Lauterecken
Stadt erhält Zeugnisse ihrer Geschichte aus Nachlässen
Zu ihnen gehören drei Musterstühle, die im Schloss ausgestellt sind. Sie wurden um 1910 von der Stuhlfabrik Bambauer & Kennel hergestellt. Die vorderen Stuhlbeine und die Rückenlehnen sind kunstvoll gedrechselt, die Sitzflächen bestehen aus Rohrgeflecht. Die Lauterecker Stuhlfabrik war vor dem Ersten Weltkrieg sehr erfolgreich und wurde 1905 auf der Gewerbe- und Industrieausstellung in Kaiserslautern mit einer Silbermedaille ausgezeichnet.
Die Familie Bambauer spielte eine wichtige Rolle in der Geschichte Lautereckens. Ursprünglich waren die Bambauers Leinenweber aus Österreich. Der erste Drechsler war Franz Philipp. Sein Sohn Ludwig schloss sich mit dem Stuhlmacher Adolf Kennel zusammen und erweiterte den Betrieb zur Fabrik, nachdem die beiden eine Doppelmühle an der Lauter gekauft hatten.
Der Nachlass, zu dem auch zahlreiche Dokumente gehören, stammt von Hans Ulrich Bambauer (1929-2021), einem Enkel Ludwigs. Er war Mineraloge und hatte als Professor an der Universität Münster gelehrt. Kurz vor seinem Tod schickte er der Stadt ein originelles Erbstück: einen aus Meerschaum geschnitzten Pfeifenkopf mit dem passenden Etui, das sein Urgroßvater Franz Philipp von seiner Wanderschaft als Geselle mitgebracht hatte.
Nachlässe zweier Vereine
Die beiden umfangreichsten Nachlässe stammen von zwei Vereinen. Die Unterlagen des Männergesangsvereins 1860, der wahrscheinlich der älteste Verein Lautereckens ist, befanden sich auf dem Speicher im Schulhaus der Grundschule. Dieter Kasper, dem Vorsitzenden des Gesangvereins, ist es zu verdanken, dass der Bestand dem Archiv übergeben wurde. Zu ihm gehören gebundene und sorgfältig geschriebene Partituren von Musikstücken und Liedern und eine Reihe großformatiger gerahmter Fotos, wie sie jedes Jahr von den Vereinsmitgliedern aufgenommen wurden.
Eine Rarität sind auch mehrere vollständige Jahrgänge der Zeitung „Bote für das Lauter- und Glanthal nebst Umgebung“. Sie wurde von Paul Seeber in Lauterecken von 1912 bis 1936 gedruckt, umfasste vier Seiten und erschien dreimal pro Woche. Einmalig ist der kunstvolle Taktstock aus Ebenholz und Elfenbein, den der Verein 1912 seinem Dirigenten Carl Keller geschenkt hatte.
Der Nachlass des Turnvereins 1882 stammt aus dem Turnerheim und wurde mit Hilfe von Winfried Nierhoff gesichert. Er besteht aus Pokalen, Akten und vielen Fotos. Eine seltene Aufnahme zeigt das Turnerheim im Jahr 1912, als dort eine Kolonial- und Marineausstellung stattfand. Weitere Nachlässe erhielt die Stadt von Giselle Bambauer (Dokumente, Bücher und Möbel), Marianne Holzer und Karin Riedel (historische Ansichten von Lauterecken), Manfred Stein (Dokumente zur Haus- und Familiengeschichte) und Helmut Steinhauer (Unterlagen aus der Amtszeit der Bürgermeister Edwin und Ludwig Steinhauer).
Sichten, bewerten, ordnen
Auf Jan Fickert, der das Archiv betreut, wartet jetzt einige Arbeit. Er muss Hunderte von Bild- und Textdokumenten sichten, bewerten und ordnen. Er will damit aber warten, bis die neuen Räume des Archivs zur Verfügung stehen. Es soll im Herbst in die Wärmezentrale in der Schlossgasse umziehen, wo zwei Stockwerke vorgesehen sind. Fickert ist froh darüber, dass die Nachlässe den Weg ins Archiv gefunden haben. Er hofft, dass auch künftig bei der Auflösung von Haushalten historische Bestände nicht im Container landen, sondern dem Archiv übergeben werden. „Die Arbeit, die damit verbunden ist, nehme ich gerne in Kauf“, erklärt er.