Lauterecken
Kaum ein Geschäft in Lauterecken hat einen Nachfolger
Die Demografie macht dem Lauterecker Einzelhandel zu schaffen: Sowohl das Publikum wird älter als auch die Ladeninhaber. „Die sind alle in unserem Alter, plus-minus“, sagt Stefan Jacob, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Erlebnis Lauterecken. Der 63-Jährige hat das Familiengeschäft Kirchner für Eisenwaren, Werkzeuge, Hausrat und Geschenke an seine Ehefrau Marion übergeben, ist aber selbst stets dort anzutreffen. Für die meisten Läden in der kleinen Stadt gebe es keinen Nachfolger. „Ich würde es meiner Tochter auch nicht empfehlen“, sagt er und berichtet von Schwierigkeiten, als solch kleine Firma zu bestehen und in der Lieferkette neben all den Großkunden überhaupt wahrgenommen zu werden.
In zehn Jahren, befürchtet er, werde es kaum noch ein familiengeführtes Einzelhandelsgeschäft in Lauterecken mehr geben. Es fehle an Laufkundschaft, an Hinweisen auf die Geschäfte. Dabei habe er deutlich gemerkt, dass mehr Menschen vorbeikämen, seit das Schloss fertig ist. Auch der Markt ziehe Menschen in die Innenstadt: „Da ist mittwochs und samstags richtig war los.“ Er hofft auf Hinweisschilder am Bahnhof, die auf Geschäfte hinweisen sollen. Mehr in Sachen Tourismus zu tun, auch für die Innenstadtsanierung, könnte helfen. Doch er fürchtet: „Wenn nicht bald etwas passiert, ist es zu spät.“ Die Geschäftsinhaber werden nicht jünger.
Beratung, Vertrauen, Beziehung
Zwar hätten in der Pandemie gerade jüngere Leute das regionale Einkaufen wiederentdeckt. Doch sie seien dabei häufig wenig konsequent. Gleiches gelte für Hergezogene, die doch häufig den einfachen Bestellweg übers Internet nähmen, weil es einfach billiger ist. „Wer online bestellt, zahlt oft kein Porto. Wenn ich bestelle, fallen aber Frachtkosten an“, verdeutlicht er die Problematik.
Beratung, Vertrauen, Beziehung sind die Stichworte, die er im Bezug auf den lokalen Handel nennt. Auch den direkten Kontakt zum Kunden. Jeden, der während des Gesprächs hereinkommt, kennt er. Für jeden hat er einen Tipp, einen Witz, eine Anekdote auf Lager.
Erlebnisse bieten
Um Kunden ein Erlebnis zu bieten und um neue Kunden zu gewinnen, habe es früher häufiger gemeinsame Aktionen der Geschäfte in der Innenstadt gegeben. Dann kam Corona. Und er „packe es“ auch einfach nicht mehr, sei großteils auf sich allein gestellt. „Alle wollen viel machen, aber keiner will was tun“, sagt Jacob. Das sei in fast allen Vereinen so, auch in gewerblichen. Zählen könne er noch auf die Unterstützung von Peter Reidenbach, dem Gründer des Glantal-Centers.
Gemeinsame Aktionen seien wichtig für die Geschäftstreibenden, um Kunden in die Stadt zu locken, die dann auch zu anderer Zeit wiederkämen, findet Jacob. Ob es nach Corona wieder Veranstaltungen geben wird? Der Vereinsvorsitzende ist nicht sicher: „Ich vermisse es nicht, wir haben jetzt zwei Jahre nichts mehr gemacht.“
Kunden kommen über Facebook
Recht regelmäßig bestückt wird noch die Facebookseite. Ein gutes Medium, um über Angebote zu informierten. Er sei sehr mit den Online-Besucherzahlen zufrieden, sagt Jacob. Darüber könnten auch Menschen erreicht werden, die nicht zum Stammpublikum zählen. Ein Beispiel: Ein Mann aus Groß-Gerau sei über die Facebook-Seite auf ein Angebot bei Kirchner aufmerksam geworden. Das Gerät sei in der Großstadt überall ausverkauft gewesen, also kam er nach Lauterecken gefahren. Ob er wieder zum Einkaufen in den Kuseler Nordkreis kommt, ist jedoch eher unwahrscheinlich.
Bis Januar 1989 gab es in Lauterecken den Gewerbeverein, der Veranstaltungen in der Stadt organisierte. Vorsitzender war jeweils der Stadtbürgermeister. Um die Gemeinnützigkeit zu bekommen, kam es zur Teilung: in den Heimat- und Kulturverein und die Werbegemeinschaft Erlebnis Lauterecken. Beide Vereine werden seitdem von denselben Vorsitzenden geleitet: der HuK von Heinrich Schreck, zweiter Stadtbeigeordneter und langjähriger Marktmeister, die Werbegemeinschaft von Stefan Jacob.
72 Mitglieder hatte die Werbegemeinschaft bei der Gründung, aktuell sind es unter 50: „Die Anzahl der Verkaufsgeschäfte ist natürlich deutlich weniger.“ Grundsätzlich sei Lauterecken noch gut aufgestellt, wenn es um die Dinge des alltäglichen Bedarfs gehe, auch wegen des Glantal-Centers mit Wasgau, Lidl und Rossmann. Nur eines fehle: Kleidung für Männer.
Kirchner: Seit mehr als 160 Jahren familiengeführt
Seit 1984 arbeitet der gelernte Bankkaufmann Stefan Jacob im Familiengeschäft Kirchner mit, das 1860 gegründet worden ist. 1991 übernahm er das Geschäft, das er 2013 an Ehefrau Marion weitergab, die damit sechster Inhaber aus der Familie ist. Das 160. Jubiläum des Unternehmens vor zwei Jahren wurde wegen der Pandemie nicht gefeiert.
„Ich bin so reingewachsen“, sagt Jacob über den Laden. „Ich bin auch Quereinsteiger“, fügt Ehefrau Marion Jacob hinzu. Beide können sich heute nichts anderes vorstellen, als hier zu arbeiten. „Die Pfannen werden selbst ausprobiert“, sagt er als Beispiel dafür, wie wichtig die Qualität der verkauften Produkte ist. „Die Leute müssen ja wieder kommen.“
„Beim Kichner“ gibt es alles von der einzelnen Schraube bis zum High-End-Küchengerät – 25.000 Artikel auf drei Stockwerken, ein Vollsortimenter in Sachen Hausrat bis Baumarkt. Den Koch- und Back-Boom während Corona hat man bei Kirchners bemerkt, Haushaltswaren seien sehr gefragt gewesen. „Die jungen Leute haben sich ordentlich ausgestattet“, sagt Jacob.
An „den Kichner“ schloss sich früher in der Lautertalstraße noch Intersport Schlemmer an. „Wir sind mittlerweile die Grenze“, sagt Stefan Jacob. Selbst gehe er übrigens am liebsten in kleinen, inhabergeführten Geschäften einkaufen. „Große Geschäfte sind mir einfach zu groß. Klein und familiengeführt, da fühle ich mich wohl.“