Gries
Schriftstellerin Sabine Göttel hat viele literarische Standbeine
Ein interessanter Kontrast: In Hannover, dem Epizentrum der deutschen Standardsprache, die wir gemeinhin Hochdeutsch nennen, lebt Sabine Göttel heute. Aufgewachsen ist sie wiederum in der Westpfalz, genauer gesagt in Gries im Kreis Kusel, wo ein Dialekt gesprochen wird, der bei dem einen oder anderen Niedersachsen durchaus für Stirnrunzeln sorgen kann.
„Hier in Hannover findet man den westpfälzischen Dialekt ziemlich putzig“, sagt Göttel. Sie habe sich an ihren Geburtstagen schon öfter den Spaß erlaubt, vor einem Hochdeutsch sprechenden Publikum Glossen aus dem Saarpfalz-Jahrbuch vorzulesen, berichtet sie. Und bei all ihren Lesungen sei es normal, dass sie stets auch ein Mundart-Gedicht zum Besten gebe.
Der Schritt in die Selbstständigkeit
Sabine Göttel wurde in Homburg geboren, wo sie 1980 auch ihr Abitur abgelegt hat. Studiert hat sie zunächst in Köln, später in Saarbrücken. Von 1989 bis 1992 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Universität des Saarlandes. Promoviert hat Göttel über die Ingolstädter Schriftstellerin Marieluise Fleißer, die der Neuen Sachlichkeit, einer literarischen Strömung zur Zeit der Weimarer Republik, zugerechnet wird.
Sabine Göttel war später längere Zeit als Dramaturgin an Theatern angestellt – erst in Hildesheim, dann in Göttingen. Im Jahr 2005 folgte schließlich der Schritt in die Selbstständigkeit. Die 61-Jährige meistert das Leben seitdem mithilfe mehrerer Standbeine. „Wenn man wie ich selbstständig im Kulturbereich tätig ist, muss man in der Regel mehrere Jobs haben, weil einer allein nicht reicht“, sagt sie.
Theater, Uni, Schreibwerkstatt
In Hannover hat Göttel schon ganz verschiedene Dinge gemacht: In Zusammenarbeit mit dem dortigen Staatstheater hat sie zum Beispiel über zehn Jahre lang Theaterkurse gegeben. Noch immer ist sie als freie Dozentin an der Leibniz-Universität tätig. Außerdem arbeitet sie in der Redaktion einer Literaturzeitung.
2009 hat Sabine Göttel zusammen mit ihrer Kollegin Christina Rohwetter die Akademie „Literatur & Leben“ gegründet. An dieser Akademie werden mit Gruppen bestimmte Jahresthemen bearbeitet. Göttels aktuelles Jahresthema verbindet Literatur und Musik. Ihre Kollegin Rohwetter widmet sich mit ihrer Gruppe derzeit dem Themenkomplex Literatur und Freundschaft, gibt unabhängig davon aber auch Kurse für kreatives Schreiben an der Akademie. Das hat Göttel auch schon gemacht.
Bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht
„Literatur kann man jemandem viel besser vermitteln, wenn man sie selbst auch produziert“, sagt die gebürtige Saarpfälzerin. Und das tut sie. Ihr erster Gedichtband ist bereits im Jahr 1987 erschienen und trägt den Titel „Fische Fluten“. Erst 33 Jahre später hat Göttel mit „Geister“ ihren zweiten Lyrikband veröffentlicht. Beide sind im St. Ingberter Röhrig-Verlag erschienen. Ein dritter Band mit dem Titel „Im Gefieder“ soll noch in diesem Frühjahr herauskommen. „Ähnlich wie in ,Geister’ soll es um das Thema Familie gehen, aber auch um das Schreiben, um Beziehungen und ums Älterwerden“, sagt die Autorin.
Sabine Göttel arbeitet nicht so, dass sie sich erst einen thematischen Rahmen steckt und dann dazu passende Gedichte schreibt. „Lyrik entsteht meistens anders als ein Roman“, sagt die Schriftstellerin. Zuerst kommt das Schreiben. Und dann, wenn sie ihre Werke zu einem Band zusammenfasst, versucht Göttel die Breite der Themen in ihren Gedichten möglichst sinnvoll einzuteilen und in eine schöne Ordnung zu bringen.
Kindheit in Gries
An ihre Kindheit in Gries erinnert sich Sabine Göttel gerne. „Das dörfliche Leben prägt einen schon“, sagt die 61-Jährige. „Und Hannover ist zwar eine Stadt, aber gar nicht mal so anders.“ Auch dort hat sie die Möglichkeit, sich zum Abschalten in die Natur zu flüchten: Mit der Eilenriede hat Göttel einen der größten europäischen Stadtwälder vor der Haustür. Nach Gries kommt sie immer noch regelmäßig, um ihre Mutter zu besuchen, die dort lebt. Dann läuft sie auch gerne die alten Wege ab.
Sabine Göttels Wurzeln schlagen sich auch in ihren Gedichten nieder: Sie dichtet auch auf Westpfälzisch. „Dialekt ist einfach eine tolle Literatursprache“, macht sie deutlich. „Die Mundart bietet Ausdrücke, die man sonst nirgends findet. Es gibt auch gewisse Gefühle, die man nur im Dialekt ausdrücken kann.“
Auszeichnung für „eigensinnigen Blick“
Es sei schade, dass dem Dialekt im literarischen Kontext ein Büttenreden-Image anhafte: „Denn er ist eine reiche Sprache, die gepflegt und konserviert werden muss.“ Auch für Reim und Rhythmus macht Sabine Göttel sich stark: Sie hat die Beobachtung gemacht, dass Verse mit Reim und Metrum heutzutage oft als veraltet angesehen werden, kann sich dieser Sichtweise aber nicht anschließen.
Im kommenden Mai wird Sabine Göttel in Gotha der Kurt-Sigel-Lyrikpreis der deutschen Schriftstellervereinigung PEN überreicht. Der Preis wurde ihr im Februar zugesprochen, wird alle zwei Jahre ausgeschrieben und ist mit 4000 Euro dotiert.
Spiel mit der Form
Über die Auszeichnung freut die Lyrikerin sich sehr. Nicht zuletzt sieht sie darin auch eine Bestätigung. Im Jury-Urteil wird die Autorin nämlich für ihren „poetischen, eigensinnigen Blick und eine beeindruckende, mutige Vielfalt an Formen und lyrischen Spielarten“ gelobt.
Göttel: „Ich habe darauf bestanden, mit alten Formen zu spielen, was man heute ja oft als altmodisch abtut. Das Urteil sehe ich daher nicht nur für mich persönlich als Bestätigung, sondern überhaupt für die Poesie: Sie sollte sich um Moden nicht kümmern müssen.“