Konken RHEINPFALZ Plus Artikel Im Gasthaus Gerlach gehen Ende Juni die Lichter aus

Schließt Ende Juni: das Gasthaus Gerlach in Konken.
Schließt Ende Juni: das Gasthaus Gerlach in Konken.

Die Wogen schlagen hoch in der Gastro-Szene im Kreis. Wieder steht ein Einschnitt von Tragweite an: Im Gasthaus Gerlach in Konken gehen Ende Juni die Lichter aus. „Und sie gehen hoffentlich auch bald wieder an“, sagt Wirtin Judith Raddatz.

Am Abend des 6. Juni werden die Speisekarten eingesammelt und verstaut. Denn der Koch nimmt vorzeitig seine Mütze. In den noch folgenden dreieinhalb Wochen will Judith Raddatz zwar den ein oder anderen Snack anbieten, eine kleine Karte präsentieren. Doch der Betrieb fährt auf Sparflamme und wird einschlummern. Bis am 30. Juni ein letztes Mal die Stammgäste einlaufen, um auf die Pauke zu hauen und Goodbye zu sagen. Und dann wird das traditionsreiche Haus abgesperrt.

Zumindest fürs Erste. Judith Raddatz hofft, dass es schon bald weitergeht. „Das wäre mein Wunsch“, sagt die Wirtin, die seit dem Tode ihres Ehemanns Martin Raddatz vor Jahresfrist das Gasthaus Gerlach alleine führt – und die es jetzt zurück in ihre Heimat Großbritannien zieht.

Ein Gastronom zeigt Interesse

Sie habe bereits einen Interessenten für das Haus, sagt die Engländerin, die auch deutsche Staatsangehörige ist. Noch aber sei nichts unter Dach und Fach, auch wenn sich die Angelegenheit gut angelassen habe. Was der Wirtin Hoffnung auf eine Zukunft des Gasthauses gibt: Besagter Interessent sei ein Gastronom.

Judith Raddatz indes beendet im Frühsommer ihren eigenen Ausflug in die Welt der Gastronomie, die die 56-Jährige erst vor neun Jahren aus der Warte der Dienstleisterin kennengelernt hat. 2013 war sie mit Ehemann und der gemeinsamen Tochter Rebecca nach Konken gekommen, wo sich Martin Raddatz einen langgehegten Wunsch erfüllt hatte. Raddatz war Konker, seine Mutter stammte sogar aus dem Haus.

Betrieb 2008 erstmals in Schieflage

Der Gastronomiebetrieb war 220 Jahre nach der Gründung anno 1788 erstmals in Schieflage geraten – just in dem Moment, da die letzte Betreiberin aus der Linie der Gründerfamilie Gerlach Auszug halten musste. Wirtin Karin Gerlach war kurzerhand von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt worden – das vorläufige Aus für das traditionsreiche Haus.

Ab dem Jahr 1788 hatte der Landwirt Nickolaus Gerlach die Gaststätte eröffnet und im Nebenerwerb etabliert. Fast zwei Jahrhunderte lang kehrten Gäste an der Konker Hauptstraße in ein Feierabend-Lokal ein. Erst unter der Ägide von Jakob Gerlach entwickelte sich die Wirtschaft zum Vollerwerbsbetrieb. Jakob Gerlach übernahm 1960 die Regie, gemeinsam mit Ehefrau Lilli. Die Schellweilerin hatte vier Jahre zuvor eingeheiratet. Sie galt auch als Triebfeder beim Bemühen, die Gastro-Sparte auszubauen.

Ein Ende Knall auf Fall

Jakob Gerlach, weithin als „de Jaab“ bekannt, thronte viereinhalb Jahrzehnte hinter der Theke, seine Lilli sauste durch die Küche und die Gasträume. Bis Gerlach im Jahr 2003 starb. Inzwischen war auch seine Frau nicht mehr die Jüngste. Sie machte dennoch weiter und betraute im folgenden Jahr Tochter Karin mit der Leitung. Es wurde sogar umfassend renoviert.

