Bad Bergzabern
125 Jahre Kita St. Martin: Ein Problem besteht fast von Beginn an
Liest man die Aufzeichnungen, die die Kita seit 1899 hat, fällt auf, dass sich ein Thema durch fast drei Jahrhunderte zieht: Es gibt immer einen Personalmangel und die Kindergärtnerinnen, heute Erzieherinnen, haben immer durch viel Einsatz versucht, ihn auszugleichen. Derzeit besuchen 77 Kinder die katholische Kindertagesstätte St. Martin an der Weinstraße, die zur Pfarrei Heilige Edith Stein gehört. Leiterin ist Sabrina Müller-Molinet, die rund 20 Mitarbeiter managt. Sie arbeiten in Vollzeit-, Teilzeit- oder Dreiviertel-Stellen, als Praktikanten und als Profil ergänzende Fachkraft, einst die Französischkraft. Personal sei immer knapp, sagt die Leiterin. Die Kita versorge fast 60 Essenskinder, man esse in Etappen. „Wir haben derzeit Kinder mit 13 unterschiedlichen Nationalitäten, das sind rund 30 Prozent aller Kinder, die Deutschkenntnisse von Null bis sehr wenig haben“, berichtet die Leiterin. Diese Herausforderung wird auch mit einem Übersetzungsgerät bewältigt.
Seit 2007 ist die Kita zertifiziert als Kneipp-Kita. Es war die erste in Rheinland-Pfalz. Wasser, Ernährung, Bewegung, Kräuter, und innere Ordnung, die Grundsätze der Kneippschen Lehre, werden kindgerecht umgesetzt. Unter anderem mit einem Wassertretbecken im Außengelände, Armgüssen, einem Kneipp-Frühstück und Hochbeeten für den Anbau von eigenem Gemüse. „Einige Kinder kommen ganz ohne Frühstück, andere mit einer Milchschnitte“, sagt die Leiterin. Das Projekt Wald habe leider gestrichen werden müssen, da der Personalschlüssel durch das neue Kita-Gesetz kleiner geworden sei. Eine Sozialarbeiterin kommt einmal pro Woche für die Eltern. Den Kindern wird unter anderem Shiatsu und Musik angeboten. Derzeit machen drei Mitarbeiterinnen eine Ausbildung für Marte Meo, eine Methode der Erziehungsberatung, bei der Videoaufzeichnungen analysiert werden, um Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Es sind nur einige Projekte, die die Erzieherinnen und ein Erzieher in der Kita leisten, um den gesetzlichen Anforderungen, denen des Trägers, der katholischen Kirche, und auch ihren eigenen gerecht zu werden.
Räume wurden enteignet
Von den Anfängen 1899 gibt es noch Aufzeichnungen, die Einblicke in 125 Jahre Kindergarten-Geschichte ermöglichen. Kleinkinderschule hieß die Einrichtung bei der Gründung. Das Gebäude in der Neugasse 6, erbaut 1734, das auch eine weibliche Arbeitsschule beherbergte, steht heute noch. Träger der Einrichtung war damals der Elisabethenverein, der auf Anregung von Eltern gegründet wurde. Zwei Franziskanerinnen von den Armen Schwestern des Heiligen Franziskus von Mallersdorf (Niederbayern) hatten die Leitung inne. Durch „Aufsicht und Pflege vor den Gefahren des ungebundenen Lebens schützen und dem Kinde die goldene Freiheit der Kindertage zu belassen“, waren die Grundsätze der neu gegründeten Einrichtung. 40 bis 60 Kinder waren damals in der Obhut der beiden Schwestern. Eine unglaubliche Geduld bringt Schwester Johanella auf, die ab 1924 Leiterin ist. Elf Jahre lang sammelt sie Geld für eine neue Möblierung der Kleinkinderschule, bis schließlich acht „Tische mit Linolbelag“ und 50 Stühle „nach den neuesten Erkenntnissen“ angeschafft werden. 1939 sollten während des Nazi-Regimes die „gehassten Schwestern“ weggeschickt werden, was ein Bürgerprotest zunächst verhindert hat. Doch kurze Zeit später wurden die Räume enteignet, Westwallarbeiter darin untergebracht, die Bevölkerung wurde evakuiert.
1946 wurde der Kindergarten wieder eröffnet, das Betreuungsgeld betrug 20 Pfennig im Monat, Schwester Aurelia betreute damals 50 bis 60 Kinder. 1960 und 1964 wurden Veränderungen vorgenommen, die den damaligen Schwestern eine Erwähnung in der Chronik wert waren. Die bisherige offene Toilettenanlage wurde durch eine Holzwand abgeschlossen und der alte Eisenofen wurde durch einen Ölofen ersetzt. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Kinder auf 80 Kinderschüler.
Schwestern verließen Bad Bergzabern
„Die Kinderzahl kann kaum mehr bewältigt werden“, heißt es in den damaligen Aufzeichnungen. Aber Recycling war schon in den 1960er-Jahren ein Thema: „Kreatives aus der Verpackung von Schokoriegeln basteln“ stand unter anderem auf dem Programm. „1968 erfasste alle Länder die Bildungswut, alles dreht sich um kognitive Förderung“, wurde 1969 vermerkt. Die Bildungswut galt wohl nicht für die „Ferien“, die sich nach wie vor nach den Erntezeiten richteten, damit die Kinder in der elterlichen Landwirtschaft helfen konnten.
„Das Kindergartengesetz wurde geboren“, heißt es 1973. Unter anderem mit Beschränkung der Gruppenstärke auf 35. „Nachdem die heutige Gesellschaft von Angst geprägt ist und auch ein großer Teil der Kinder irgendwie angesteckt ist, wollen wir uns auch diesem Problem stellen“, halten die Schwestern etwas fest, von dem sie nicht ahnen können, wie aktuell es heute geworden ist. 36 Mütter putzen und backen 1975, um den neuen Kindergarten in der Weinstraße 38 einzuweihen, damals mit 100 Kindern. Von Beginn an gibt es einen Französischlehrer und Turnunterricht. Einige Jahre später folgt ein großes Ereignis, die Begegnung mit den französischen Kindergartenkindern in Straßburg. 1988 verlassen die Schwestern nach fast 90 Jahren Bad Bergzabern.
Der Titel der RHEINPFALZ im Jahr 1990 schlägt den Bogen weitestgehend bis heute: „Klamme Kassen, Erhöhung der Elternbeiträge, Protest“ – so lautet die Überschrift zu Beschwerden von Erzieherinnen landesweit wegen zu großer Belastung und zu schlechter Bezahlung.
Termin
Die Party zum großen Jubiläum steigt am Freitag, 13. Juni, ab 18 Uhr im Außengelände der Kita. Ab 21 Uhr legt DJ Jen bis Mitternacht auf. Am Sonntag, 15. Juni, beginnt der Tag um 10.30 Uhr mit einem Familiengottesdienst, ab 12 Uhr folgen Aufführungen der Kinder und Festreden. Ab 13 Uhr gibt es ein kunterbuntes Programm.