Kusel
Paracelsus-Apotheke: Birgit und Ingo Spengler erinnern sich sogar noch an die erste Kundin
Immer mal wieder war die „Offizin“ – der einladende Empfangs- und Arbeitsraum – der Paracelsus-Apotheke in der Marktstraße auch Bühne für ein privates Streichquartett. Dass in einer Apotheke musiziert wird, mag heute beinahe undenkbar scheinen. Birgit und Ingo Spengler aber haben ihrer beiden Leidenschaften – Beruf und Musik – stets trefflich in Einklang bringen können.
Die Musik hat beide erst zueinander geführt und spielt bis heute eine große Rolle: Beim Serenadenkonzert auf Burg Lichtenberg im Sommer haben beide noch gemeinsam mitgewirkt. Jetzt feiert das Ehepaar Spengler – obgleich geraume Weile schon im Ruhestand – ein kleines Jubiläum. Seit 25 Jahren ist die Paracelsus-Apotheke in den Bahnhofsarkaden vielfrequentierte Anlaufstelle.
Entscheidung für Kusel verwundert kaum
Bereits am 1. September 1968 öffnete das junge Paar in der Marktstraße 3 erstmals die Tür. Birgit Spengler hatte ihr Pharmaziestudium in Saarbrücken noch nicht abgeschlossen, Ingo Spengler war jung approbierter Apotheker, der sich in Bexbach und Wiebelskirchen erste berufliche Sporen verdient hatte. Früh wagten beide den Schritt in die Selbstständigkeit.
Dass die Wahl auf die Westpfalz-Kreisstadt fiel, verwundert kaum: Birgit Spengler, geborene Frank, ist Kuselerin. Und in ihrem Heimatstädtchen gab es mit der Adler- und der Engel-Apotheke nur deren zwei. „Wir brauchten sehr viel Mut“, erinnert sich Ingo Spengler. „Wir waren jung, mussten das gesamte Inventar neu kaufen.“ Eine nicht kleine Investition. „Sind wir der Sache gewachsen? Nehmen die Menschen uns und unsere Bemühungen an? Sind wir gut genug?“, nennt er Zweifel, die damals stete Begleiter waren.
„Anfangszeit war hart“
Am Eröffnungstag fragte sich das Paar, ob denn überhaupt jemand kommt, wie Birgit Spengler sagt. Wer kam, war „eine Dame aus Rammelsbach“. Die war verwundert, dass sich in dem früheren Textilladen jetzt eine Apotheke fand, und schaute rein. Bei der Gelegenheit nahm sie ein Päckchen Kopfschmerztabletten mit. „Ich habe mich so sehr über unsere erste Kundin gefreut, dass ich ihr zum Dank einen Gummibaum geschenkt habe, der in unserer Offizin stand“, erinnert sich Birgit Spengler lachend.
Die Anfangszeit sei aber hart gewesen. „Die Menschen müssen einen erst kennenlernen, Vertrauen gewinnen. Das ist so wichtig.“ Die drei Kuseler Apotheken wechselten sich wöchentlich mit dem Nachtdienst ab. Ehepaar Spengler bezog eine kleine Wohnung gegenüber und verlegte die Apotheken-Klingel für die Nacht kurzerhand in die privaten Räume. Für Menschen in Not erreichbar zu sein, das macht nach ihrer Auffassung den Job des Apothekers aus: „Da zu sein und den Menschen zuzuhören, das ist das Wichtigste“, sind sich beide einig. „Uns war es immer das größte Anliegen, nicht als Geschäftsleute aufzutreten, sondern als Berater in Sachen Medizin und Wohlsein.“
Ärzte in der Nähe bringen Aufschwung
Anfang der 1970er Jahre ließen sich die ersten Ärzte unweit der Apotheke nieder – die Namen Wüstemann und Kette sind bis heute vielen ein Begriff.
Das brachte neue Kundschaft und Aufschwung. Mit den harten Nachtdienst-Wochen und den ersten beiden Kindern wurde auch in der zweiten Wohnung in der Marktstraße das Berufsleben zum logistischen Abenteuer. Der Umzug ins Eigenheim folgte, was Nachtdienstfahrten erforderlich machte.
Fast 30 Jahre waren Birgit und Ingo Spengler in der Marktstraße für ihre Kunden da. Als in der Bahnhofstraße die „Fundgrube“ umgebaut wurde, Geschäfte und Arztpraxen ansiedelten, zog auch die Paracelsus-Apotheke 1997 in die Bahnhofsarkaden, wie der neue Komplex fortan hieß. Die Entscheidung war zukunftsweisend. Modernisierung und Ausbau der Räume bereiteten besten Boden für die Nachfolgerin: Die älteste Tochter Dorothee – heute verheiratete Preuß – stieg bald nach ihrer Approbation ein.
Farbenfrohe T-Shirts statt weißer Kittel
2006 übernahm Dorothee Preuß die alleinige Regie. 15 Angestellte hat das Unternehmen in zwischenzeitlich noch einmal erweiterten und modernisierten Räumen. Es hat sich einiges geändert: Die weißen Apotheker-Kittel sind gegen einheitlich farbenfrohe Shirts ausgetauscht. Medikamente werden direkt zu Kunden geliefert, die Paracelsus-Apotheke hat auch einen Facebook-Auftritt.
Doch den Entwicklungen zum Trotz: „Ich setze das Werk meiner Eltern fort“, erklärt Dorothee Preuß. „Ich drehe gewissermaßen die ,Fortsetzung’ und versuche, das Lebenswerk meiner Eltern zu pflegen und zu optimieren.“ Ingo Spengler, inzwischen 86, und seine Ehefrau Birgit hören’s nur zu gerne. rhp