Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Raritäten auf Burg Lichtenberg: Ein „einmalig schönes Einzelstück“

Die Figur der Germania ist als Flachrelief an der Gittertür des Ofens angebracht.
Die Figur der Germania ist als Flachrelief an der Gittertür des Ofens angebracht.

Zu den Anschaffungen des ehemaligen Landrats Held für den Kreis gehörte auch ein Prunkofen, der um das Jahr 1900 entstanden ist. Das ungewöhnliche Exponat steht im Erdgeschoss der Zehntscheune auf Burg Lichtenberg. Nach dem Urteil der Experten ist es ein ungewöhnliches Einzelstück.

Der gusseiserne, etwa 2,30 Meter hohe Ofen gleicht einem Turm mit mehreren Stockwerken. Nach einem Baukastensystem ist jedes Teil auf das andere aufgesteckt, so dass der Ofen schnell auf- oder abgebaut werden kann. Jedes „Stockwerk“ hat eine eigene Funktion und ist reich geschmückt.

Der Ofen steht auf vier länglichen Füßen. Im untersten Teil befindet sich der Aschenkasten mit einer Schublade. Darüber sitzt der Brennraum, dessen untere Tür zum Anzünden und Nachlegen diente. Der Abzug erfolgte nicht durch ein Rohr, sondern konnte zwischen zwei Blechen in der Hinterwand aufsteigen und den dritten Aufsatz wärmen. Erst von dort aus wurden Rauch und warme Luft in den Kamin geleitet. Eine zweite, kleinere Tür enthält ein zweiteiliges Sichtfenster. Da es vor hundert Jahren noch kein feuerfestes Glas gab, verwendete man dafür Glimmer oder Mica, ein dünnes, durchsichtiges, mineralogisches Silikat.

Auf dem dritten Aufsatz, der etwa ein Drittel des Ofens ausmacht, ist das „Thema“ des Ofens dargestellt: eine verkleinerte Darstellung des Niederwalddenkmals. Die Figur der Germania ist als Flachrelief an der Gittertür angebracht. Durch die helle Farbe des vernickelten Gusseisens wirkt sie besonders auffällig.

Wie auf dem Nationaldenkmal ist Germania eine junge Frau mit langen Haaren. Sie steht vor einem Thron, von dem nur die verzierten Seitenlehnen und ein Fuß zu sehen sind. Bekleidet ist sie mit einem Brustpanzer, auf dem ein Wappenschild mit einem Adler eingraviert ist. Ihr Umhang wird durch einen reich geschmückten Gürtel zusammengehalten. Auf dem Kopf trägt Germania einen Kranz aus Eichenlaub.

Die linke Hand stützt sie auf ein langes Schwert, um das eine Girlande aus Lorbeer geschlungen ist. Mit dem abgewinkelten rechten Arm hält sie die Kaiserkrone. Sie ist der mittelalterlichen Krone nachgebildet, doch zeigen ihre acht Platten abwechselnd Kreuze und Adler. Wo sich die beiden Bügel treffen, erhebt sich ein Kreuz über einem Reichsapfel.

Reich dekoriert

Auch auf den beiden Seiten sieht man Figuren des Niederwalddenkmals. Die Allegorie des Krieges ist ein männlicher Engel mit Kettenhemd, Helm, Schwert und Fanfare. Den Frieden verkörpert eine weibliche Engelsfigur mit Lorbeerzweig und Füllhorn, bekrönt mit einem Blütenkranz. Eine der Inschriften („Lieb Vaterland, magst ruhig sein / Fest steht und treu die Wacht am Rhein“) stammt ebenfalls von dem Denkmal, während zwei weitere Verse aus Schillers „Wilhelm Tell“ zitiert werden („Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern…“ und „Ans Vaterland, ans teure schließ dich an…“). Zwei der Motive werden in den oberen Teilen wiederholt. Beim obersten Aufsatz ist ein Kranz aus Eichenlaub am Gitter befestigt, während die Kaiserkrone den krönenden Abschluss bildet.

