Burg Lichtenberg Westpfälzer Sinfonieorchester spielt Seltenheiten

Zwischen historischen Mauern: Das Westpfälzer Sinfonieorchester unter Leitung von Thomas Germain überzeugte mit der Auswahl sein
Zwischen historischen Mauern: Das Westpfälzer Sinfonieorchester unter Leitung von Thomas Germain überzeugte mit der Auswahl seiner Stücke.

Mit selten gespielten Werken, darunter Milhauds „Der Ochse auf dem Dach“, wartete das Westpfälzische Sinfonieorchester unter Leitung von Thomas Germain am Sonntag beim Serenadenkonzert auf der Burg Lichtenberg auf. Dabei gab es auch ein Wiedersehen mit einem in Kusel wohlbekannten und gerngesehenen Musiker.

Kennen Sie das? Im Nachbarhaus spielt jemand Klavier, im Haus gegenüber hört man laute Rockmusik und auf der Straße ruckelt gerade ein LKW vorbei, während auf dem Dach eine Amsel tiriliert. All dies nimmt unser Ohr auf und kann, je nachdem, was es hören will, filtern. Der zur Gruppe „Les Six“ gehörende französische Komponist Darius Milhaud (1892-1974) muss sich dieses Phänomen zu eigen gemacht haben. In der verqueren Ballettmusik „Le Boeuf Sur Le Toit“ („Der Ochse auf dem Dach“) von Darius Milhaud spielen verschiedene Instrumentengruppen völlig unterschiedliche Tonarten fast gleichzeitig, nämlich leicht versetzt. So spielen die Streicher beispielsweise in B-Dur, während die Blechbläser in G-Dur und Holzbläser in Es-Dur spielen. An manchen Stellen erklingen sogar bis zu vier Tonarten gleichzeitig, sodass der Zuhörer den Eindruck bekommen könnte, da würde falsch gespielt.

Dass Milhaud sein von ihm besonders kultiviertes Stilmittel der Polytonalität (Vieltönigkeit) hier geradezu exemplarisch einsetzt, erhöht den exotischen Reiz dieses 20 Minuten langen Stückes. Formal hat der Komponist dieses Stück als freies Rondo aufgebaut, das das Kuseler Orchester flott und fröhlich erklingen lässt. Auch die pointierten Rhythmen spielen die 30 Musiker sauber. Ein impulsives Anfangsthema in Streichern und Trompeten kehrt als verbindende Klammer immer wieder zurück. Dazwischen wird es mehrmals von elegischen Oboen-Soli abgelöst. Später übernehmen auch andere Soloinstrumente wie das akkurat tönende Piccolo die Führung.

Auch für den Zuhörer anspruchsvoll

Dazu kommt „Der Ochse auf dem Dach“ brasilianisch daher. Man findet darin viele Bezüge zur Folklore des Subkontinents. Samba, Tango, aber auch Anleihen beim portugiesischen Fado prägen den witzigen Stil dieser Musik. Sowohl für die Musiker als auch für den Hörer ist dieses Werk höchst anspruchsvoll, wer sich aber vor der Musik des 20. Jahrhunderts nicht fürchtet, ist gut bedient. Die Wiedergabe des Orchesters ist klar, rhythmisch intensiv, farbenreich und inspiriert und der Durchlauf der zwölf Tonarten gerät ohne Spannungsverlust. Thomas Germain, dem es wie dem Komponisten um ein neues, ein verändertes Hören ankommt, gelingt es, all diese verschiedenen Ebenen durch Milhauds wirkungsvolle Instrumentation und zündende Rhythmen zusammenzuhalten.

Wirkungsvoll war auch die Serenade Op. 75 für Violine und Orchester von Max Bruch. Entstanden ist dieses Werk, von dessen vier Sätzen das Orchester die ersten beiden aufführte, 1899. Unter Leitung von Germain gelang ein einfühlsames Miteinander mit dem Solisten, der mit dem Orchester einen ruhigen Dialog führte.

Gast aus der Ukraine

Mit wunderschön fließenden Melodiebögen bestach dabei der Geigensolist Vsevolod Starko, der lange Jahre an der Kreismusikschule Kusel tätig war und seit 2021 im Südschwarzwald lebt und unterrichtet. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine setzt er sich auch für Geflüchtete aus seiner Heimat ein. Seine musikalische Handschrift war vor allem fein und genau. Nirgends auch nur ansatzweise agierte er spektakulär, und doch konnte man dem geradezu zärtlich-zurückhaltenden Zugriff des Geigers durchaus etwas abgewinnen: Denn Starko ließ die Musik organisch atmen und schwingen – und das geschmeidig und sehr klangbewusst aufspielende Orchester rundete diese Qualität ab. Gerade im Understatement, das dieser Klangkörper betrieb, lag bei längerem Zuhören seine Stärke.

Lediglich beim eingangs ertönenden „Un Bal“ aus der Symphonie fantastique op. 14 schienen die Musiker mit ihrer Seele noch nicht anwesend zu sein. Hier hätte man mehr Flexibilität und Elastizität der melodischen Gestaltung erwartet, mehr Biegsamkeit im Tempo und bei der Dynamik des Vortrags. Bei dem aufkommenden Wind im Freien ging von der Qualität der Akustik doch auch einiges verloren. Zurecht am Schluss lange anhaltender Beifall.

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