Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Herrlich verrückte Sachen mit Schlaginstrumenten

Das Schlagquartett Köln spielt „Dressur“ von Mauricio Kagel.
Das Schlagquartett Köln spielt »Dressur« von Mauricio Kagel.

Die Stücke haben so schöne Namen wie „Hirn und Ei“ und „Dressur“ - und auf die Instrumente muss man einhauen: Das Schlagquartett Köln sorgte in Kusel für ein Ungewöhnliches.

Zeitgenössische Kammermusik für Schlagzeug stand am Samstagabend in der Fritz-Wunderlich-Halle in Kusel auf dem Programm des Schlagquartetts Köln. Thomas Meixner, Boris Müller, Dirk Rothbrust und Achim Seyler stellten Werke von Carola Bauckholt, Maurizio Kagel, Nicolaus Huber und Oxana Omelchuk vor.

„Hirn und Ei“ von Carola Bauckholt (geboren 1959) hat die Komponistin 2010 für das Schlagquartett Köln geschrieben. Instrumente gab es keine, statt dessen entstanden die akustischen Aktionen des Stückes mit ihren rhythmischen Strukturen aus den Bewegungen der Musiker und dem Rascheln ihrer Goretex-Jacken. Diese Wechselwirkungen waren integriert in den Prozess der Erzeugung von Klängen aus Alltagsgegenständen und Alltagshandlungen. Dabei setzten die vier Musiker das Sich-Selbst-Ausprobieren mit augenzwinkerndem Humor in Szene.

Mit dem Stuhl stampfen

„Dressur“ von Maurizio Kagel (1931-2008) ist 1977 für Holzinstrumente geschrieben worden. Im Mittelpunkt des Werkes stand zunächst die Marimba, ein großes Xylofon, an dem Achim Seyler dezent rauschende, flächige Klänge entstehen ließ. Die beiden anderen Musiker dieses Trios schlugen ihre Instrumente mit der Hand. Einer stieß einen großen hölzernen Klangstab in gleichbleibendem Rhythmus wie bei einer rituellen Handlung auf den Boden.

Auch in diesem Werk, das von den Zwängen des Musizierens und der Aufführungen inspiriert ist, kamen theatrale Momente dazu: Auf die Reaktionen des Stabschlägers hin steigerten sich die Klangflächen von Seyler an der Marimba, zudem wurde ihr Ausdruck immer heftiger, fast schon aggressiv, woraufhin der Kollege mit einem Stuhl auf dem Boden stampfte und ihn schließlich dem Marimbaspieler auf den Kopf zu schlagen drohte – die Probe verlief wohl nicht so harmonisch.

Auf den Bauch malen

Doch der Mann an der Marimba ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, balancierte seinen Schlägel souverän auf der Oberlippe wie ein schmollender Lausbub in einer zirkusreifen Nummer und schlug sein Instrument weiter mit den bloßen Händen. Ein Kollege nutzte bei offenen Hemd seinen Bauch für Bodypercussion. So nahm die Aufführung mehr und mehr den Ausdruck einer Performance mit Elementen eines Happenings an. Impulsive Rufe verliehen ihr den Charakter einer spontanen Momentaufnahme. Derweil tauschte einer der Musiker seinen Stuhl gegen einen Teppichklopfer und schlug ihn gegen Holz; diese rhythmischen Aktionen waren von lauten Atemgeräuschen begleitet.

Der Marimbaspieler wechselte inzwischen zu einem auf einem kleinen kreisrunden, flachen Podest mit rotem Band stehenden Vibrafon, die Szene erinnerte plötzlich lebhaft an eine Manege. So ließ er tönende Klangflächen entstehen, die in kleinsten motivischen Einheiten wie bei der Minimal Music in sich kreisten, manchmal auf anderen Tonstufen, um dann abrupt abzubrechen.

Wasser ausschütten

Immer wieder traten rhythmisch strukturierte Geräuschprozesse dazu, sowohl als Kontrast zu diesen motivisch-melodischen Elementen wie auch als eigenständige Klangprozesse, so dass sich die Grenzen zwischen Klang und Geräusch immer mehr verwischten. Nach einem Moment der Ruhe überlagerten sich alle Elemente, motivische wie rhythmische, in einer hektisch-erregten, repetitiven Klangcollage.

In „Herbstfestival“ von Nikolaus Huber (geboren 1939) erklangen zunächst leise sirrende Geräusche, die an das Rascheln der Blätter im Wind erinnerten, unterlegt von dezent angeschlagenen kurzen rhythmischen Figuren. Performative Aktionen waren auch bei dieser Komposition Teil des Werkes, wie die Geräusche, die beim Ausschütten eines Sackes voller Wasser in einen Plastikbottich entstehen. Einzelne Klanggeräusche wurden durch rhythmische Beckenschläge zu einem strukturierten Ereignis, das ein rasanter Trommelwirbel geradezu sprengte.

Szenen eines Fußballspiels

„Ballare“ von Oxana Omelchuk (geboren 1975),wurde 2014 komponiert, dem Jahr der für Deutschland siegreichen Fußball-WM. Geräusche, die zu rhythmischen Figuren zusammenfanden, und Motivfragmente traten hier in Interaktion mit Videoeinspielungen eines Fußballspiels, aus denen immer wieder der Nationalspieler Miroslav Klose hervortrat – ein Panorama aus Klängen, Geräuschen und Bildern entstand. Zwischen den Klangaktionen auf der Bühne und den visuellen Aktionen in den Videoausschnitten entwickelten sich rhythmische Dialoge.

Für den begeisterten Applaus der über 100 Besucher bedankte sich das Schlagquartett Köln mit „Four Bits Counters“ von Masahiro Miwa.

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