Nebenbei bemerkt ...
Kolumne zum Wochenende: Über Helden, Vollidioten und Schüsse aus Kanonen
Spielt die Welt denn völlig verrückt? Indizien und Belege für diese These türmen sich gefühlt täglich höher auf. Offenbar kommen immer mehr Menschen mit der sich in aberwitzigem Tempo wandelnden Realität nicht mehr zurecht – und ticken aus. Und die Einschläge kommen näher: Vor drei Wochen hat in Reichenbach-Steegen ein Mann mutmaßlich seine Frau umgebracht, vor Wochenfrist soll eine Frau im Lauterer Hauptbahnhof einem Mann tödliche Messerstiche versetzt haben. Auch die vermeintlich heile kleine Welt der Westpfalz droht in Trümmer zu fallen.
Dank an alle Retter in der Not
Wie schön, dass ab und an eine gute Nachricht all das Üble, das uns täglich zu Ohren und vor Augen kommt, ein wenig abzumildern vermag. So geschehen anfangs der Woche: Da ist in Grumbach einem Mann aufgefallen, dass bei seinem Nachbarn etwas vor der Tür steht, das eigentlich im Haus sein sollte: ein angeliefertes und, anders als sonst, verschmähtes Mittagessen. „Was geht’s mich an?“, mag da mancher in ähnlicher Situation denken – wegschauen und seine Weges gehen. Üblich in Städten, in denen oft keiner den anderen nebenan kennt.
In Grumbach ist das anders. Dort hat die Nachbarschaft nicht weggesehen, sondern gehandelt. Schnell war eine Hilfsaktion in Gang gesetzt. Man fand den 78-Jährigen, seit dem Vorabend hilflos weit unterhalb einer Ortsstraße im Steilhang liegend. Feuerwehrleute aus dem Ort eilten hin, Verstärkung rückte aus Lauterecken an, medizinische Helfer flogen herbei. Rund 30 Einsatzkräfte waren an der Rettung des Seniors beteiligt. Stark.
Sie alle haben höchstes Lob verdient. Man überlege mal: Die Feuerwehr der Verbandsgemeinde Lauterecken-Wolfstein hat in ihren Reihen eine Gruppe, die sich auf Absturz-Sicherung spezialisiert hat. Angehörige dieser Einheit hatten sich in Jettenbach (!) auf den Weg zum gut 25 Kilometer entfernten Einsatzort gemacht. Die Kameraden schafften es übrigens ohne deren Hilfe. Weil eben alles super geklappt, die Feuerwehr Hervorragendes geleistet hat.
Der Retter Lohn? Anfeindungen, Attacken, Hiebe
Der Lohn dafür? Händedruck, Schulterklopfen, Dankesworte. Das war’s. Dies genügt den Ehrenamtlern in aller Regel auch. Weil aber die Welt zunehmend verrückt spielt, drückt sich „Dank“ gegenüber Helfern aller Art heutzutage oft anders aus: Da werden Wehrleute, Polizisten, Ärzte, Sanitäter beleidigt, bespuckt, sogar geschlagen und getreten – und zu Silvester mit Raketen befeuert. Und sie kriegen womöglich von ganz speziellen unter all den der Realität entrückten Berufspolitiker*Innen noch ins Genick gehauen. Die behaupten, die Krawallmacher seien hier ja die eigentlichen Opfer – weil die Gesellschaft ihnen gegenüber versage ...
Abseits derlei Geschwafels aber hat sich tatsächlich tags nach der Grumbacher Rettungsaktion in St. Wendel-Niederlinxweiler ein Schwelbrand entzündet: Dort haben Helikopter-Eltern beim allmorgendlichen Taxidienst für die lieben Kleinen die Feuerwehrausfahrt an der Schule zugeparkt.
Falschparker mit Schaum vorm Mund
Es kam, wie’s kommen musste: Alarm. Feuerwehrleute brausten an, fanden aber keinen Parkplatz. Ausrücken konnten sie nicht – weil „Taxis“ dem Einsatzfahrzeug den Weg versperrten. Auf Bitten, man möge Platz machen, liefen Elterngesichter nicht etwa aus Scham, sondern aus purem Zorn feuerrot an. Anstatt sich zu entschuldigen und flugs zu trollen, rotzten Falschparker die Feuerwehrleute an, stießen üble Beleidigungen aus. Bin ich zu boshaft, wenn ich diesen Vollidioten wünsche, dass nächstes Mal, wenn sie die Feuerwehr blockieren, ihre eigene Bude am Verkokeln ist?
Besorgniserregend ist auch ein anderer Fall vor Ort, der zeigt, dass in diesem Lande einiges aus dem Ruder läuft. Eine Frau hat mutmaßliche Tierquälerei in einem Nordkreis-Dorf angeprangert, dabei vielleicht übers Ziel hinausgeschossen. Jetzt traf sie ein Gegenschlag. Eine Breitseite der Behörden in Form eines Strafbefehls, einer schriftlichen Verurteilung mit schier unglaublichem Strafmaß.
Mit Kanone auf Spatz gezielt
Die Strafverfolger haben, mit Verlaub, mit der Kanone auf einen Spatz geschossen. Wegen falscher Verdächtigung ist die unbescholtene Frau zur höchsten denkbaren Geldstrafe verdonnert worden: 180 Tagessätze, das entspricht sechs Monaten Freiheitsstrafe. Weit mehr, als die meisten Gewalttäter bei ihrer Premiere kriegen. Und dies, weil ihr Beweisvideo nicht aktuelle Szenen zeigte, sondern einige Monate alt war, als sie damit mutmaßlicher Verfehlungen eines Hundehalters belegen wollte.
Eine Ahndung wäre verständlich, hätte die Frau alle Vorwürfe aus der Luft gegriffen und Beweismittel gefälscht. Doch nichts davon war der Fall. Umso absurder dieses vorgehen, das ein fatales Signal aussendet. Normalbürger müssen daraus schließen: nur niemanden anschwärzen. Wegsehen, wenn Schlimmes im Gange ist oder man Anzeichen für häusliche Prügel, Gewalt gegenüber Kindern oder Tieren erkennt. Lieber brav den Mund halten. Weil man womöglich selbst auf der Anklagebank landet.