Zusätzlich zu den Motiven des Denkmals ist der Ofen reich dekoriert. Auf allen Teilen finden sich Girlanden von Blumen und Blättern. Zusätzlicher Schmuck sind Löwenköpfe oder Fische. An drei Stellen ist eine besonders auffällige Verzierung verwendet. Am Brennraum werden die Ecken durch vernickelte Putten gebildet, aus denen „Atlanten“ wachsen und die Konsolen stützen. Auf seinen Seiten sind es Frauengestalten, die wie Pflanzen aus einem Gefäß wachsen und in deren Blättern man Gesichter erkennen kann. Bei dem Aufsatz zum Warmhalten sind die Ecken durch Engelsfiguren gebildet, die jeweils ein Gefäß tragen.

Auf die Herkunft des Ofens verweist die Inschrift auf der Vorderseite „Schulz und Wehrenbold Justushütte“. Die Justushütte wurde 1837 von Justus Kilian im hessischen Weidenhausen gegründet und verhüttete anfangs Erz aus eigenen Gruben. 1850 entstand eine Eisengießerei, die 1858 an Johann Friedrich Schulz und Caspar Diedrich Wehrenbold verkauft wurde.

Die neuen Eigentümer spezialisierten sich auf Öfen und Herde und stellten 1875 den ersten vollständig gegossenen Kohleofen her. Das Unternehmen wurde 1991 von der Unternehmensgruppe Viessmann übernommen, die seit 2000 zu Oranier gehört. Dabei blieb „Justus“ als ursprünglicher Markenname erhalten.

Aus den Motiven kann man das Alter des Ofens ermitteln. Der Bau des Niederwalddenkmals begann 1877 und sechs Jahre später wurde es feierlich eingeweiht. Damit ergibt sich für die Herstellung des Ofens der Zeitraum von etwa 1885 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Der ursprüngliche Eigentümer des Ofens ist nicht bekannt. Andreas Rauch, Mitarbeiter in der Burgverwaltung, erinnert sich an Unterlagen, die einen Ort an der Nahe – vielleicht Meddersheim – nannten. Aber sicher ist, dass es ein wohlhabender Vorbesitzer war, der sich für die Gründung des Deutschen Reiches und das Nationaldenkmal begeisterte.

Spiegelbild der Zeit

Auf Anfrage haben zwei Fachleute den Ofen aufgrund der Beschreibung und eines Fotos beurteilt. Stefan Quandt ist technischer Leiter der Heiztechnik bei der Firma Oranier. Er nennt den Ofen ein „einmalig schönes Einzelstück“. Für diese Prunköfen wurden die oberen Teile anhand von Musterbüchern bestellt, während Aschen- und Brennraum jeweils gleich waren.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Markus Stritzinger von der „Antik Ofen Galerie“ in Burrweiler. Stritzinger hat mit der Restaurierung alter Öfen begonnen, später mit ihnen gehandelt und besondere Exemplare gesammelt. Seine Sammlung in Burrweiler umfasst 100 Öfen, etwa weitere 150 sind zur Zeit bei der Firma Viessmann in Allendorf eingelagert. Dort sollen sie 2021 in einem eigenen Ofenmuseum ausgestellt werden.

Stritzinger hat Öfen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert kennengelernt. „Öfen waren ein Spiegelbild ihrer Zeit“, erklärt er den unterschiedlichen Schmuck. Es gab Öfen mit unpolitischen Darstellungen von Handwerkern oder Rittern, am Ende des 19. Jahrhunderts waren Bilder von Kaiser Wilhelm, Bismarck oder Moltke beliebt. „Ein Ofen mit der Germania ist mir aber bisher noch nicht begegnet“, meint er zu dem Exponat auf Burg Lichtenberg.

Stritzinger schlägt auch vor, den Ofen nach einer notwendigen Restaurierung wieder in Betrieb zu nehmen, denn man könnte mit ihm einen Raum von etwa 80 Quadratmetern heizen. Eine solche Möglichkeit sieht Rauch auf der Burg nicht, denn dort fehlt der nötige Abzug. Was aber bleibt, ist ein faszinierendes Kunstwerk, das zugleich eine historische Quelle darstellt.

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