Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Einzige Landratsfahrerin der Pfalz ist im Ruhestand: „Kein Dienst nach Vorschrift“

Christa Dahl war lange Jahre die Fahrerin von Landrat Otto Rubly. In ganz Rheinland-Pfalz war sie in dieser Rolle als Frau einzi
Christa Dahl war lange Jahre die Fahrerin von Landrat Otto Rubly. In ganz Rheinland-Pfalz war sie in dieser Rolle als Frau einzigartig.

Christa Dahl ist als Landratsfahrerin und Vorzimmerdame ein Unikum. Frisch im Ruhestand, spricht sie über offene Motorhauben, Arbeitsbelastung und entspannte Mitfahrer.

Frau Dahl, wie ist der Ruhestand?
(lacht) Das ist ja noch ganz frisch, und ich halte auch in der passiven Phase meiner Altersteilzeit noch den Kontakt in die Kreisverwaltung. Meine Arbeit dort, im Vorzimmer und im Dienstwagen des Landrats, hat mir immer viel Spaß gemacht.

Sie sind kein Eigengewächs aus der Verwaltung, richtig?
Nein, bin ich nicht. Vor der Zeit im Landratsamt war ich als Medizinische Fachangestellte in einer Radiologiepraxis in Kaiserslautern angestellt.

Wie kam es zum Jobwechsel?
Mein Mann hatte erfahren, dass die Kreisverwaltung einen neuen Fahrer sucht – und gleich gefragt: Du fährst doch gern, wäre das nichts für Dich? In der Verwaltung ist meine Bewerbung offensichtlich gut angekommen, die fanden eine Frau als Fahrerin super. Außerdem hat jemand aus der Bewerbung herausgelesen: „Die kann auch Büro!“ So hat sich das ergeben.

Jetzt haben Sie fast acht Jahre lang den Landrat gefahren.
Nur auf längeren Strecken. Termine im Kreis fährt der Chef fast alle selbst an. Was über die Westpfalz hinausgeht, habe ich übernommen.

Damit Otto Rubly ein bisschen schlummern kann?
Von wegen! Der Landrat arbeitet im Auto. Da wird telefoniert, E-Mails werden beantwortet und Dokumente gelesen und bearbeitet. Das ist ein fahrendes Büro. Wie übrigens auch bei anderen Spitzenpolitikern, Landräten und Oberbürgermeistern.

Nur, dass die nicht von einer Frau gefahren werden. Hört man da auch mal dumme Sprüche?
Ich war tatsächlich die einzige Fahrerin unter den 25 Fahrern von Kreischefs und Oberbürgermeistern in Rheinland-Pfalz. Klar, dass da mal ein Spruch kommt. Anfangs war das schon spannend. Aber mittlerweile lasse ich nichts mehr über die Kollegen kommen – und sie nicht über mich. Wir sind – beziehungsweise waren – eine eingeschworene Gruppe. Die Männer haben sich immer rührend um mich gekümmert. Das vermisse ich total.

Gibt’s eine Fahrer-Whatsapp-Gruppe?
Die gibt es – allerdings durfte ich da nicht rein (lacht). Da konnten die Herren unter sich bleiben. Ich war trotzdem immer gut informiert (lacht).

Weil man ja doch viel Zeit miteinander verbringt, während die Politiker an Konferenztischen debattieren ...
Ja, genau. Wir treffen uns dann, plaudern und tauschen uns aus. Ich hatte ja oft noch den Laptop mit dabei und konnte mich zurückziehen, um noch Büroarbeiten zu erledigen. So gut das unterwegs eben geht.

Machen die Fahrer bei längeren Aufenthalten auch gemeinsame Ausflüge?
Das kommt schon vor. Bei einer mehrtägigen Landräte-Tagung am Tegernsee hatten wir an einer Werksführung bei BMW teilgenommen. Hier wurden wir über neue Antriebstechniken informiert, zum Beispiel den Wasserstoffantrieb.

Damit die Fahrer auf dem Heimweg beim Chef dafür werben?
(lacht) Kann sein. Für mich ist nur wichtig, dass das Auto fährt, die Details interessieren mich nicht. Darum kümmert sich in Kusel dankenswerterweise unsere Fachabteilung. Die anderen Fahrer dagegen sind alle Autofreaks. Wenn da einer mit neuem Dienstwagen vorfährt, stehen die ruckzuck drumherum und schauen in die geöffnete Motorhaube.

Was gibt’s denn da zu sehen?
(lacht) Das weiß ich bis heute nicht!

Welchen Dienstwagen sind Sie zuletzt gefahren?
Einen Audi Q8, der rein elektrisch fährt. Das Vorgängermodell hatte eine deutlich geringere Reichweite. Es hat mich regelmäßig nervös gemacht, nicht immer zu wissen, wo die nächste Lademöglichkeit ist. Von Kusel nach Mainz und zurück war da nicht ohne Stopp drin. Mit dem neuen Wagen ist das besser. Aber selbst da muss der Chef gelegentlich mal warten.

Wird der Landrat schnell ungeduldig?
Ach was. Eher ich. Otto Rubly ist sogar manchmal zu gelassen. Seine Ruhe hat mich kirre gemacht und anfangs richtig unter Druck gesetzt. Bis ein netter Kollege mal gesagt hat: „Christa, das ist nicht dein Termin, zu dem ihr zu spät kommt. Das ist der Termin deines Chefs.“ Meistens haben wir es aber pünktlich geschafft.

