Herxheim
200 Menschen droht Kündigung: Eberspächer stellt Produktion ein
Die deutsche Automobilbranche steckt in einer tiefen Krise. Großkonzerne wie Volkswagen und BMW verzeichnen schon seit Längerem massive Gewinneinbrüche und kündigen Stellenstreichungen und Werkschließungen an. Die Auswirkungen dieser Talfahrt sind auch in der Südpfalz spürbar. So verkündete etwa der Radhersteller Ronal im April dieses Jahres die Schließung des Produktionsstandorts Landau mit 500 Arbeitsplätzen. Wenig später teilte mit Eberspächer ein weiterer Zulieferer mit Standorten in der Südpfalz mit, dass massiv Stellen abgebaut werden. Alleine in Herxheim sollten 150 Arbeitsplätze im Laufe dieses Jahres wegfallen. Was damals noch niemand wusste: Es sollte nicht der letzte Nackenschlag für die Beschäftigten von Eberspächer Cartem im Großdorf sein.
Die Produktion in Herxheim sei unter eine kritische Umsatzgröße gesunken und sei nicht mehr kostendeckend möglich, heißt es in einem Schreiben, das uns eine Leserin zugespielt hat. „Deshalb wird die Fertigung in Herxheim eingestellt“, heißt es weiter. Und tatsächlich: Auf RHEINPFALZ-Nachfrage bestätigt eine Unternehmenssprecherin diese Information. „Aufgrund der eingebrochenen Kundennachfrage für E-Fahrzeuge muss Eberspächer die Produktion am Standort in Herxheim einstellen“, teilt sie mit. Entgegen den Planungen würden deutlich weniger Hochvoltprodukte – also jene Teile, die in Herxheim gefertigt werden – von den europäischen Fahrzeugherstellern abgerufen. „Die Umsetzung ist für Herbst 2025 geplant.“ Darüber habe die Geschäftsführung am Donnerstag den Betriebsrat und die betroffenen Mitarbeiter informiert.
Betriebsrat und Gewerkschaft kalt erwischt
Weltweit hat die Eberspächer-Gruppe mit Sitz in Esslingen am Neckar nach eigenen Angaben 80 Standorte in 30 Ländern mit rund 11.200 Mitarbeitern. Der bereinigte Nettoumsatz lag im Jahr 2023 bei drei Milliarden Euro. In Herxheim sind rund 320 Menschen beschäftigt. 200 davon in der Fertigung von elektrischen Fahrzeugheizungen, die in E-Autos zum Einsatz kommen. Ihnen droht die Kündigung.
Das sieht auch der Betriebsratsvorsitzende Joachim Spielberger so. „Im ersten Moment sieht es so aus, dass rund 200 Leute arbeitslos werden“, sagt er am Freitag. Zumal es in der Region im Hinblick auf Industriearbeitsplätze ohnehin katastrophal aussehe. Heißt: Diejenigen, die einen neuen Job suchen, laufen Gefahr, keinen zu finden – weil schlicht die Nachfrage fehlt. Von den Schließungsplänen habe er auch erst am Donnerstag erfahren. Insofern sei noch keine Zeit gewesen, die Sache zu prüfen, erklärt Spielberger. Es gehe darum, die bestmögliche Lösung zu finden. Wie die aussehen könnte, soll gemeinsam mit der IG Metall besprochen werden. Am kommenden Freitag sei ein erstes Treffen zwischen Betriebsrat und Gewerkschaft anberaumt, sagt Spielberger. „Dann müssen wir eine Strategie entwickeln und auch schauen, welche Aktionen es geben wird.“
Ärger über Zeitpunkt der Information
Ebenso unvorbereitet von der Nachricht getroffen wurde die IG Metall Landau, wie deren zweiter Bevollmächtigter Harald Lange bestätigt. „Das Beste wäre, wenn sich das Unternehmen anders entscheidet“, sagt er zu der angekündigten Schließung der Produktion in Herxheim. Für wahrscheinlich hält er das allerdings nicht. Man müsse schauen, dass die Betroffenen, in welcher Form auch immer, so lange angestellt sind, bis sie eine neue Stelle gefunden haben. Wobei auch er ein Problem darin sieht, einen neuen Job zu finden. Lange verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass seit Anfang 2023 etwa 2500 Industriearbeitsplätze in der Südpfalz weggefallen seien.
Neben der eigentlichen Nachricht sorgt auch der Zeitpunkt ihrer Verkündung für Ärger. „Das hätte man nicht kurz vor Weihnachten tun müssen“, sagt Gewerkschafter Lange. Betriebsratschef Spielberger hält den Zeitpunkt für „strategisch gewählt“. Denn die ersten Mitarbeiter seien bereits in Urlaub, viele sind ab Montag nicht mehr da.
Wird Herxheim komplett geschlossen?
Details zu den Plänen, vor allem zur Zukunft der betroffenen Mitarbeiter, hat das Unternehmen nicht genannt. Bekannt ist nur, dass die Produktion in das bestehende Eberspächer-Werk in Bulgarien verlagert werden soll. Bei allem Weiteren müsse man abwarten, was die Gespräche ergeben, sagt Lange. „Man wird sich im Januar zusammensetzen.“
Die Unternehmenssprecherin betont, dass es nicht um eine komplette Schließung in Herxheim geht. „Die Geschäftsleitung steht zum Standort Herxheim als Drehscheibe im Hinblick auf globale Produktentwicklung sowie den Vertrieb elektrischer Fahrzeugheizungen. In diesen Bereichen sind rund 120 Mitarbeitende beschäftigt.“ Betriebsratschef Spielberger äußert dahingehend Bedenken. Er könne sich vorstellen, dass auch diesen Bereichen mittelfristig etwas passiere. „Nach dem Trauma von gestern schließe ich nichts mehr aus.“