am wichtigen Knotenpunkt Pirmasens Nord, der mit zu den Zügen passenden Bahnsteigen ausgestattet wird und Aufzüge zur barrierefreien Erreichbarkeit der Bahnsteige erhält“, teilt Verbandsdirektor Michael Heilmann mit. „Wir schätzen, dass es sich hierbei um eine Investition im mittleren zweistelligen Millionenbereich handelt“, so Heilmann mit Blick auf die gesamte Strecke entlang der Queichtalbahn. Wenn man bedenkt, dass alleine der Umbau des Haltepunkts Landau West, der im September 2023 abgeschlossen wurde, rund 1,4 Millionen Euro verschlungen hat, erscheint diese Schätzung durchaus realistisch.

Und wieso kann Rollstuhlfahrer Grabitzky dann nicht mit dem Zug fahren, nachdem fast alle Haltepunkte – auch der am Bahnhof in Annweiler – barrierefrei umgebaut sind? „Weil zum Fahrplanwechsel im Dezember 2023 die Fahrzeuge gewechselt wurden“, erklärt Grabitzky. An dieser Stelle kommen wieder die eingangs erwähnten Baureihen ins Spiel. Denn bis kurz vor dem Jahreswechsel pendelten zwischen Pirmasens und Landau die 642er, mittlerweile wurden sie durch die 643er ersetzt. Und die Letztgenannten passen nicht zu den umgebauten Bahnsteigen. Ihnen fehlt nämlich im Gegensatz zu den Vorgängermodellen eine Spaltbrücke, die bei der Türöffnung automatisch ausfährt und so für die Barrierefreiheit sorgt. „Menschen im Rollstuhl oder mit dem Rollator stehen dann halt da“, sagt Grabitzky.

Mobile Rampen sind an Bord

Der 58-Jährige findet das bedauerlich. Er fahre öfter mal nach Landau, etwa für Arzttermine oder auch mal für einen Besuch im Baumarkt. Das habe er immer gerne mit dem Zug erledigt. „Mittlerweile fahre ich lieber gleich mit dem Auto und brauche keine Angst zu haben, dass ich wieder am Bahnsteig stehenbleibe.“ Auf den ÖPNV kann er ruhigen Gewissens nur noch dann zurückgreifen, wenn seine Frau mit dabei ist. Sie kann ihn im Rollstuhl rückwärts über den Spalt ziehen, „wie eine Sackkarre“, erklärt Grabitzky. Allerdings arbeitet seine Gattin, insofern ist er unter der Woche tagsüber alleine unterwegs.

Zum Grund dafür, wieso die Züge auf der Queichtalbahn gewechselt wurden, verweist der ZÖPNV auf die Deutsche Bahn. Die neue Fahrzeugdisposition sei von der DB Regio vorgenommen worden, schreibt Heilmann. Die Deutsche Bahn wiederum ließ eine Anfrage wie bereits erwähnt unbeantwortet. Die eingesetzten Bahnen erfüllten alle geforderten vertraglichen Kriterien und böten zudem ein größeres Platzangebot als die bisher eingesetzten, teilt Heilmann mit. „Alle Fahrzeuge verfügen über eine mobile Rampe, die durch das Zugpersonal im Bedarfsfall ausgelegt wird. Somit können Rollstuhlfahrer in die Züge ein- und aussteigen“, so der ZÖPNV-Direktor weiter.

Warten auf die Akku-Züge

Dass es die Rampen tatsächlich gibt und ihm das Personal gelegentlich auch beim Ein- und Aussteigen geholfen habe, bestätigt Grabitzky. „Ich habe auch schon erlebt, dass Fahrzeugführer keine Zeit oder Lust haben, mir zu helfen. So fuhr der Zug dann ohne mich weiter.“ Wobei Grabitzky ausdrücklich betont, dass er dem Zugpersonal keinen Vorwurf machen wolle. Die Lösung sieht er nicht darin, dass jemand eine mobile Rampe aufbaut, sondern darin, dass die zu den umgebauten Bahnsteigen passenden Züge eingesetzt werden.

Bis das der Fall sein wird, müssen sich der Spirkelbacher und alle anderen im Rollstuhl und mit Rollator aber noch gedulden. „Die Akkufahrzeuge werden auf dem aktuellsten Stand in puncto Barrierefreiheit sein, das heißt unter anderem mit einer automatischen Spaltüberbrückung zwischen Fahrzeug und Bahnsteig oder einer barrierefreien Toilette ausgestattet sein“, schreibt Heilmann. Gemeint sind damit die neuen Züge, die die Dieselloks auf der Queichtalbahn ersetzen werden. „Stand heute wird dies voraussichtlich ab Dezember 2027 oder 2028 sein.“

Die Züge der Baureihe 642, mit denen der barrierefreie Ein- und Ausstieg funktioniert hat, wurden übrigens nicht aufs Abstellgleis verfrachtet. „Die 642 werden für die Verkehre im Alsenztal und nach Mainz umgerüstet und entsprechen dann den dort geforderten Kriterien“, heißt es in einer Antwort des ZÖPNV auf eine Anfrage Grabitzkys aus dem Januar dieses Jahres. Immerhin dürfen sich also andere Menschen über stufen- und spaltlose Zugeingänge freuen. Die sind allerdings einige Kilometer weiter im Norden unterwegs als Wolfgang Grabitzky.

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