Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Kreisjagdmeister: „Wir kriegen höchstwahrscheinlich noch mehr Wölfe“

„Wenn der Wolf eine Fähe findet, so heißen die weiblichen Wölfe, könnten sie ein Rudel gründen. Denn wenn Welpen kommen, spricht
»Wenn der Wolf eine Fähe findet, so heißen die weiblichen Wölfe, könnten sie ein Rudel gründen. Denn wenn Welpen kommen, spricht man schon von einem Rudel«, erklärt Kreisjagdmeister Bernd Klinck.

Der Wolf GW4433m ist im Landkreis unterwegs. Benjamin Ginkel hat mit Kreisjagdmeister Bernd Klinck übers Heulen, grausame Bilder und tote Wölfe in Löchern gesprochen.

Herr Klinck, Sie hatten in der Vergangenheit mehrfach gesagt, dass es im Landkreis Kusel Platz für ein bis drei Wölfe gibt. Jetzt ist ein Wolf da, der Tierhalter und Öffentlichkeit bereits schwer beschäftigt ...
Ich bleibe dabei und bin weiter für den Wolf. Ich persönlich würde mich freuen, mal einen Wolf in freier Wildbahn zu sehen. Das Tier ist von sich aus hierhergekommen und gehört aus meiner Sicht zur natürlichen Biodiversität dazu. Wölfe waren früher einmal bei uns heimisch, das hier ist sein angestammter Lebensraum.

Das ist eine Steilvorlage für alle Wolfsgegner ...
(lacht) Und ich stehe weiter dazu! Aber ich sage nicht, dass es einfach ist. Natürlich stehen die Interessen der Weidetierhalter dem entgegen. Es gibt durchaus Menschen, die ihre Probleme mit dem Wolf haben und noch bekommen werden. Das müssen wir berücksichtigen – und mit der Erweiterung des Präventionsgebietes ist das Land zügig tätig geworden.

Für Schäfer, Gatterbesitzer und Bauern ist der Schutz ihrer Tiere jetzt mit mehr Aufwand verbunden.
Das ist sogar ein Mordsmehraufwand für Halter: Überall müssen Stromzäune aufgebaut werden, in Hanglagen muss sichergestellt werden, dass die Zäune hoch genug sind, die Erdung muss stimmen, es muss regelmäßig gemäht werden ... aber zumindest gibt es nun eine finanzielle Förderung für solche Maßnahmen.

In den vergangenen Wochen habe ich zum Wolf mehrfach gehört: „Loch machen, abschießen, verbuddeln.“ Auch von Jägern. Ist das die Lösung des Problems?
Bloß nicht! Wölfe sind naturschutzrechtlich eine streng geschützte Tierart. Ich rate dringend dazu, die Finger vom Abzug zu lassen. Denn wenn es rauskommt, dass ein Jäger einen Wolf geschossen hat – und es wird rauskommen –, dann ist nicht nur der Jagdschein weg.

„Ich bin gerade intensiv dabei, mir Wissen über Wölfe anzulesen und Informationen zu beschaffen“, gibt Kreisjagdmeister Bernd Kl
»Ich bin gerade intensiv dabei, mir Wissen über Wölfe anzulesen und Informationen zu beschaffen«, gibt Kreisjagdmeister Bernd Klinck offen zu. Aber schließlich ist die Situation auch für ihn neu.

Sondern?
Wer so gegen das Naturschutzrecht verstößt, begeht eine Straftat, keine Ordnungswidrigkeit. Neben dem Verlust des Jagdscheins für mehrere Jahre muss der Jäger seine Waffen abgeben. Dazu kann eine hohe Geldstrafe kommen. Bei Straftaten mit Waffen werden die Gerichte hellhörig. Anders als im Märchen erheben wir unsere Waffe gegen einen Wolf nur, wenn das zu 100 Prozent gesetzlich geregelt ist.

Was sollten Tierhalter oder Jäger stattdessen tun, wenn sie einen Wolf auf frischer Tat ertappen?
Laut rufen, in die Hände klatschen oder in die Luft schießen, um den Wolf zu vertreiben. Aber aus den genannten Gründen auf keinen Fall das Tier selbst erlegen, in Bedrängnis bringen oder sogar wegrennen. Denn dann wird der Folgeinstinkt geweckt.

Der Rüde GW4433m scheint für die Nutztier-Risse verantwortlich zu sein, die seit November im Kreis Kusel aktenkundig wurden. Ist er ein Problemwolf?
Ich bin gerade intensiv dabei, mir Wissen über Wölfe anzulesen und Informationen zu beschaffen. Nach meinen Kenntnissen ist das kein Problemwolf, das wäre er dann, wenn er lernt, die speziellen Elektrozäune zu überwinden. Bei uns ist es ja für den Wolf oft noch recht einfach, an die Beute zu kommen. Problematisch wäre außerdem, wenn der Wolf seine Scheu vorm Menschen verliert. In diesen Fällen könnte angeordnet werden, dass der Wolf entnommen werden muss – also geschossen.

