Kusel-Altenglan RHEINPFALZ Plus Artikel Neu-Bürgermeister im Interview: Was Christoph Schneider in den ersten 100 Tagen vorhat

Er sitzt jetzt im Chefsessel im Rathaus: Christoph Schneider setzte sich bei der Bürgermeisterwahl gegen Michael Daniel (CDU) un
Er sitzt jetzt im Chefsessel im Rathaus: Christoph Schneider setzte sich bei der Bürgermeisterwahl gegen Michael Daniel (CDU) und Yvonne Draudt-Awe (Votum) durch. Bei der Stichwahl gegen Daniel erhielt der SPD-Mann 55,9 Prozent der Stimmen.

Christoph Schneider ist neuer Bürgermeister der VG Kusel-Altenglan. Mit der RHEINPFALZ spricht er über die AfD, die Finanzlage und wie er die Verwaltung umkrempeln möchte.

Herr Schneider, Ihr Amtsvorgänger Stefan Spitzer (CDU) hat die Verbandsgemeinde Kusel-Altenglan fast 25 Jahre lang geprägt und mehrere Großprojekte auf den Weg gebracht – etwa neue Feuerwehrhäuser wie in Kusel oder das Gewerbegebiet Schellweiler-Ehweiler. Klingt doch nach einem entspannten Start – oder?
Entspannt würde ich es nicht bezeichnen. Natürlich gibt es viele Dinge, die bereits angestoßen wurden, und vieles befindet sich in der Entwicklung. Aber auch bei den laufenden Projekten müssen wir am Ball bleiben.

Zum Beispiel?
Aktuell sind wir mitten in der Bauphase der Feuerwehrhäuser in Kusel, Konken und Bosenbach. Hier geht es darum, die noch ausstehenden Arbeiten weiter voranzutreiben. Auch die Gewerbeflächen in Konken, Ehweiler, Reichweiler und Schellweiler sind und bleiben ein großes Thema. Mittlerweile wurden sie zwar vom Land zu Turboflächen entwickelt, damit wir schneller ans Ziel kommen. Den Prozess bis zur Gewerbeansiedlung werden wir aber weiter begleiten.

Das künftige Gewerbegebiet Schellweiler-Ehweiler: Auch auf den Gemarkungen der Ortsgemeinden Konken und Reichweiler befinden sic
Das künftige Gewerbegebiet Schellweiler-Ehweiler: Auch auf den Gemarkungen der Ortsgemeinden Konken und Reichweiler befinden sich sogenannte Turboflächen, bei denen nach Angaben des Landes die Anentwicklung der Gewerbegebiete ab Januar 2026 möglich sein soll.

Für den Wahlkampf haben Sie eine Wählerinitiative gegründet, um sich als parteiübergreifender Kandidat zu präsentieren. Kann man Sie als „SPD-Bürgermeister“ bezeichnen?
Ich stehe dazu, dass ich Mitglied in der SPD bin. Ich hatte aber bewusst diesen Weg gewählt, um mit möglichst vielen Bürgern ins Gespräch zu kommen, völlig unabhängig von der parteipolitischen Bindung. So konnten auch diejenigen, die nicht parteipolitisch organisiert sind, ihre Ideen und Vorschläge einbringen. Außerdem hatte mich die SPD unterstützt – theoretisch hätte das auch jede andere Partei machen können.

Würden Sie diese Wahlkampfstrategie anderen Genossen empfehlen?
Ich kann es maximal empfehlen, weil es meiner Meinung nach ein funktionierendes Konzept ist. Aber natürlich muss jeder für sich entscheiden, welchen Weg er gehen möchte.

Wie geht es Ihnen vor dem Amtsantritt?
Sehr gut, auch körperlich. Seit dem Wahlkampf habe ich die Zeit genutzt, um mit einer Mischung aus ausgewogener Ernährung und Bewegung 20 Kilogramm abzunehmen. Mein Zielgewicht habe ich aber noch nicht erreicht – da fehlen noch fünf Kilogramm.

