Kusel
Eröffnung von Corona-Praxis in letzter Minute verhindert
Initiiert hatte die Corona-Praxis die Kassenärztliche Vereinigung. Betreiben wollten sie einige niedergelassene Ärzte, darunter der Chef der Kreisärzteschaft, Michael Kurtz. In die Praxis kommen sollten Patienten mit einer Atemwegserkrankung – egal ob mit einer „normalen Erkältung“ oder dem Verdacht, mit dem Coronavirus infiziert zu sein. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Idee umgesetzt, die Räume des früheren Elektromarktes für zwei Monate angemietet.
Schon im Vorfeld hatte es Ärger gegeben, denn Kreis und Ärzteschaft hatten sich nicht auf eine richtige Ambulanz einigen können – es wurde von harschen Worten, abgebrochenen Sitzungen und abrupt beendeten Telefonaten berichtet. Es soll auch um Geld gegangen sein. Und so wurde am Montag zunächst eine Fieberambulanz am Haus der Jugend eröffnet, die niedergelassenen Ärzte wollten außerdem die Corona-Praxis im Kuseler Industriegebiet eröffnen.
Schon am Mittwoch wäre es soweit gewesen: erste Sprechstunde ab 13 Uhr. Die Ärzte waren vor Ort, Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung standen zur Verfügung. Auch die ersten Patienten warteten bereits ungeduldig auf dem Gelände – acht Männer und Frauen. Dann trat ein betreten dreinschauender Doktor Michael Kurtz vor die Patienten: Die Praxis darf nicht öffnen.
Begehung kurz vor knapp
Was war geschehen? Eine knappe Stunde vor der geplanten Eröffnung habe sich die Kreisverwaltung, sprich Gesundheits- und Bauamt, telefonisch bei den Betreibern der Praxis gemeldet: Eine Ortsbegehung solle durchgeführt werden. „Schon bei diesem Gespräch kam ein unangenehmes Gefühl auf“, sagt Kurtz im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Dies sollte sich auch bestätigen: Das Bauamt habe bauliche Mängel festgestellt. Etwa die vergitterten Fenster des Marktes, die im Falle eines Brandes keine Fluchtmöglichkeit bieten. Das Gesundheitsamt habe fehlende Patiententoiletten moniert, außerdem, dass Flächen nur unzureichend desinfiziert werden können. Deswegen wurde keine Erlaubnis für die Praxis erteilt.
Die Frustration war nicht nur bei den Ärzten groß. „Seit acht Tagen bin ich erkältet und werde überall nur abgewimmelt. Ich wollte hier nur abgehört werden und muss jetzt schon wieder zum Hausarzt zurück!“, fluchte eine Frau, die anonym bleiben möchte. Eine andere Patientin, die aus Brücken gekommen war, stimmte zu: Sie habe sich gefreut, dass eine Praxis wie diese hier öffne, sagt sie.
Ärzte sehr aufgebracht
Die Allgemeinmedizinerin Christiane Leyser brachte kurz nach der Hiobsbotschaft kein Verständnis für die Auflagen von Bau- und Gesundheitsamt auf. Ihr sei der deutsche Verwaltungsapparat zuwider, sagte sie. „Den Antrag, eine Corona-Praxis hier im Industriegebiet öffnen zu wollen, haben wir am Montag bei der Kreisverwaltung eingereicht. Am Dienstag waren wir noch bei der Verbandsgemeindeverwaltung. Jetzt, keine Stunde vorher, kommen sie und machen uns den Laden dicht“, schimpfte sie. Leyser findet, dass in solchen Zeiten die Zügel lockerer sein müssten. „Es wäre eine gute Sache geworden. Wir hätten hier prima testen können. 100 Schutzanzüge haben wir besorgt, sogar bereits für zwei Monate die Miete bezahlt. Und jetzt das!“
Die Kassenärztliche Vereinigung hatte aufgerufen, überall im Land Corona-Praxen zu gründen, um vor allem die niedergelassenen Ärzte zu entlasten. Solche Praxen würden unter anderem bei der Versorgung mit Schutzkleidung bevorzugt behandelt, weshalb es auch möglich gewesen sei, in wenigen Tagen 100 Schutzanzüge zu besorgen. Viele Ärzte aus dem Landkreis hätten mitgewirkt, um die Ambulanz im Kuseler Industriegebiet möglich zu machen. Sie hätten Geld- und Arbeitsmittel sowie ihre eigene Arbeitskraft zur Verfügung gestellt. In den ehemaligen Geschäftsräumen hätten außerdem die Sicherheitsabstände zwischen den Patienten gut eingehalten werden können, sind die Initiatoren überzeugt.
Zukunft ungewiss
Auf die Frage, ob man die Räume umbauen werde, zuckte Michael Kurtz die Schultern. „Keine Ahnung, was das kostet. 10.000 Euro? 15.000 Euro?“ Christiane Leyser ergänze am Nachmittag, man werde wohl schauen, ob man aus dem Mietvertrag herauskomme. Momentan sehe es so aus, als werde man die ganze Sache bleiben lassen – auch wenn sie das sehr bedauere. „Es geht um die Versorgung der Leute. Wenn wir helfen können, helfen wir auch“, betonte auch Elena Jung. Und Christiane Leyser sagte mit etwas Abstand am Nachmittag der RHEINPFALZ: „Die Verwaltung kann gerne auf uns zukommen, wenn sie Räume im Raum Kusel hat, die ihr genehm sind. Dann machen wir das auch.“
„Mindeststandards nicht erfüllt“
Landrat Otto Rubly erklärte gestern Abend auf Anfrage der RHEINPFALZ, Michael Kurtz habe eine Nutzungsänderung der Immobilie von einem Elektromarkt zu einer Praxis-Zweigstelle beantragt. „Wie bei jedem anderen Bauantrag“ habe sich die Kreisverwaltung das Projekt angeschaut. Dies sei auch aufgrund der Brisanz sehr rasch geschehen. Doch im Genehmigungsverfahren hätten Bauaufsicht und Amtsarzt festgestellt, dass die Räume nicht als Praxis-Zweigstelle zulässig seien.
Rubly betonte, dass hygienische Mindeststandards nicht erfüllt gewesen seien. Was das konkret war, wollte er mit Verweis auf den Datenschutz nicht erläutern. Auch beim Brandschutz habe es Beanstandungen gegeben, über die man aber für die Anfangszeit und wegen der Brisanz der Situation hätte hinwegsehen können.
In einem Bescheid werde man Michael Kurtz mitteilen, dass man zu einer kurzfristigen Nachschau bereit wäre, wenn die hygienischen Belange nachgebessert seien. Doch unter den jetzigen Bedingungen könne man dort nicht öffnen.
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