Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Mobilitätsmanager Schoon präsentiert Bürgerbus-Modell vor Fachleuten in Brüssel

Telegen: Karl-Heinz Schoon, Mobilitätsmanager des Landkreises Kusel, rückte in Brüssel das Bürgerbus-Konzept ins rechte Licht.
Telegen: Karl-Heinz Schoon, Mobilitätsmanager des Landkreises Kusel, rückte in Brüssel das Bürgerbus-Konzept ins rechte Licht.

Wie sieht die Mobilität von morgen aus? Antworten darauf lassen sich auf dem Lande ungleich schwerer finden als in Ballungsräumen. Einer, der Konzepte mitgestaltet, ist Karl-Heinz Schoon. Der Mobilitätsbeauftragte des Kreises hat ein Vorzeige-Projekt bei der EU-Kommission präsentiert.

Von Lohnweiler lässt sich gut nach Lauterecken gelangen. Falls der Zug mal wieder nicht fährt, klappt’s mit dem Bus – oder auch mit dem Bürgerbus. Wer vom Ortsteil Schmittweiler zu Ärzten oder ins Rathaus nach Schönenberg will, hat da schon mal eine Alternative weniger, wird aber ebenfalls kaum scheitern. Auch dort und in der Kreismitte rollen Bürgerbusse, die sich nach Überzeugung von Karl-Heinz Schoon längst als sinnvolle Ergänzung des Nahverkehrsangebots etabliert haben. Schoon selbst gilt als ein Motor der Institution Bürgerbus und wird nicht müde, die Konzeption zu preisen. Das hat er jetzt sogar in Brüssel getan: Dort, bei der EU-Kommission, hat der Mobilitätsmanager des Landkreises das „Leuchtturmprojekt Bürgerbus“ ins rechte Licht gerückt.

Smarta-Net, so nennt sich ein Forschungsprojekt der EU, in dessen Zuge nun nach wegweisenden Modellen für Mobilität in ländlichen Regionen in der Europäischen Union gesucht wird. Zu Beginn haben Wissenschaftler Anfang vergangenen Jahres Mobilitätsprojekte in ganz Europa aufgetan, den Kontakt zu den Machern gesucht und sie für eine Beteiligung gewonnen. Repräsentanten aus 16 EU-Ländern sind bei dem Vorhaben vertreten – unter den zehn Projekten aus Deutschland hat neben anderen die Idee des Bürgerbus-Betriebs überzeugt, wie sie vor allem in Rheinland-Pfalz Vorbildcharakter entfaltet hat.

Exklusiver Kreis an Projekten leuchtet in Brüssel

Unter 15 beispielgebenden Modellprojekten ist der Bürgerbus, wie er im Landkreis Kusel funktioniert. Das Konzept mit sechs Fahrzeugen, die in drei Verbandsgemeinden auf Anmeldung hin Bürger aus umliegenden Orten in nahe gelegene kleinere Zentren befördern, ist zu einem der „Leuchtturmprojekt“ auserkoren worden. Vergangene Woche gab es zum bevorstehenden Projektende hin noch einmal ein Treffen in den Räumen der EU-Kommission in Brüssel. Dort hat Schoon nun das Bürgerbus-Modell, das er von 2016 bis 2019 maßgeblich mitentwickelt hat, in großer Runde vorgestellt.

Ländliche Mobilität, aber auch Tourismus, Nachhaltigkeit von Nahverkehrsplänen und nicht zuletzt die Finanzierung spielen bei dem Smarta-Net-Forschungsvorhaben eine Rolle. Der Begriff steht als Abkürzung für „Smart Rural Transport Areas“, was die Beteiligten mit „Intelligente Lösungen für ländliche Mobilität“ übersetzen. Diejenigen, die damit befasst sind, gelte es zu vernetzen, um den Austausch zu erleichtern, Fragestellungen und Lösungen gemeinsam erörtern und gegebenenfalls voneinander abschauen und Modelle übertragen zu können.