Seit wann ist Fitness Voraussetzung fürs Bürgermeisteramt?
Als Bürgermeister sitzt man nun mal sehr häufig in Besprechungen und hat einen eher unausgewogenen Tagesrhythmus. Für mich war es deshalb wichtig, sich rechtzeitig in Form zu bringen.

Abgesehen vom Training: Wie haben Sie sich auf das Amt vorbereitet?
Durch meine bisherige Tätigkeit als Ortsbürgermeister von Etschberg hatte ich ja bereits enge Verbindungen ins Rathaus und konnte mir ein Netzwerk aufbauen. Um die Abläufe und das Team noch besser kennenzulernen, habe ich seit Dezember regelmäßig Präsenztage im Rathaus wahrgenommen: zwei Tage pro Woche in Altenglan und drei Tage pro Woche in Kusel – so wie es bei Stefan Spitzer immer der Fall war.

Hat Ihr Amtsvorgänger Ihnen einen besonderen Tipp oder Hinweis gegeben?
Wir haben natürlich nach der Wahl lange Gespräche geführt. Er hat immer wieder betont, dass ich der Aufgabe gewachsen sei – auch wenn einem die Aufgaben am Anfang sehr groß vorkommen und vieles neu erscheinen mag. Er meinte aber auch, dass es schwierig ist, in einer Behörde wie der VG-Verwaltung aufgrund der komplexen Strukturen viele Prozesse in kurzer Zeit umzustellen.

Am Tag der Stichwahl: Stefan Spitzer gratuliert seinem Nachfolger Christoph Schneider zum Wahlsieg.
Am Tag der Stichwahl: Stefan Spitzer gratuliert seinem Nachfolger Christoph Schneider zum Wahlsieg.

Was haben Sie sich für die ersten 100 Tage im Amt vorgenommen – und was ganz bewusst nicht?
Es wird bereits konkrete Änderungen für die Bürger geben. Zum Beispiel wollen wir künftig am langen Donnerstag, an dem die Bürgerdienste der Verwaltung von 8.30 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 18 Uhr geöffnet sind, durchgehende Öffnungszeiten anbieten. Damit möchten wir auch Berufstätigen den Behördengang in der Mittagspause ermöglichen. Außerdem starten wir die Testphase für den Bürgerkoffer. Ziel ist es, dass Verwaltungsmitarbeiter damit zum Beispiel ältere Menschen, die in der Mobilität eingeschränkt sind, zu Hause besuchen, um bestimmte Behördengänge zu vermeiden. Weiterhin wird es auch möglich sein, terminlos in die Verwaltung zu kommen. Mehr Details folgen im neuen Jahr.

Was sind die drei wichtigsten Projekte, die Sie während Ihrer Amtszeit angehen wollen?
Die Turboflächen und die Feuerwehrhäuser in Kusel, Konken und Bosenbach wurden ja bereits genannt. Beim Thema Brandschutz stehen allerdings noch in anderen Ortsgemeinden Planungen an, bei denen im Einzelfall zwischen Neubau, Anbau oder Umbau entschieden werden muss. Als Drittes steht die Sanierung der Fritz-Wunderlich-Halle in Kusel an, gemeinsam mit dem Kreis. Fördermittel wurden schon bereitgestellt, jetzt geht’s an die Umsetzung.

Die Unterfinanzierung der Kommunen ist ein Dauerproblem. Welche Möglichkeiten sehen Sie, neue Einnahmen zu generieren oder Ausgaben zu senken?
Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir als Region mit vielen kleinen Ortsgemeinden keine großen Sprünge machen können und oft mit dem Rücken zur Wand stehen. Potenzial sehe ich allerdings in der Digitalisierung und in dem Bürokratieabbau in der Verwaltung. Dazu gehören für mich auch die Turboflächen – wir bräuchten mehr solcher Regelungen in Abstimmung mit Bund und Land, um Prozesse deutlich zu vereinfachen und beschleunigen.

