Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit Letzte-Generation-Aktivist: „Unser Plan kann funktionieren“

Eine Blockadeaktion in Berlin, ganz rechts Micha Frey. Diese Woche sind die Proteste ausgesetzt. Es werde auf Taten der Regierun
Eine Blockadeaktion in Berlin, ganz rechts Micha Frey. Diese Woche sind die Proteste ausgesetzt. Es werde auf Taten der Regierung in der letzten Sitzungswoche gehofft, teilte die Letzte Generation mit. Außerdem solle die Zeit genutzt werden, »die vielen Menschen, die sich der Bewegung aktuell anschießen, ordentlich zu trainieren und einzubinden«.

Micha Frey klebt sich für die Forderung nach einer Wende in der Klimapolitik auf die Straße. Der aus Rehweiler stammende junge Mann ist Aktivist der Letzten Generation. Nach der Blockade einer Straße in München saß er eine Woche im Gefängnis.

Der 24-jährige Micha Frey stammt aus dem Landkreis Kusel, aus Rehweiler. Er studiert seit einem Jahr in Passau, macht dort seinen Master in European Studies. Bei dem Studiengang geht es um Politikkultur. Dieses Semester pausiert er jedoch und engagiert sich als Aktivist für die Letzte Generation.

Schon mit 14 Jahren sei er bei den Grünen eingetreten, berichtet Frey im Vorgespräch, war aktiv bei der grünen Jugend, fuhr schon als Jugendlicher zu Parteitagen. Bei Fridays for Future hat er in Karlsruhe mitgemacht, wo er studierte. Mit anderen Aktivisten der Letzten Generation klebt er sich vor allem in Berlin, aber auch in Passau und München auf die Straße.

Bisher sind die Klimaaktivisten, die unter anderem ein Tempolimit auf Autobahnen und ein Neun-Euro-Ticket fordern, vor allem in Großstädten organisiert, doch soll jetzt eine erste Ortsgruppe in der Westpfalz aufgebaut werden. Am Donnerstagabend hält Frey mit seiner Partnerin, ebenfalls Letzte-Generation-Aktivistin, im Kuseler Bioladen Ursprung einen Vortrag, wie ihn andere Vertreter der Gruppe in ganz Deutschland halten: „Angekommen in der Klimakatastrophe – Was wirst Du tun?“ Sie fordern dazu auf: „Hör Dir unseren Plan an!“

Als „Akt der Verzweiflung“ hat die Sprecherin der Letzten Generation, Carla Hinrichs, Aktionen wie das Blockieren von Straßen oder das Bewerfen von Gemälden mit Kartoffelbrei bezeichnet. Was treibt Sie denn mehr zur Verzweiflung: die (Nicht-)Ergebnisse der Weltklimakonferenz oder dass in Deutschland mehr über Kleben statt übers Klima diskutiert wird?
Beides zeigt, dass die Dramatik der Lage, der Überlebensfrage unserer Gesellschaft, in der Politik noch immer nicht angekommen ist, trotz eindringlicher Warnung der Wissenschaft und zum Beispiel des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres.

Sie sind ja nicht die einzigen, die frustriert darüber sind, dass es in Sachen Klimaschutz nicht schnell genug vorangeht. So einige Menschen haben deswegen sicherlich auch schon resigniert. Andere werden radikal. Man könnte auch sagen extrem, extremistisch, terroristisch, kriminell – alles Worte, die im Zusammenhang mit der Letzten Generation fallen. Können Sie sich da wiederfinden?
Da sehe ich mich gar nicht. Ich sehe mich als normalen Bürger, der in einer Situation, wo es wirklich um das Leben von uns allen und vor allem unserer Kinder geht, zum letzten legitimen Mittel greift, um die Politik endlich zum Handeln zu zwingen. Das Mittel heißt ziviler Widerstand. Das ist historisch nichts Neues und gab es in Geschichte schon zum Beispiel bei der Frauenrechtsbewegung und der US-Bürgerrechtsbewegung. Ziviler Widerstand, wenn er das strikt ist, kann funktionieren. Sobald es zu Gewalt kommen würde, würde die Bewegung scheitern. Wir sehen im Gegenzug aber, dass es kriminell ist, was die Regierung tut. Die nächste Generation hat doch auch ein Recht auf Leben, das die Regierung offensichtlich bricht mit ihrem Kurs.

