Kreis Kusel Kein purer Werbegag

Charly Hübner kam nur per Videobotschaft ins Kuseler Mehrgenerationenhaus, sein Film „Wildes Herz“ erntete dennoch viel Applaus.
Charly Hübner kam nur per Videobotschaft ins Kuseler Mehrgenerationenhaus, sein Film »Wildes Herz« erntete dennoch viel Applaus.

Der Zettel an der Abendkasse war lapidar. „Charly Hübner musste leider kurzfristig absagen.“ Ein purer Werbegag war der für Dienstagabend angekündigte Kurzbesuch des Regisseurs und Schauspielers in Kusel jedoch nicht. Der 45-Jährige war wegen einer Zugverspätung hängengeblieben. Sein Film „Wildes Herz“ begeisterte die Zuschauer im übervollen Kuseler Mehrgenerationenhaus trotzdem. Die Botschaft: „Bleibt kritisch und engagiert euch.“

Eigentlich hätte er Kusel gern mal gesehen. Denn das Autokennzeichen KUS sei ihm aus seinen Frankfurter Jahren bekannt, erzählt Charly Hübner in einer schnell geschusterten Videobotschaft von unterwegs. Am Flughafenbahnhof in Frankfurt sind die Macher von „Wildes Herz“, einer schnörkellosen Doku über die aufstrebende Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ und ihren Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow, hängengeblieben. Die Deutsche Bahn ist von Hamburg Richtung Westpfalz nicht gerollt, wie sie sollte, und Hübner hat, zwei Tage vorm offiziellen Kinostart seines Regie-Erstlings, nach dem Kuseler Termin noch eine Vorpremiere in Heidelberg auf der Liste des Dienstagabends stehen. Die nimmt er lieber wahr. „Das Ganze war zeitlich schon sehr optimistisch getaktet. Aber schade“, sagt Bastian Drumm, Sozialarbeiter in der Kontaktstelle Holler. Diese Kuseler Tagesstätte und das Mehrgenerationenhaus haben die Filmvorführung organisiert. Weil „die Werte, die der Film vertritt, sehr wichtig sind heute, wo rassistische Hetze in der bürgerlichen Mitte angekommen ist“, wie Drumm formuliert. Statt eines persönlichen Hallos schickt Hübner also eines via Leinwand. Umreißt kurz, was ihn antrieb zu der Doku, die ihn und Sebastian Schultz fast vier Jahre lang die sechs Musiker begleiten ließ, ohne Drehbuch, „neugierig und intuitiv“ der Frage nachspürend: „Was sind das für Leute?“ „Monchi“ und seine Freunde nämlich haben sich fürs Bleiben entschieden in ihrer wenig Perspektiven bietenden Vorpommerschen Heimat; anders als Hübner, der nach dem Abi „sehr müde“ war von seiner Umgebung und „keine Lust mehr auf die Neonaziszene um mich herum“ hatte. So sagt er es in einem Zeit-Kultur-Interview. Dabei ist Hübners Heimatstadt Neustrelitz siebenmal größer als Jarmen, in dem Sänger „Monchi“ in einem protestantisch geprägten Mittelschicht-Elternhaus aufwuchs, die Mutter Zahnärztin, der Vater Bauunternehmer. Es folgen 90 Minuten, in denen „Wildes Herz“ nüchtern die Genese von „Monchi“ zeigt, der nie stillsteht, stets schnell redet und textet und unter vollem Einsatz seiner vielen Kilos immer und überall den Rechten den Raum dichtmachen will, in vorderster Reihe und in ihren Hochburgen vor allem. Saufen und Fußball in der brutalen Variante als Hansa-Rostock-Ultra kennzeichnen die Teenagerjahre, dann kommt die überraschende Wende. Da, wo neonazistische Kreise offen „national befreite Zonen“ ausrufen und sich als Leuchtturm der Jugend- und Kulturarbeit positionieren, gehen „Monchi“ und die Band in die Opposition. Nicht in die bürgerliche, kirchliche oder parlamentarische, sondern in die sogenannte antifaschistische. Ihr alltägliches Erleben packen „Feine Sahne Fischfilet“ in holzschnittartige Texte. Das bringt der Band anfangs eine Beobachtung samt Peilsender am Auto seitens des Verfassungsschutzes ein – und stetig viele Fans. Es gibt Applaus nach den 90 Minuten, obwohl ja im übervollen Gemeinschaftsraum des Mehrgenerationenhauses, das kein Haus, sondern nur eine Etage füllt, vor jungen und alten, einheimischen und auswärtigen Augen bloß ein Film auf einer Leinwand lief, die Stühle unbequem waren, die Sicht teilweise schlecht, der Ton nicht prickelnd. Es gibt auch Applaus für die Spendensammlung zugunsten einer aus Kusel nach Rumänien abgeschobenen Roma-Familie. Empathie ist ein Stichwort an diesem Abend, in dem Drumm zum Abschluss sagt: „Bleibt kritisch, engagiert euch, macht die Welt bunt und schön.“ Richtung Kuseler Stadtmitte wartet da schon Der Nino aus Wien. Auch das ist ein Vertreter eines alternativen Kultur- und Lebensentwurfs, mit einem Humor, der die Dunkelheit dahinter nicht immer kaschieren kann. Der Nino gastiert in der Musikkneipe Schalander, und man hat sich abgesprochen. Das Konzert beginnt nach der Filmvorführung, und die Eintrittskarte fürs eine sichert vergünstigten Einlass fürs andere.

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