Wird es mit Ihnen eine Erhöhung der Verbandsgemeindeumlage geben?
Wenn die finanziellen Eckdaten – Stand heute – so bleiben und wir uns mit der Kommunalaufsicht des Kreises einig sind, wird es mit mir keine Erhöhung geben. Wichtig ist, in Abstimmung mit dem Landkreis und den anderen VG-Bürgermeistern mehr Finanzmittel in unsere Region zu bekommen. Zwar wird nächstes Jahr einiges an Geld in den Landkreis fließen, darunter das Sondervermögen des Bunds. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das Geld am Ende nicht reichen wird. Speziell für die Westpfalz müsste mehr Geld bereitgestellt werden. Ich sehe allerdings da mehr den Bund als das Land in der Pflicht.

Ein anderes Thema, das in der Verbandsgemeinde für große Diskussionen gesorgt hat, war das neue Abwassergebührenmodell. Wurden nach der fehlerhaften Berechnung vor mehr als einem Jahr die richtigen Konsequenzen gezogen?
Es sind immer noch Widersprüche da, die bearbeitet werden. Aber mit dem neu gegründeten Arbeitskreis, der vor wenigen Wochen das erste Mal getagt hat, sind wir meiner Meinung nach auf einem guten Weg. Der Ausschuss entstand ja aufgrund eines Votum-Antrags, um die Entgeltsatzung für Wasser und Abwasser zu überprüfen. Wir haben uns darauf verständigt, dass der Bürgermeister den Vorsitz hat und neben der Werkleitung und Verwaltungsmitarbeitern auch die Fraktionen mit jeweils zwei Personen vertreten sind.

Schon mehrere Wochen vor dem offiziellen Amtsantritt montiert: das Büro-Türschild mit dem Namen des neuen Bürgermeisters.
Schon mehrere Wochen vor dem offiziellen Amtsantritt montiert: das Büro-Türschild mit dem Namen des neuen Bürgermeisters.

Wenn Sie eine Sache per Knopfdruck sofort lösen könnten – welche wäre das?
Eine gute Frage (überlegt lange). Spontan wäre mein Wunsch, dass bestimmte Prozesse in der Verwaltung schneller umgesetzt werden. Ein konkretes Beispiel ist die IT-Infrastruktur: Während in der freien Wirtschaft Neuerungen zügig umgesetzt werden, liegt in der Verwaltung die Administration vieler Software- und Netzwerkstrukturen nicht direkt im Haus. Dadurch sind schnelle Änderungen von heute auf morgen oft unmöglich.

Sie hatten auch angekündigt, die Verwaltung transparenter zu gestalten. Was muss künftig besser laufen?
Wir müssen Vorgänge besser kommunizieren, solange keine sensiblen Daten betroffen sind, und nicht nur über das, was zum Beispiel Thema in den Ratssitzungen ist. Etwa, warum wir in einer Fachabteilung drei neue Personen einstellen, was auf Landes- oder Bundesvorgaben zurückzuführen sein kann. Auch muss unser Ziel sein, dass der Bürger gerne ins Rathaus kommt. Dazu müsste es meiner Meinung nach möglich sein, für alltägliche Vorgänge im Bürgerdienst ohne vorherige Terminvereinbarung vorbeizukommen und bedient zu werden.

Viele Kommunen klagen über Personalmangel. Wie stellt sich die Situation in der Verbandsgemeinde dar?
Natürlich gibt es Nachbesetzungen und offene Stellen, die für 2026 ausgeschrieben sind, aber eine hochkritische Situation sehe ich nicht. Stand heute sind wir gut besetzt, auch was die Altersstruktur betrifft.

Die Verwaltung muss also nichts tun, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden?
Doch, im Gegenteil. Wir wollen im Bereich Personalgewinnung weitere Türen öffnen, um noch mehr Leute zu erreichen. Aktuell bedienen wir nur die Homepage der Verwaltung, künftig wollen wir auch auf Facebook, Instagram und LinkedIn aktiv werden.