Es ist für mich irgendwie nachvollziehbar, dass es im Kampf um Aufmerksamkeit für ein vernachlässigtes Thema ein effektives Mittel ist, die Leute wütend zu machen. Sie haben von unignorierbarem Protest gesprochen, der stört und die Gesellschaft aufrüttelt. Nötigung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch stehen im Raum – und im Gegenzug sagte gerade erst ein Verfassungsrechtler, er halte die Proteste angesichts der Notsituation für gerechtfertigt. Sie waren auch schon im Gefängnis.
Das war eine Gewahrsamnahme bei einer Protestaktion in München. Nach bayrischem Polizeiaufgabengesetz können Menschen 30 Tage in Gewahrsam genommen werden. Das bedeutet: nicht verurteilt für eine Straftat, aber trotzdem kann man Menschen wegsperren. Und das ist mit uns geschehen. Ich war selbst Anfang November eine Woche in der JVA (Justizvollzugsanstalt).

Hält Sie das davon ab weiterzumachen?
Auf keinen Fall. Es motiviert mich noch mehr. Es wird doch offensichtlicher, wie wichtig es ist, sich jetzt der Regierung in den Weg zu stellen. Mütter werden eingesperrt, weil sie sich dem Kurs der Regierung, die ihren Kindern die Zukunft raubt, in den Weg stellen.

Also ist die Letzte Generation keine Gruppe von jungen Leuten?
Es ist ein ziemlicher Querschnitte. Junge Leute sind in der Überzahl. Ich war schon mit Leuten zwischen 16 und 79 Jahren auf der Straße, auch mit Mütter mit noch nicht erwachsenen Kindern.

Um noch einmal Carla Hinrichs anzuführen: Sie sagt, es sei unfassbar schrecklich, da auf der Straße zu sitzen. Wie empfinden Sie das? Und wie bleiben Sie selbst im Angesicht all der wütenden Menschen um Sie herum ruhig?
Meistens ist die krasse Stresssituation, in der man wirklich der Wut der Menschen ausgesetzt ist, nur zehn bis fünfzehn Minuten lang. Dann ist die Polizei da, das beruhigt die Lage. Sie beschützt uns. Wir reden ja mit den Polizisten, arbeiten nicht gegen sie. Wir erkennen ja unseren Rechtsstaat und seine Institutionen an. Wir protestieren nicht, um die Demokratie abzuschaffen, sondern gerade um sie zu schützen, denn in einer Zukunft mit Ernteausfällen und Wassermangel wird sie nicht bestehen, befürchte ich.

Was sagen Sie zu Menschen, die für mehr Klimaschutz aber gegen ihre Aktionen sind, wovon es ja ziemlich viele geben soll? Was zu jenen, die sagen: „Das bringt doch alles nichts“?
Zu letzteren: Wir haben noch nicht aufgegeben. Wir sind Zweckoptimisten. Es geht jetzt um alles. So lange wir können, werden wir weiter alles versuchen, mit allen friedlichen Mitteln gegen den aktuellen Kurs vorzugehen.

Wenn sie selbst für den Klimaschutz engagiert sind, aber unsere Mittel kritisieren, ist eine andere Frage. Da ist bei uns immer die Gegenfrage: Was sonst? Seit 30 Jahre gibt es Aufklärungskampagnen. Bei großen Demos mit Fridays for Future gingen über 1,4 Mio Menschen auf den Straßen. Es gab Petitionen. Sollen wir das jetzt weitermachen, nachdem wir gesehen haben, dass es keine große Wende bringt?

Wieso jetzt?
Die Wende muss in zwei bis drei Jahren geschehen, sonst erreichen wir kritische Kipppunkte, danach geht die Erderwärmung immer weiter und es wird immer schlimmer. Deshalb ist jetzt der historische Punkt, zu dem wir zu diesen Mitteln des zivilen Widerstands greifen.

Wir sagen auch: Das was wir tun, das kann funktionieren. Wenn wir das, was wir tun, mit noch mehr Menschen tun, dann muss die Regierung reagieren, sie muss mit uns verhandeln. Wir können Städte, Flughäfen, Infrastruktur lahmlegen, das Wirtschaftssystem und unseren Alltag so sehr stören, dass es nicht weitergehen kann. Denn wir wissen, dass es weiter so tödlich ist, wenn nicht genug für den Klimaschutz gemacht wird. Es ist nicht nur ein Akt der Verzweiflung. Es ist ein durchdachter Plan. Das kann jetzt noch die Wende bringe, das kann die Regierung zum Handeln bringen.

Haben Sie keine Sorge, dass zu den Vorträgen auch wütende Menschen kommen?
Es sind alle Menschen eingeladen, auch die, die denken, sie finden es nicht so gut, was wir machen. Die Gefahr hat man immer, wenn man sich politisch organisiert. Man sieht ja, dass auch Kommunalpolitiker bedroht werden. Ich habe selbst schon Drohungen bekommen, bevor ich an meiner alten Uni in Karlsruhe einen Vortrag gehalten habe. Ich lasse mich aber ganz sicher nicht einschüchtern.

x