Vier Jahre später aber kam der große Knall: Die Betreiberin war in Urlaub und hatte Betriebsruhe ausgerufen. Doch sollte das Gasthaus aus dieser Ruhe so schnell nicht wieder erwachen. Als sich am Abend der Wiedereröffnung die Vereinigung Kuseler Fußball-Schiedsrichter an deren seit Jahren angestammten Tagungsort im Gerlachschen Saal einfand, konnte eine verzweifelte Wirtin mit Ach und Krach noch einige wenige Getränke auf den Tisch zaubern.

Kein Wort über Gründe für Zerwürfnis

Lilli Gerlach, noch immer Chefin der Betriebsgesellschaft, hatte Tatsachen geschaffen und Karin Gerlach das Weiterwirtschaften unmöglich gemacht. Was zum Zerwürfnis mit der eigenen Tochter geführt hatte, darüber schwieg sie eisern. Doch suchte sie fortan fast schon händeringend nach einer neuen personellen Lösung. Vergeblich.

Anderthalb Jahre blieben Zapfhahn zu und Küche kalt. Bis dann im März 2010 ein Wirtsehepaar aus dem Saarland Einzug hielt – und so ziemlich alles falsch machte. Im Oktober 2012 war das traditionsreiche Gasthaus heruntergewirtschaftet, die Pächter gingen, die Türen schlossen sich erneut.

Neustart verläuft holprig

Und dann kam Raddatz. Er war der Neffe des vormaligen Hausherren Jakob Gerlach. Und er nutzte die Gelegenheit, sich einen Traum zu erfüllen, wie er damals bekundete. Raddatz kam samt Familie in die Pfalz zurück und kaufte das Anwesen. Nach umfassender Renovierung eröffnete das Ehepaar im Dezember 2013. Der Start war allerdings holprig. Es dauerte einige Jahre, bis das Haus wieder an alte Zeiten anknüpfen konnte. Corona sorgte für eine Vollbremsung, dann verstarb der zwischenzeitlich erkrankte Raddatz im Alter von 60 Jahren. Seine Ehefrau übernahm.

„Es war sehr, sehr schwer“, schaut sie heute zurück. Den Großteil der Arbeit habe sie selbst stemmen müssen, die Belegschaft sei zwischenzeitlich zum Mini-Team geschrumpft. Nach den Lockdowns aber sei es schlagartig wieder bergauf gegangen. Und trotzdem: Schon im Juli vergangenen Jahres hatte Judith Raddatz klipp und klar gesagt, dass sie in absehbarer Zeit aufhören und nach England zurückkehren werde.

Tochter bleibt in der Westpfalz

Dreierlei aber sollte bis dahin geklärt sein: Zum einen wollte die 57-Jährige bleiben, bis ihre Tochter den Schulabschluss in der Tasche hat. Das ist erledigt: Rebecca Raddatz hat ihr Abitur jetzt in der Tasche. Sie werde in der Westpfalz bleiben und wolle an der Technischen Universität in Kaiserslautern studieren.

Wichtig war der Wirtin auch, ihre Mitarbeiter nicht im Regen stehen zu lassen. Auch das könne abgehakt werden. Die Verbliebenen hätten die Zeit gehabt, sich neu zu orientieren – schließlich sei Personal in der Gastronomie ja überall gesucht.

Wirtin geht guten Gewissens

Dritte Prämisse war, die Nachfolge zu regeln und dafür zu sorgen, dass „das Gasthaus Gerlach nicht untergeht“. Da sich nun eine Lösung abzeichne, könne sie von Konken Abschied nehmen und guten Gewissens gehen. Judith Raddatz wird, wie sie ankündigt, zu ihrer mittlerweile 87 Jahre alten Mutter ziehen. „Wir wollen noch einige schöne Jahre haben.“ Dass es sie regelmäßig in die Pfalz zurück ziehe, verstehe sich von selbst. Schon ihrer Tochter wegen.

Judith Raddatz
Judith Raddatz
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