Es sind grausame Bilder, die man nach einem Wolfsangriff auf eine Schafherde sieht. Wieso schnappt er sich nicht ein Tier und frisst sich daran satt? Bei dem mutmaßlichen Wolfsriss bei St. Julian wurden am vergangenen Wochenende gleich acht Schafe getötet, zwei verletzt ...
Erstmal merkt der Wolf natürlich, dass es für ihn im Moment bequemer ist, Nutztiere zu erbeuten, als einem Reh hinterherzurennen. Die bei uns bisher genutzten Zäune sind für ihn kein echtes Hindernis. Wölfe sind sogenannte Vorratsfresser, die sich schnappen, was sie kriegen können, und dann immer wieder zum Fressen zur Beute zurückkehren. In einer Schafherde, auf vergleichsweise engem Raum, erwischt es deshalb so oft mehrere Tiere. Der Jagdinstinkt lässt den Wolf wegrennenden Schafen nachstellen, selbst wenn er schon Beute gemacht hat.

Melden sich Menschen beim Kreisjagdmeister, um mehr zum Wolf zu erfahren?
In den vergangenen Wochen immer wieder. In den Telefonaten wird dann schnell klar, dass kaum jemand was über die Tiere weiß. Ich hatte jüngst eine Frau am Telefon, die ganz aufgeregt war, weil sie ihr Kind beim Spielen im Freien nicht mehr aus den Augen lässt.

Das Bild des Wolfes ist bei vielen Menschen durch Märchen und Filme geprägt. Das ist so die „Weißer-Hai-Mentalität“: Da hat auch ein Film eine ganze Tierart in Verruch gebracht. Der Wolf frisst keinen Menschen. Aber er kann ihn verletzen, wenn der Mensch bestimmte Regeln nicht einhält.

Die da wären?
Nun. Der Wolf ist kein Kuscheltier, aber er ist auch keine blutrünstige Bestie. Natürlich halte ich da Abstand, wenn er mir in freier Wildbahn begegnet. Wenn ich ein bisschen Lärm mache, verschwindet er. Füttern ist natürlich tabu, er soll schließlich die Scheu vorm Menschen behalten.

Schön in die Fotofalle getappt: ein Wolf bei Erdesbach. Höchstwahrscheinlich GW4433m, der im Glantal bereits Dutzende Tiere geri
Schön in die Fotofalle getappt: ein Wolf bei Erdesbach. Höchstwahrscheinlich GW4433m, der im Glantal bereits Dutzende Tiere gerissen hat.

Müssen Hundehalter etwas wissen, wenn sie mit ihrem Vierbeiner unterwegs sind?
Den Hund immer anleinen. Wenn der Wolf einem Hund begegnet, gibt’s zwei Möglichkeiten: Er erkennt ihn als Artgenossen an und lässt ihn in Ruhe oder er will sein Revier verteidigen und greift den Hund an. Hunde sollten in der Natur immer angeleint werden. Wenn es zu einer Begegnung kommen sollte, dann sollte der Halter den Hund nah an den Menschen holen, Lärm machen und langsam zurückgehen. Übrigens sind andere Tiere für Menschen und Hunde deutlich gefährlicher als der Wolf ...

Und zwar?
Waschbären. Die sehen halt niedlich aus und werden nicht als gefährlich wahrgenommen, aber sie sind Wirte für den Spulwurm, die beide für Menschen gefährlich werden können, wenn er sich infiziert. Auch deswegen sind wir Jäger angehalten, Waschbären – eine invasive, also nicht heimische Art – zu schießen. Waschbären, Nutrias und Marderhunde breiten sich bei uns gerade aus.

Und der Wolf? Sucht der GW4433m bei uns eine Partnerin?
Tatsächlich sind Wölfe von Januar bis März in der Ranzzeit, suchen also Partner. Wenn er eine Fähe findet, so heißen die weiblichen Wölfe, könnten sie ein Rudel gründen. Denn wenn Welpen kommen, spricht man schon von einem Rudel.

Hört man den Wolf heulen? Ihr Revier liegt schließlich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einigen der Risse.
Ich hab ihn noch nicht gehört. Das Heulen dient der Reviermarkierung und der Verständigung. Es könnte also sein, dass er eine Fähe auf sich aufmerksam machen will. Übrigens bellen Wölfe nicht, auch wenn sie mit dem Hund verwandt sind.

Bleibt’s beim einsamen Wolf oder findet er jemanden?
Das lässt sich schwer sagen. Ich bin aber sicher: Wir kriegen höchstwahrscheinlich noch mehr Wölfe. Wenn die Jungtiere ihr Rudel verlassen, suchen die sich ein Revier. Deshalb ist momentan wichtig, die Wolfspopulation zu überwachen und im Jagdrecht zu klären, dass auffällige Tiere entnommen werden dürfen.

Zur Person

Bernd Klinck aus Ulmet ist seit 20 Jahren Kreisjagdmeister im Landkreis. Der 69-Jährige steht der Kreisgruppe Kusel im Landesjagdverband Rheinland-Pfalz vor. Die Gruppe vertritt nach eigenen Angaben die Interessen der Jägerinnen und Jäger, unterstützt den Natur- und Artenschutz und pflegt und fördert alle Zweige des Jagdwesens.

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