Rothselberg
„Urlaub? Kenne ich nicht“: Hartmut Wilking aus Rothselberg über 50 Jahre Landwirtschaft
50 Jahre Landwirtschaftsmeister, 50 Jahre Verantwortung in einem immer größer werdenden Betrieb. 50 Jahre harte Arbeit, aber auch 50 Jahre Stolz auf das und Zufriedenheit mit dem Lebenswerk. Der 73-jährige Hartmut Wilking aus Rothselberg ist von der Landwirtschaftskammer mit dem Goldenen Meisterbrief geehrt worden.
1952 hatte sein Vater den Hof in Rothselberg gekauft, Hartmut Wilking wuchs also in der Landwirtschaft auf. „Anfangs war alles noch Handarbeit“, erzählt er, die ersten Maschinen wurden erst zehn Jahre später angeschafft. Waren es zu Beginn noch zehn Kühe im kleinen Stall, wuchs die Milchwirtschaft nach und nach zur heutigen Größe mit mehreren Ställen heran.
Inzwischen führt der Sohn den Hof
„Eigentlich war Landwirtschaft gar nicht mein Traum“, erzählt Hartmut Wilking mit einem Schmunzeln. „Ich habe Elektriker gelernt.“ Gezwungen worden sei er allerdings nicht, seine Eltern hätten ihm die Berufswahl freigestellt. Aber das Heranwachsen und Mitarbeiten auf dem Hof zeigte seine Wirkung und bestimmte letztlich doch den Lebensweg. So gab es auch keine wirkliche Übergabe des Hofs vom Vater an den Sohn zu einem festgelegten Termin. „Es lebte sich halt so ein“, sagt Wilking.
Als gelernter Elektriker brachte er stets große Leidenschaft dafür auf, landwirtschaftliches Gerät weiterzuentwickeln und umzubauen für die sich ständig ändernden Anforderungen. So entwickelte beispielsweise aus einem Mähdrescher einen Häcksler, den es so auf dem Markt nicht gab, der aber auf dem Hof dringend gebraucht wurde. Sein gesamter Lebensweg sei von ständiger Weiterbildung im Bereich der Landwirtschaft gezeichnet, berichtet Wilking, die Meisterprüfung 1976 als Landwirtschaftsmeister sei für ihn eine logische Entwicklung gewesen. Und so werden auch heute noch auf dem Hof, der mittlerweile von seinem Sohn geführt wird, Lehrlinge ausgebildet.
Kein Gnadenbrot in der industriellen Milchwirtschaft
Wilking schaut auch kritisch und etwas wehmütig auf die Entwicklung der Landwirtschaft. Die Werte von damals hätten sich dramatisch verändert. Bürokratie, Auflagen, die Notwendigkeit von immer mehr und immer größerem Gerät würden die Landwirtschaft immer stärker beeinflussen. Dass ausgediente Milchkühe auch mal das Gnadenbrot erhalten, wie es heute noch auf dem Hof geschieht, und nicht im Schlachthof landen, sei in der industriellen Milchwirtschaft nicht mehr möglich. „Einen Hof zu führen, kostet heute ein Vielfaches von damals“, sagt Wilking. „Die Milch kostet aber immer noch das Gleiche.“
Hartmut Wilking legte sich früh ein zweites Standbein zu. 1980 bewarb er sich bei der Stadt Kaiserslautern und arbeitete bis zur Rente bei den dortigen Verkehrsbetrieben. Der Hof wurde in der Zeit von seiner Schwester weitergeführt. Trotz der Arbeit in Kaiserslautern war er weiter auf dem Hof aktiv, der immer weiter ausgebaut und vergrößert wurde.
Mittlerweile ist der Hof ein Großbetrieb
Beim Thema Arbeitszeiten muss der 73-Jährige heftig lachen: „Brückentage, das Wort kenne ich gar nicht. Urlaub? Feiertage? Kenne ich auch nicht!“ Wilkings Leben bestand schon immer aus Arbeit. Bis heute arbeitet er aktiv auf dem Hof mit, hat noch seinen eigenen Bereich und seine eigene Verantwortung. Seit 46 Jahren ist er mit seiner Frau Karin verheiratet. Sie arbeitete als Lehrerin – wohlwissend, was sie als ständig mitarbeitende Ehefrau auf dem Hof erwarten würde, wie sie mit einem Augenzwinkern erzählt.
Heute zeigt sich der Hof mit einer Fläche sowie einem Gebäude- und Maschinenpark, die mit der Zeit von damals nichts mehr zu tun haben. Inzwischen ist ein Großbetrieb in der Land- und Milchwirtschaft mit Arbeitern und Lehrlingen entstanden. Emsiges Treiben, Maschinen- und Treckerbetrieb sind an der Tagesordnung. Wilking erinnert sich an die Anfangszeit, als noch Pferdefuhrwerke genutzt wurden.
Düstere Prognose für die Landwirtschaft
„Ich glaube nicht, dass ich heute noch einen jungen Menschen für die Landwirtschaft begeistern kann“, sagt Wilking. „Ohne Feiertage, ohne Urlaub, Wohnen am Arbeitsplatz, tags und wegen der Viehhaltung auch nachts immer erreichbar und immer am Arbeiten. Ob das noch jemanden motiviert?“, fragt er und zeichnet ein düsteres Bild: „Die Landwirtschaft in der bekannten Form wird aussterben, es werden nur noch Großbetriebe existieren, die nach industriellen Maßstäben arbeiten.“ Diese würden auch gefördert, Familienbetriebe bekämen kaum Förderung, kritisiert er politische Entscheidungen. Aber nicht nur die Politik, auch das Verhalten der Bevölkerung, der Kunden in den Geschäften fördere das Hofsterben in der Landwirtschaft.
Dennoch sind seine Erzählungen voller Stolz auf sein und voller Zufriedenheit mit seinem Lebenswerk – das ja bei Weitem noch nicht beendet sei, wie Hartmut Wilking betont. Er fühle sich fit und leistungsfähig, körperlich wie geistig, und gehe noch heute jede Entwicklung mit. „Nebenbei bin ich noch zweiter Vorsitzender des Judoclubs Offenbach-Hundheim“, erzählt er. Ob er die Entscheidung für ein Dasein als Landwirt nochmal treffen würde? „Es war halt so, ich habe keine Entscheidung getroffen, es hat sich von selbst so entwickelt“, sagt Wilking achselzuckend.
Info
Für 50 Jahre Landwirtschaftsmeister sind im Kuseler Land außerdem ausgezeichnet worden: Manfred Heser aus Merzweiler, Rudolf Neu aus Homberg, Karl-Heinz Schneider aus Kappeln und Thomas Zimmer aus Matzenbach.