Kreis Kusel
Nebenbei bemerkt: Ideenlose Spritpreis-Bremser bräuchten neues Sommermärchen
Kennen Sie Sepp Müller? Klingelt bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, irgendwas bei diesem Namen? Jeden für sich hat man ja schon mal gehört. Auch im Zusammenhang: Es begab sich sogar noch lange vor der Zeit, da ein „Kuseler Bub“ ab 2002 die Fußballwelt entzückt und 2014 unsere Elf zum Titel geführt hat. Vor allem die Älteren unter uns können sich nicht nur an Miroslav Kloses großes Turnier erinnern, sondern auch noch an den Sieg anno 1974. Zeitzeugen könnten nun demnächst beim Gedanken an die Fußballer-Generation Sepp, Müller und Co. in Wehmut verfallen.
Dies aber nur, sollte die deutsche Nationalelf wieder einen Stiefel zusammenkicken wie 2018 in Russland und vor vier Jahren in der Wüste Katars. Endstation Vorrunde: Derlei Debakel war undenkbar, als Torhüter Sepp Maier und Mittelstürmer Gerd Müller mit Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath die Achse eines Teams bildeten, das uns den zweiten Weltmeistertitel beschert hat – 20 Jahre nach dem ersten, dem „Wunder von Bern“.
Sepp Maier und Gerd Müller noch vielen geläufig
Maier Sepp und „kleines dickes Müller“ sind bis heute vielen ein Begriff. Und Sepp Müller? Kaum anzunehmen, dass von ihm in 50 Jahren noch die Rede sein wird. Der 37-Jährige ist kein Sportler, sondern Berufspolitiker. Bundestagsabgeordneter der CDU, Fraktionsvize der CDU/CSU, Finanzfachmann aus Wittenberg. Müller hat dem Kolumnisten nichts getan, wirkt sogar sympathisch – trotzdem ist er zu einer Art Reizfigur geworden. Spiegelt diese Müller doch die geradezu erschreckende Hilflosigkeit der Politik und ihrer Protagonisten wider. Große Worte, keinerlei Plan.
Sepp Müller leitet mit SPD-Vize Armand Zorn die bundesdeutsche Spritpreis-Taskforce. Die hat just verkündet, dass der Tankrabatt am 1. Juli ausläuft – jenes angeblich so segensreiche Instrument, dass vor allem Betuchte zusätzlich entlastet und Ärmeren nichts nützt, das Mineralöl-Multis die Taschen füllt und den sparsamen Umgang mit umwelt- und zukunftsfeindlichen Ressourcen konterkariert. Müller aber irrt weiter von einer Fehleinschätzung zur nächsten. Doch, doch – der Nachlass sei wirksam gewesen, bringe aber fortan nichts mehr. Wie bitte? Im Mai noch hat er ihn als Superlösung gepriesen, aha. Dann hatte Müller plötzlich verlauten lassen, er hätte sich ja eigentlich bessere Lösungen gewünscht. So, so. Ja, was denn nun?
Streithähne in inniger Zweisamkeit vereint?
Kopfschütteln hat der derart herumeiernde 37-Jährige aber vor allem mit einem einzigen Satz auf sich gezogen: „Zwischen uns passt kein Blatt Papier“, hat er vor der Fernsehkamera verkündet, ohne vor Scham rot zu werden – denn mit „uns“ hatte er die Koalition aus CDU und SPD gemeint. Jene streitlustige, sich fortwährend gegenseitig angiftende Hetz- und Läster-Zweckgemeinschaft also, bei der schon mal eine Ministerin zur Kenntnisnahme der Gesamtbevölkerung behauptet, der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gebe verbal „Bullenscheiße“ von sich. Der Müller Sepp aber sieht alle in inniger Gemeinschaft eng vereint. Zumindest scheint er zu glauben, er könne dieses Märchen den Bürgern weismachen. Hat man da noch Worte?
In der Fernseh-Talkshow Markus Lanz ist Müller ob seiner stetig wechselnden Schönwetterreden zerpflückt worden. So arg zerrupft, dass er einem hat leidtun können. Müllers Problem und mithin das Schlimme an der Sache ist: Wie auch immer sie zum Tankrabatt stehen mögen, keiner aus der Politiker-Blase scheint einen Gedanken darauf verschwendet zu haben, wie denn eine wirkungsvolle Entlastung aussehen könnte, wenn in naher Zukunft immense Preissteigerungen folgen.
Profiteure dürften zittern vor Müller und Co.
Mit dem milliardenschweren Steuerverzicht an der Tanke hat die Koalition vor allem der nimmersatten Mineralölbranche geholfen. Die Profiteure aber bleiben wohl schön unangetastet. Obwohl: Die Multis dürften (Achtung, Ironie) zittern vor Furcht ob der Drohung von Müller Sepp und Co., man werde die Preise genauestens im Auge behalten und weitere Maßnahmen prüfen. Ansonsten müsse man jetzt mal schauen, wie man die Bürger noch ein bisschen entlasten könne. Echt jetzt? Endlich aufgewacht? Was haben die Herrschaften seit Kriegsbeginn im Iran denn getan?
Bislang eher wenig getan – ehe sie in die Sommerpause geht – hat die neue Regierungskoalition in Mainz. Vor allem hat sie Unmut auf sich gezogen. Im Wahlkampf war die CDU noch empört über die „Selbstbedienungsmentalität“, die sie der SPD vorgeworfen hat. Kaum war die Wahl gewonnen, machen die Christdemokraten ungerührt mit und langen selber zu. Die SPD hat Spitzenpersonal beurlaubt, das dank dieses Drehs lukrative Pöstchen besetzen und gleichzeitig eigene Ruhestandsansprüche hochschrauben durfte – ganz legal, wie die Sozialdemokraten betonen. Otto Normalbürger aber, der soll nun nach Vorstellung der Reformer in Berlin sogar auf Rentenpunkte verzichten, wenn er zu Hause Angehörige pflegt. Als Dank dafür soll wohl genügen, dass er bei der Pflege zu Hause wenigstens nicht sofort das Häuschen abgenommen kriegt. Starkes Stück.
Bei der WM bricht sich der Größenwahn Bahn
Keine Ahnung, ob Sepp Müller Fußballfan ist. Gemutmaßt werden aber darf, dass er wie all die anderen Politiker in Berlin auf eines hofft: Dass inmitten der vor Größenwahn berstenden Abzocker-Weltmeisterschaft ein Sommermärchen gedeiht, das die Trübnis lichten und den Menschen neue Hoffnung bringen möge.
Märchenhaft könnte allenfalls ein Erfolg unserer Mannschaft wirken. Die Euphorie aber dürfte bald verpuffen. Damit sich die Stimmung im Land dauerhaft bessert, braucht’s mehr als einen Triumph auf dem Fußballfeld.