Wie oft haben Sie sich bisher mit den Fraktionen im VG-Rat ausgetauscht?
Es gab bereits das eine oder andere gemeinsame Gespräch. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass nicht die gewohnte Parteipolitik im Vordergrund steht, sondern im Interesse des Bürgers gehandelt wird – auch bei Anträgen, die vielleicht von der anderen Fraktion kommen.

Was bedeutet das für den Umgang mit der AfD?
Ich stehe für eine offene, demokratische und respektvolle Kommunalpolitik. Die AfD vertrete ich inhaltlich nicht, und ich sehe ihre politischen Positionen in vielen Bereichen als nicht vereinbar mit meinen Grundüberzeugungen und den Werten unserer Verfassung. In den kommunalen Gremien gilt für mich dennoch: sachliche Zusammenarbeit dort, wo es um konkrete Lösungen für unsere Bürgerinnen und Bürger geht – bei gleichzeitiger klarer Abgrenzung gegenüber populistischen, ausgrenzenden oder demokratiefeindlichen Positionen.

Sie sind nebenher Ortsbürgermeister in Etschberg und engagieren sich dort auch bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wie lange bleibt das so mit Ihrer neuen Aufgabe als VG-Bürgermeister?
Mein Ziel ist es, mein Ortsbürgermeisteramt in der aktuellen Wahlperiode noch zu Ende führen. Meine Rolle bei der Feuerwehr – ich bin zusätzlich in der Führungsstaffel der Verbandsgemeinde Kusel-Altenglan aktiv – muss ich nun etwas anders einschätzen. Bei größeren Schadenslagen wäre ich ohnehin mit dem neuen Amt in der Führungseinheit eingebunden. Bei der Feuerwehr in Etschberg – da haben wir im Jahr um die fünf bis zehn Einsätze – muss ich schauen, wie oft ich noch zu Einsätzen ausfahren kann. Aber die Feuerwehr bleibt für mich ein Hobby, dem ich so lange nachgehen möchte, wie es mir Spaß macht.

Gibt’s bereits einen potenziellen Nachfolger für die Ortsgemeinde?
Nein, dafür ist es noch zu früh. Aber schon ab Januar sollen Gespräche stattfinden, um einen potenziellen Kandidaten zu finden. Je früher sich jemand findet, desto besser – immerhin muss die Person für das Amt auch eingearbeitet werden.

Der Neu-Bürgermeister und seine Frau Nina Schneider.
Der Neu-Bürgermeister und seine Frau Nina Schneider.

Wie sieht’s mit Ihrer Familie aus: Überwiegt die Freude über den neuen Job oder die Sorge um die knapper werdende Freizeit?
Nein, meiner Frau und meinen Töchtern war natürlich schon vorher klar, wie viel Zeit mit einem solchen Amt verbunden ist. Die Entscheidung für meine Kandidatur wurde ja damals im „Familienrat“ intensiv abgestimmt. Ich hoffe dennoch, dass ich meinen freizeitlichen Schwerpunkt von der Abend- auf die Mittagszeit verlegen kann, um zumindest mit meinen Mädels gemeinsam zu Mittag zu essen. Wichtig ist für mich, dass die Gesundheit der Familie an erster Stelle steht – alles andere ergibt sich drumherum automatisch.

Zur Person

Christoph Schneider (40) ist in Etschberg aufgewachsen, wo er heute mit seiner Frau Nina Schneider und seinen beiden Töchtern lebt. Nach einer Ausbildung an der Technischen Universität in Kaiserslautern folgten berufliche Stationen bei verschiedenen Firmen. Bis Ende 2025 war er Bereichsleiter (Marketmanager) im Vertrieb bei einem Multi-US-Konzern in Heppenheim. 2018 trat der Etschberger in die SPD ein. Im Folgejahr wurde er erstmals in den Ortsgemeinderat und zum Ortsbürgermeister gewählt. In der Feuerwehr ist der leidenschaftliche Rock- und Metal-Fan seit mehr als 20 Jahren aktiv.

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