Kreis Kusel Wenn Ärzte Kamine kehren
Sie sind stets für ihre Patienten da, kennen jeden einzelnen und sorgen dafür, dass jene möglichst gar nicht erst krank werden: die Hausärzte. Und trotzdem – oder gerade deswegen – drohen sie auszusterben. Eine fatale Entwicklung, warnt Eike Heinicke aus Reichenbach-Steegen. Der niedergelassene Allgemeinmediziner plädiert für eine bessere Versorgung durch Hausärzte als auch für höhere Anerkennung und Attraktivität des Berufs.
Heinicke selbst bezeichnet sich gern mal als Kaminkehrer: „Lieber regelmäßig den Kamin kehren, als ein Feuer löschen, wenn es zu spät ist“, lautet seine Devise. Die Hausärzte seien die Kaminkehrer, „sie sind für die Gesundheit da“, erläutert Heinicke seinen Vergleich, „und die Fachärzte sind die Feuerwehr, sie sind für die Krankheit da.“ Während jene die Symptome korrigieren, versuchen die Hausärzte, mögliche Ursachen zu erkennen und zu reparieren, formuliert er es. Und obwohl die Allgemeinmediziner den ganzen Menschen im Blick haben und so Zusammenhänge im menschlichen Körper – und Geist – besser erkennen können, so Heinicke, sinkt deren Anzahl von Jahr zu Jahr. „Das Verhältnis von Haus- zu Fachärzten war bis vor 20 Jahren 60 zu 40, heute ist es umgekehrt“, macht der Reichenbach-Steegener das Ungleichgewicht deutlich. Noch eklatanter findet der Allgemeinmediziner folgende Zahlen: „An der Uni Mainz stehen 1000 Professoren, Ober-, Fach- und Assistenzärzte aller Fachgebiete einem Professor für Allgemeinmedizin mit 20 wissenschaftlichen Mitarbeitern gegenüber!“ Diese Entwicklung hat Heinicke zufolge mehrere Gründe: Der Hausarzt muss Tag und Nacht für seine Patienten da sein, gerade auf dem Land hat er keinen geregelten Feierabend. Auch der Verdienst ist im Vergleich zu einem Facharzt meist deutlich geringer. „Kriterien, die junge Ärzte von diesem Beruf abhalten.“ Zudem genieße ein Facharzt höheres Ansehen als der Hausarzt. „Und auch die Krankenkassenärztliche Vereinigung ist in der Regie von Fachärzten“, beklagt der Mediziner, der auch Anästhesiologe ist, aber seinen Schwerpunkt in der Praxis auf Naturheilverfahren sowie funktionelle und systemische Medizin gelegt hat. Dass heute 70 Prozent der Humanmedizin-Studierenden Frauen sind – ganz anders als zu Heinickes Studienzeit – sieht er zwar als positive Entwicklung in der Gleichberechtigung, „Mädchen und Frauen haben ja bessere Schul- und Studienabschlüsse“, sagt er. Der Nachteil sei jedoch, dass Frauen wegen der Kindererziehung weniger Zeit für die Arbeit bleibe und in der Folge „heute zwei Frauen in einer Praxis arbeiten, die früher von einem Mann betrieben wurde“. Und damit das Einkommen pro Kopf entsprechend geringer ist. Zu dem niedrigeren Einkommen eines Allgemeinmediziners im Vergleich zum Facharzt trage auch die Abrechnungspraxis in Deutschland bei. „Der Facharzt rechnet pro Sachleistung – zum Beispiel EKG oder Medikation – ab, der Hausarzt pro Patientengespräch; und das dauert viel länger.“ In einer Praxis wie seiner, die viel mit Naturmedizin arbeitet, fällt dies besonders ins Gewicht. „Wenn ein neuer Patient zu mir kommt, checke ich ihn erstmal gründlich durch“, beschreibt er seine Vorgehensweise. Heinicke habe sich Methoden der Weltraummedizin angeeignet, „denn dort müssen die Patienten völlig gesund sein!“ – was eben auch sein Ziel ist. Die Kosten für die Untersuchungen muss der Patient jedoch selbst tragen, denn die Methoden „sind alle nicht anerkannt“, bedauert Heinicke. Ebenso wie pflanzliche Mittel. „Alles, was verschreibungspflichtig ist, also Nebenwirkungen hat, wird bezahlt; alles was nicht verschreibungspflichtig ist, weil es keine Nebenwirkungen hat, wird nicht übernommen“, sieht er einen eklatanten Mangel im Gesundheitssystem. Und noch absurder werde dies, wenn man bedenke, „dass 70 Prozent der Patienten für sanfte Medizin sind“, zitiert der Mediziner aus einer Studie der Hufelandgesellschaft, dem Dachverband der Ärztegesellschaften für Naturheilkunde und Komplementärmedizin. „Dem Patienten fehlt eine Stimme“, ist nicht nur seine Meinung. Und so hat Heinicke mit ein paar Mitstreitern vor sechs Jahren den Verein für Gesundheit und soziale Verantwortung (VGSV) gegründet. Seit Mai vergangenen Jahres ist der Verein eingetragen. Neben Ärzten und Psychotherapeuten sind auch Patienten darin vertreten, wie Brigitte Schmitt, die Schriftführerin. In mehreren Veranstaltungen hat der Verein bereits über ganzheitliche Medizin und Zusammenhänge von Umwelt und Gesundheit informiert. Am Samstag, 9. September, steht erstmals eine ganztägige Veranstaltung, der „Tag der Gesundheit für den Erhalt der hausärztlichen Medizin“, in Ramstein auf dem Programm. „Am Vormittag halten verschiedene Ärzte je einen 15-minütigen Vortrag“, kündigt Schmitt an. „Von 13 bis 14 Uhr ist dann eine Podiumsdiskussion geplant.“ Ab 15 Uhr geben die vortragenden Ärzte Workshops. Zudem werden Blutdruck-, Blutzucker- und Körperfettmessungen angeboten, und ein spezielles, in der Weltraummedizin verwendetes EKG aus Heinickes Praxis steht bereit. Um das Image und die Arbeit der Hausärzte allgemein zu verbessern, fordert der Verein interdisziplinäre Lehrstühle für Gesundheit. „Darin sollen nicht nur Mediziner, sondern zum Beispiel auch Architekten, Städteplaner und Juristen tätig sein“, erläutert Heinicke, „also alle Fachrichtungen, die auf die Gesundheit des Menschen wirken können.“ Info „Tag der Gesundheit“, Samstag, 9. September, 10 bis zirka 16.30 Uhr, Haus des Bürgers in Ramstein-Miesenbach. Anmeldungen werden bis zum 31. August erbeten per E-Mail an info@vgsv.de oder per Fax an die Nummer 06385 993072. Spontane Besucher sind bei der Veranstaltung ebenso willkommen.