Vielfältige Herausforderungen in verschiedensten Winkeln

Schoon war schon öfter in Ungarn, sehr gern sogar. Dort hat er nicht unbedingt die allerletzten Winkel des Landes aufgesucht. Aber wie gottverlassen einige Menschen mitten in Europa ihr Dasein fristen, das ist dem früheren Bürgermeister der Verbandsgemeinde Schönenberg-Kübelberg bewusst geworden. „Da gibt’s verlassene Höfe, auf denen wohnt noch eine Oma. Ganz alleine.“ Die Zivilisation scheint weit entfernt. „Einmal die Woche kommt ein Auto und bringt Lebensmittel und Medikamente.“ Wie können die Bewohner, die diese entlegenen Inseln inmitten der Ödnis nicht verlassen wollen, beispielsweise zu einem Arzt gelangen?

Im RHEINPFALZ-Gespräch schneidet Schoon auch Madeira an. Auf der von Tourismus geprägten portugiesischen Atlantik-Insel stünden viele in Hotellerie und Gastronomie beschäftigte Mitarbeiter vor dem Problem, vom Wohnort zu ihren Arbeitsplätzen zu gelangen. Während findige Köpfe in anderen Tourismus-Regionen bereits über der Frage brüteten, wie sich Angebote eines Urlaubs ganz ohne Auto gestalten lassen – Anreise inklusive. Die Herausforderungen von Smarta-Net sind vielfältig und orientieren sich vor allem an den örtlichen Gegebenheiten. An einigen Lösungsansätzen wird getüftelt, andere sind in der Umsetzungsphase, in Erprobung oder gar schon weitgehend ausgereift. Gemein ist ihnen: Es lohnt ein näherer Blick darauf, was sich da an guten Ideen womöglich mitnehmen und auf die Erfordernisse vor der eigenen Haustür übertragen lassen könnte.

Betrieb auf Ehreamtsbasis lässt andere staunen

Mit der Bürgerbus-Präsentation hat Schoon nach eigener Darstellung auch Erstaunen geerntet: „Es kann sich niemand so recht vorstellen, dass das auf ehrenamtlicher Basis funktioniert“, sagt er. Allein ehrenamtlich aber ließen sich die großen gesellschaftlichen Herausforderungen auch hier nicht stemmen. Bei der Entwicklung zukunftsfähiger Mobilitätsmodelle gerieten bereits seit geraumer Zeit Problemstellungen ganz anderer Dimension in den Blick. Es gehe um wesentliche Aspekte der Nachhaltigkeit: Wie kann Fortbewegung möglichst ressourcen- und somit umweltschonend gestaltet werden? Die Frage, wie sich ohne eigenes Auto von A nach B gelangen lasse, stelle sich perspektivisch nicht nur im Alltag, sondern werde auch vor Naherholungs- und Urlaubsangeboten im ländlichen Raum nicht Halt machen.

Schoon nennt dabei Car-Sharing-Angebote, wie in Ansätzen mittlerweile ja in Henschtal und Wahnwegen zu finden. Notwendig aber sei zunächst, die Strukturen zu schaffen. Etwa sogenannte Mobilitäts-Hubs einzurichten. Ein Beispiel: Die Car-Sharing-Stützpunkte mit Elektro-Ladestation ließen sich etwa noch erweitern um Fahrradboxen und Paketstationen.

Vor allem: Gemäß des Forschungsansatzes einer „smarten“ Steuerung, müssten mittels neuer digitaler Angebote Informationsflüsse und Buchungsvorgänge vereinfacht werden. Damit zum Beispiel jemand, der von A nach B möchte, auch verlässlich jemanden findet, der ohnehin von A nach B fährt. Digitale Mitfahrerbank – eine der Ideen, die auch im Kreis Kusel zum Tragen kommen könnte.

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