Wie ist der Landrat denn so als Mitfahrer, über was plaudert man denn auf der Fahrt nach Mainz oder Berlin?
Ach, Herr Ginkel (lacht), was im Auto gesprochen wird, das bleibt im Auto. Selbst unter Fahrern werden keine Interna verraten. Es ist ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Fahrer und Landrat. Und wie gesagt: Der Chef nutzt die Zeit zum Arbeiten und nicht für Plaudereien mit mir.

Aber wird die Fahrerin auch mal nach Ihrer Meinung gefragt?
Ja, wird sie. Wenn, dann haben wir immer sehr offen und ehrlich gesprochen. Was der Chef dann letztlich daraus gemacht hat, war natürlich seine Entscheidung.

Neben dem Fahrersitz haben Sie im Mai auch den Platz auf der Brücke der Kreisverwaltung geräumt, im Vorzimmer des Landrats.
(wehmütig) Leider. Das war eine spannende und lehrreiche Zeit – und genau mein Ding. Als ich im Januar 2018 angefangen habe, kannte ich in der Kreisverwaltung niemanden. Ich hatte keinen Plan, wurde aber von netten Kollegen sehr unterstützt. Das war eine spannende Zeit, der Wechsel von Winfried Hirschberger auf Otto Rubly.

Und bestimmt arbeitsreich ...
Oh ja, bis zum Schluss. Das Vorzimmer kommt morgens sehr früh und geht abends oft spät. Das ist kein Acht-Stunden-Job, da kannst Du nicht einfach die Akte liegenlassen und morgen weiterarbeiten, wenn noch was ansteht. Da ist Herzblut wichtig, weil es kein Dienst nach Vorschrift ist.

Herzblut und Kollegen, auf die man sich verlassen kann.
Ganz genau. Kevin [Kreutz, Anm. d. Red.] und ich waren ein supergutes Team im Vorzimmer. Er hat so ein ausgleichendes Wesen, das mir oft geholfen hat. Gemeinsam mit den Kollegen haben wir alle Herausforderungen angenommen und bewältigt.

Davon gab es in der sich dem Ende neigenden Ära Rubly einige.
(lacht laut auf) Unser Chef hatte alles, was vorher in der Intensität und Taktung noch nicht da war: Corona, Ahrflut, finanzielle Krise des Westpfalz-Klinikums, Auswirkungen des Ukraine-Kriegs und, und, und. Ich weiß heute noch, wie er im Frühjahr 2020 in der Tür zum Vorzimmer stand und gesagt hat: „Jetzt haben sie’s zur Pandemie hochgestuft.“ Was dann alles auf uns zugekommen ist ... da liegen schon große Herausforderungen hinter uns.

Schauen Sie zufrieden zurück?
Auf jeden Fall. Wie sagt man so schön: Das Beste kommt zum Schluss. Stimmt bei mir. Die vergangenen Jahre waren interessant, lehrreich, spannend und ja, auch anstrengend. Ich habe in der Zeit viele tolle Leute kennengelernt – und damit meine ich nicht nur Prominente aus der Politik.

Sind die Spitzenpolitiker Vorzimmerdamen und Fahrern gegenüber auch so nett wie auf Presseterminen?
Schon, ja. Sowohl im Vorzimmer wie auch gegenüber den Fahrern. Zumindest habe ich von „meinen Männern“ und Kolleginnen noch nichts anderes gehört. Das läuft professionell und respektvoll ab.

Im Gegensatz zu manchem Anruf von erbosten Bürgern ...
... die genau jetzt den Landrat sprechen müssen (lacht). Ja, die gibt’s auch. Ich war dann nie frech, aber bestimmt. Wenn jemand mir gegenüber ausfällig wurde, habe ich schon mal aufgelegt. Nach kurzer Abklingphase konnten wir dann normal reden.

Aber ich kenne den Herrn Landrat doch persönlich ...
(lacht) Ja, genau. Aber es ist unsere Aufgabe, abzuschätzen, was wichtig ist. So wichtig, dass es auf den Schreibtisch vom Chef kommt. Der Landrat muss nicht alles machen, das geht überhaupt nicht.

Wir versuchen wirklich, zu helfen, selbst wenn wir nicht zum Landrat durchstellen. Meistens lässt sich mit dem Referatsleiter oder dem zuständigen Sachbearbeiter eine Lösung für den Bürger finden. Aber klar, das geht nicht immer.

Mit Ihren Einblicken und Kenntnissen – geht’s im Ruhestand jetzt in die Kommunalpolitik?
Nein. Ich war in der Kreisverwaltung auf unserem Flur wohl der unpolitischste Mensch. Mein Vater war früher in Nanzdietschweiler im Gemeinderat. Da weiß ich noch, dass der öfter recht aufgeregt heimgekommen ist. Das wollte ich nie.

Also lieber die freie Zeit mit der Familie verbringen?
Mit meiner süßen vierjährigen Enkelin Nele, mit der Familie, auf dem Fahrrad in unserer schönen Westpfalz mit vielen interessanten Radwegen und im Bürgerverein in Gries, in dem ich mich ehrenamtlich engagiere.

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