Kreis Südliche Weinstraße Alles außer Schnickschnack
Billigheim-Ingenheim. Gartenzwerge und weiß getünchte Zaunlatten, dauergrillende Camper mit nach ihnen benannten Straßen auf dem Gelände? Von wegen! Auf dem Campingplatz Klingbachtal in Ingenheim sind solche Klischees ebenso Geschichte wie unerwünscht. Denn Touristen bringen nicht nur mehr Geld auf den Platz und in die Region als die einstigen einmalzahlenden Dauermieter. Sie machen das Leben hier lebhafter. Es ist kurz vor 8 Uhr, als Marcus Wirth den Motorradhelm abnimmt, seinen Arbeitsplatz im modernen Eingangsbereich betritt und die Kasse hochfährt. Draußen läuft ein Vater mit Kind, bewaffnet mit Frühstücksbrötchen, aus dem danebenliegenden Bistro und grüßt. Keine fünf Minuten, da steht eine junge Frau im Kassenraum. „Ich hab’ gestern mein Handtuch im Schwimmbad vergessen“, sagt sie mit zerknirschter Miene. „Kein Problem, gehen Sie durch“, erwidert Wirth, dessen Büro auch gleichzeitig das Kassenhäuschen zum angrenzenden Schwimmbad ist. Und schon kommt Peter Schumacher um die Ecke. „Das ist unser Bademeister und Teekocher aus Leidenschaft“, stellt Wirth seinen Kollegen vor und nimmt dankend die heiße Tasse Chaitee entgegen. So lässt es sich arbeiten. „Das Schöne an meinem Job ist, dass ich meist mit entspannten Menschen zu tun habe, schließlich sind sie in Urlaub“, sagt Wirth. Nur einmal habe er einen Gast weggeschickt, der Wirth, die Gegend und das Wetter beschimpft habe. Im Juni 2014 hat der über 50 Jahre alte Campingplatz neu eröffnet. Wo zuvor Dauercamper die Plätze belegt haben, sind es nun Touristen, die auf einem Hektar Fläche und 80 Plätzen Wohnwagen, Wohnmobile und Zelte aufschlagen. „Das ist überschaubar für einen Campingplatz, was ich als Vorteil sehe. Man kennt hier seine Leute“, sagt Wirth. Da trifft es sich doch gut, dass die Camper hier „Pfälzer Offenheit und Gemütlichkeit suchen“. Und sie auch finden. Der Campingplatz im Klingbachtal ist einer von zehn im Landkreis, die zwischen drei und 80 Stellplätze anbieten. Laut dem Statistischen Landesamt gab es von Januar bis Mai dieses Jahres 112.450 Campinggäste im Landkreis und damit knapp zwei Prozent mehr als noch im Vorjahr. Insgesamt steuerten 2015 zwischen 30.000 und 40.000 Camper die Plätze an der Südlichen Weinstraße an. Auf dem Platz im Klingbachtal sind laut Wirth im vergangenen Jahr etwa 13.500 Erwachsene und 1530 Kinder zwischen einem Tag und vier Wochen geblieben, zehn Prozent davon in Zelten. Damit war der Platz mehr als die Hälfte des Jahres ausgelastet. Die Gemeinde freut sich. „Damit hatten wir erst im dritten oder vierten Jahr gerechnet, aber nicht direkt in der zweiten Saison“, sagt Wirth, selbst begeisterter Wohnmobilfahrer. Der gelernte Kartograph arbeitete einige Jahre als Grafiker und hat den Umbau des Campingplatzes als Gemeinderatsmitglied mitbeschlossen. „Noch bevor ich wusste, dass es mal mein Arbeitsplatz wird, war mir der Platz schon eine Herzensangelegenheit“, so der Ingenheimer, der den Sommer durcharbeitet und im Winter Urlaub nimmt und Überstunden abbaut. Neben der Kasse kümmert er sich um sämtliche Belange der Gäste sowie um die Pflege der Grünflächen. Auf die Frage, ob denn auch viele Holländer kämen, schmunzelt Wirth. „Das Klischee trifft definitiv zu“, sagt er. Man sage den lieben Nachbarn nicht umsonst nach, gerne und oft mit Wohnmobil oder -wagen zu reisen. Aber auch „Exoten“ wie Südafrikaner, Neuseeländer, Amerikaner und Thailänder machen auf ihren Europarundreisen gerne Halt in Ingenheim. Ein bisschen exotisch kommen auch Regina und Martin Hoffmann daher. Nicht, weil sie aus einem fernen Land kommen, sondern – im Gegenteil – aus Hatzenbühl. Urlaub vor der Haustür? Und dann auch noch campen? „Uns gefällt es hier. Hauptsache, mal von daheim wegkommen“, sagt Regina Hoffmann. „Die Landeck mit den Kindern auf dem Rad erkunden, Schorle trinken und nicht heimfahren müssen, schöner geht’s nicht“, pflichtet ihr Gatte bei. Auch aus einem anderen Grund sind die Hoffmanns ganz besondere Gäste. „Sie waren die ersten registrierten Besucher nach der Neueröffnung“, berichtet Platzchef Wirth. „Und die letzten, bevor der alte Platz dichtgemacht hat“, ergänzt Regina Hoffmann stolz. Zwischen dem Ein-Mann-Zelt und dem 250.000-Euro-Wohnmobil gibt es hier laut Wirth alles. So ein Luxusgefährt ist heute auf keinem der Stellplätze, die mit Büschen voneinander abgegrenzt sind, zu finden. Dafür steht vor einer Versorgungssäule, die Strom und Wasser liefert, ein einsames Töpfchen Basilikum. Mindestens ebenso charmant wie die bunten Lampions, die da drüben an dem Wohnwagen hängen. Bunt und abwechslungsreich ist auch die Bistro-Küche des Ehepaars Wündisch, die sieben Tage die Woche pfälzisch-kroatische saisonale Speisen sowie Weine lokaler Winzer anbieten. „Ich sag’ den Gästen, dass sie es sich lieber noch mal überlegen sollen, wenn sie hier ein Bier bestellen“, sagt Immo Wündisch lachend. „Wir haben hier viel, aber keinen Schnickschnack“, erklärt Wirth. Alles ist zweckmäßig, lässt sich leicht pflegen. Waschmaschinen und Trockner gibt es, seit Kurzem auch ein Glasdach über der Spüle, damit niemand mehr im Regen Geschirr spülen muss. „Wir sind immer dran, uns zu optimieren“, so Wirth. Für nächste Saison sind beheizte Bereiche für Eltern und Kinder sowie für Behinderte geplant. Am Abend wird Marcus Wirth noch seinen täglichen Rundgang machen. Gucken, ob alle zufrieden sind, etwas verloren oder vergessen haben, plaudern. „Ah, da kommt der Chef“, heißt es dann oft genug. Danach geht’s ab nach Hause, um morgen früh die Gäste aufs Neue zu begrüßen. Im Kleinod Klingbachtal in Ingenheim. Im Internet www.camping-klingbachtal.de