Thallichtenberg
Konzert für Flöte und Jazzklavier
Der im südfranzösischen Cannes geborene Komponist und Pianist Claude Bolling (1930-2020) schrieb vor allem Filmmusik, unter anderem auch für Streifen mit Brigitte Bardot, aber auch Werke, in denen er Klassik und Jazz zusammenführte. Dazu zählt die jetzt vom Instrumental-Gespann angestimmte „Suite for Flute and Jazz Piano“ aus dem Jahr 1975.
In diesem Stück unternimmt der Komponist eine Rundreise durch verschiedene musikalische Stile und Epochen – eine interpretatorische Herausforderung, die Flötistin Rotraut Jäger und die aus Kolumbien stammende Pianistin Carolina Sarmiento León souverän meisterten. Bereits im ersten Satz stellten die beiden wunderbar harmonierenden Musikerinnen mit Barock und Blues zwei völlig unterschiedliche Stile gegenüber. Gleichwohl formten sie dabei doch ein stimmiges Ganzes.
Aparte Klangwelten
Mit weichen, weit geschwungenen Klangbögen in aparten Klangwelten loteten sie im zweiten Satz mit dem Titel „Sentimentale“ musikalische Grenzen aus. Sehr differenziert war hier ihre nuancenreich ausschattierte Interpretation. Subtilste Feinheiten ließen sie in ihrer Gestaltung hervortreten.
In ihrem klangschönen, temperamentvollen Spiel fanden auch neckische Akzente ihren Platz. Immer wieder tauchten völlig unvermutet „blue notes“ auf und steuerten eine jazzige Note bei, völlig ungezwungen und selbstverständlich. Die warm überhauchten Flötenweisen nahmen im Verlauf des Satzes einen elegischen Ausdruck mit folkloristischen Elementen an. Auch leuchtend-helle Klänge wirkten nie grell im stilsicheren Spiel von Rotraut Jäger.
Fast wie Streetdance
Kraftvoll-flippig, fast wie Streetdance, setzte der Satz „Javanese“ am Piano ein. Dann befriedete die Flöte die hektisch-überstürzte Eile des Klavierparts, die Carolina Sarmiento León ohne Scheu vor harschen Klängen sehr authentisch gestaltete.
Zu den markanten, immer wiederkehrenden rhythmischen Mustern im Klavier bildete das Flötenthema einen Ruhepol, auch wenn es im Verlauf des Spiels intensiver wurde und Fahrt aufnehmen sollte.
Prägnante Akzente
Ganz im Stil einer Barockfuge klinkte sich die Flöte mit ihrem Thema schnell in den eher jazzig angehauchten Klavierpart ein. So entstand ein sehr transparent gestaltetes mehrstimmiges Klangbild. Immer wieder setzte das Klavier prägnante Akzente, während sich das Flötenthema durch eine fast volksliedhafte Einfachheit auszeichnete, die Rotraut Jäger mit ihrem einfühlsamen Spiel noch unterstrich. Der innige Ausdruck der Flöte erinnerte fast an eine menschliche Stimme.
Die „Irlandaise“ überraschte durch ein frappierendes Klangbild: Die Flöte klang durch einen Dämpfer stark verfremdet, viel intensiver, direkter und kraftvoller, während das Klavier sich immer intensiver in seinen Groove hineinwühlte.
Barock mit Jazz und Blues
Schnell flirrende, in hochvirtuosem Spiel gegeneinander gesetzte Klangflächen charakterisierten das „Versatile“, während im Schlusssatz „Veloce“ die Flöte den energischen Rhythmus des Klaviers übernahm; grelle Akzente leiteten ein abruptes Finale ein. Einen musikalischen Abstecher nach Südamerika unternahmen die beiden Musikerinnen des Duos Nomos in der 1994 komponierten „Sonata Latino“ des 1958 geborenen britischen Jazzers Mike Mower. Er integriert hier Stilelemente aus Kuba, Argentinien und Brasilien.
Sehr dezidiert gestaltete Rotraut Jäger ihr Flötenthema in der „Salsa Montunate“. Das Klavier fungierte nach einem fanalartigen, von Carolina Sarmiento León sehr markant gespielten Auftakt immer wieder als Impulsgeber im schnell pulsierenden Klangbild.
Ganz selbstvergessen, wie auf der Suche nach dem eigenen Klang setzte Rotraut Jäger in „Rumbango“ ein. Ihre Melodie glitt in chromatisch glitzernden Tönen immer wieder abwärts, zu zupackenden Tangorhythmen im Klavier. Die „Bossa Merengova“ zeichnete sich durch einen klangschön gestalteten, insgesamt weicheren melodischen Fluss aus, bei klar umrissenen Themen und jazzig-diatonischen Harmonien vor allem im Klavierpart.