Kusel
Die US-Band The Tines kommt ins Kinett
Der Sound der Tines befindet sich musikalisch irgendwo zwischen Folk-Melancholie und Indie-Rock-Gier. Ihr oberstes Gebot: das Gleichgewicht halten. Wie und warum, erzählt Leadsänger und Bandgründer Sam Carlson.
Als die Pandemie 2020 überall auf der Welt der Livemusik den Stecker gezogen hat, dachten sich vier Jungs aus dem beschaulichen Städtchen New Haven im US-Bundesstaat Connecticut: Jetzt ist die beste Zeit, um eine Band zu gründen. Gesagt, getan. The Tines – zu deutsch: die Zinken, wie beispielsweise an einer Gabel oder einem Geweih – waren geboren. Eine Band, die sich bewusst einfachen Kategorisierungen entziehen, anecken und genau dort ihre spitzen Zinken hineinrammen will, wo es am meisten wehtut.
Eigenständiger Kosmos
The Tines sind Sam Carlson (Leadgesang, Rhythmusgitarre), Ilya Gitelman (Leadgitarre), Sean Koravo (Bass) und Chris Mala (Schlagzeug). Die Vier verbinden Indierock, Folk und poetische Klanglandschaften zu einem eigenständigen musikalischen Kosmos. Dabei folgen sie einer kreativen Philosophie, die auf Ausgewogenheit setzt. Sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Oder anders: Sie verbinden Chaos und Ruhe, Schönheit und Hässlichkeit, Sanftheit und Anspannung in ihrer Musik, alles im Gleichgewicht.
Sänger Sam Carlson erklärt die Idee hinter diesem Sound so: „Ich erinnere mich an ein Interview mit Guided-by-Voices-Sänger Robert Pollard, der sagte, dass man, wenn ein Lied zu schön wird, etwas Hässliches in die Mitte einfügen sollte und umgekehrt. Es ist ein guter Leitsatz für Künstler, die nicht möchten, dass ihre Arbeit zu sehr in die eine oder andere Kategorie fällt. Und es hat uns im Laufe der Jahre geholfen, einige interessante Entscheidungen zu treffen.“
Gegensätze erzeugen Spannung
Die Band möchte also Spannung aus Gegensätzen entwickeln. Melodien verschwinden im Missklang, Klarheit verwirrt sich in Rätselhaftigkeit, und das Zarte verendet im rauen Muster des Rock’n’Roll. Besonders deutlich wird dieser Ansatz auf ihrem aktuellen Album „Barrows“ (Grabhügel). Die Platte ist, so Carlson, „stark von britischen Folkkünstlern geprägt“. Als wichtige Einflüsse nennt er Nick Drake und Pentangle sowie die zeitgenössische Folkgruppe Hollow Hand aus Brighton. Dabei gehe es der Band eher um eine Hommage als Nachahmung, so Carlson.
Die Band bewahrt also in allem den eigenen Charakter und sei auch stark von ihrer Heimat geprägt worden. „Unsere kleine Stadt hat uns über die Jahre wunderbare Möglichkeiten geboten“, erinnert sich Sam Carlson. „Die dortige Gemeinschaft hat nicht nur uns als Band, sondern auch das von uns betriebene Tonstudio Sans Serif vorangebracht. Es war mir eine Ehre, in einer Stadt zu wachsen, die ich liebe und in der ich mich gesehen fühle.“
Der Musikertraum
Damit leben die vier Musiker einen Traum, von dem manch andere Künstler nach wie vor träumen dürfen: von ihrer Heimat wahrgenommen, geschätzt und unterstützt zu werden. Das Studio selbst sei weit mehr als nur ein Aufnahmeort. Es bildet das kreative Zentrum der Band.
„Wir betrachten unsere Kompositionen stets im Hinblick darauf, wie sie sich in eine Songsammlung einfügen lassen und wie wir jedem Stück im Aufnahmeprozess einen individuellen Charakter verleihen können“, erklärt Carlson. Deshalb finden Songschreiben, Proben und die Produktion bei The Tines direkt an Ort und Stelle im Studio statt. Neue Ideen können innerhalb kürzester Zeit aufgenommen, ausprobiert und weiterentwickelt werden. „Oft entstehen zunächst Demos, die anschließend überarbeitet, neu arrangiert und von den einzelnen Bandmitgliedern verfeinert werden, bevor eine endgültige Version entsteht“, führt der Sänger durch den flexiblen und experimentellen Arbeitsprozess der Band. So sei es möglich, „jedem Stück eine eigene Persönlichkeit zu geben“.
Sammlung von Assoziationen
Auch in ihren Texten verfolgen The Tines einen eher direkten Ansatz. Die Band bevorzugt das Prinzip „show, don’t tell“: „Wir glauben ans Zeigen statt ans Erzählen“, so der Leadsänger und Bandgründer. „Die Texte kreisen meist um ein bestimmtes Thema oder eine Stimmung, die jedoch nicht explizit genannt wird. Wir möchten dem Hörer Raum geben, um seine eigene Bedeutung unmittelbar hineinzuinterpretieren. Daher sind die Texte oft eher eine Sammlung von Assoziationen oder poetischen Gedankensprüngen als eine Geschichte oder Aussage.“ Der Zuhörer ist derjenige, der dem Song letztendlich die Form gibt, sozusagen.
Mit dieser Mischung aus musikalischer Balance, handwerklicher Sorgfalt und poetischer Offenheit haben sich The Tines einen eigenständigen Platz innerhalb der Indie- und Folk-Rock-Landschaft geschaffen. Da steckt viel Gedankengut hinter jeder Zeile und jeder Melodie. Und das alleine ist heutzutage doch schon selten genug, um bei The Tines reinzuhören, oder?
Das Konzert
The Tines, Kulturzentrum Kinett, Am Hofacker 11, Kusel, Samstag, 6. Juni, 20 Uhr, Karten: kinett-kusel.de. Zuvor spielen am 3. Juni am gleichen Ort die Bands Packaging und Oberbaum.