Thallichtenberg RHEINPFALZ Plus Artikel Deutliche Worte beim Festival „Kein Bock auf Nazis“

Die Band Loser Youth trat beim Festival „Kein Bock auf Nazis“ mit kurzen Punksongs an.
Die Band Loser Youth trat beim Festival »Kein Bock auf Nazis« mit kurzen Punksongs an.

Beim Festival „Kein Bock auf Nazis“ auf Burg Lichtenberg zeigten am Samstag viele Künstler klare Kante. Es wurde gerockt und gerappt für mehr Mitgefühl und gegen Hass, für mehr Vielfalt und gegen den Rechtsruck. Sowohl auf als auch abseits der Bühne fanden viele Menschen deutliche Worte.

Wettertechnisch war es wieder das gewohnte Bild beim „Kein Bock auf Nazis“-Festival: grauer Himmel, hin und wieder tröpfelte es, dazu ganz wenige Sonnenstrahlen. Normal. „Es ist bei uns schon zu einem Running Gag geworden: Egal, ob das Festival im Juli, im August, im September oder sonst wann stattfindet – das Wetter ist immer scheiße“, sagte Festival-Organisator Bastian Drumm schmunzelnd. Doch: „Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist es schon sommerlich.“ Absolut. Denn 2022 schüttete es geradezu.

Punk aus dem Saarland

Noch nie schlecht war dagegen die Stimmung auf dem Festivalgelände. Auch dieses Mal nicht. „Die Rechtsextremen bezeichnen uns ja gerne als Zecken“, meinte Drumm lachend. Und diese „Zecken“ hatten mächtig Spaß beim jährlichen Zusammentreffen. Und das Pochen der Musik hörte man noch Kilometer weit weg. Bei dem Line-up kein Wunder.

Die wortgewandte Rapperin Mimii aus Mainz brachte ihre Reime für mehr Akzeptanz und Toleranz unter die Leute und brach eine Lanze für den Feminismus. Oder es gab wütende Punk-Riffs der drei rhetorischen Flammenwerfer von N.T.Ä.: Die seit 2019 aktive saarländische Punkband um Sängerin Nadine Nevermore hatte fast genau ein Jahr zuvor ihr allererstes Konzert auch in Kusel, im Kinett, gegeben.

Ebenfalls mit dabei: die wilden Hanseaten von Loser Youth aus Hamburg, die mit kurzen und knappen Tracks derbe Gesellschaftskritisches raushauten. Etwa mit dem 41-Sekunden-Song „Warum haust du dich selbst?“, dessen einzige Textzeilen folgende sind: „Keine Kohle, kein Job. Keine Zukunft, kein Bock. Auf eure Welt und was ihr tut. Loser Youth!“ Ihr „Deutschlandlied“ geht da schon etwas über eine Minute und hat mehr Inhalt: „Du bist bekanntermaßen scheiße/ Doch auch die Anderen sind nicht gut/ Du bist bekanntermaßen scheiße/ Doch du stinkst hier vor meiner Tür“, plärrten die Punks und trafen damit den thematischen Nagel quasi auf den Kopf.

Trotzten dem Nieselwetter: Besucher des Festivals vor der Kulisse der Burg.
Trotzten dem Nieselwetter: Besucher des Festivals vor der Kulisse der Burg.

Zu Beginn des Festivals war es zwar auf dem Lautstärke-Barometer noch deutlich leiser, aber genauso laut, was die Botschaften anging. Zwischen Stockbrot, Info-Ständen und einem ausgiebigen Kinderprogramm waren es die Vorträge, die das Kuseler Publikum anzogen. Sie reichten von Alex Wißmann, der über die zunehmende Ausweitung und „gefährliche“ Verharmlosung der „bürgerlichen“ AfD sprach, bis zu Eve D’Obiers Einblicke in die Lage des Feminismus in Deutschland. Jeder Vortrag wies auch darauf hin, worum es den Festival-Organisatoren geht: „Wir wollten einen Freiraum schaffen für Menschen jeglicher Couleur, jeglicher Herkunft, jeglichen Aussehens oder sexuellen Orientierung“, betonte Drumm. „Das ist auch irgendwo für uns Empowerment, so ein Wochenende zu haben. Wir wollen einfach da sein, in diesen dunklen braunen Zeiten, wo die AfD immer stärker wird und das Fundament von Rechts sich immer tiefer gräbt.“

Um diesem Graben nicht noch mehr Tiefe zu verleihen, hauten die „Kein Bock auf Nazis“-Anhänger an diesem Wochenende dagegen – mit Musik, klaren Aussagen, guter Laune und einer Gemeinschaft, die sich als Einheit versteht und sich auch in den kommenden Jahren gegen den Rechtsruck auflehnen will.

Farbe bekennen

Eine spontane Besucherin, Wilma Hagen aus Konken (57), erklärte stellvertretend für viele, wie wichtig das Festival im Kuseler Lande geworden ist: „Wir sehen es doch immer mehr an den Wahlergebnissen. Die AfD gewinnt immer mehr an Wählern dazu, weil viele Menschen einfach unzufrieden sind damit, wie die aktuelle Politik sie behandelt. Und das verstehe ich auch bis zu einem gewissen Punkt. Ich gebe CDU, SPD, FDP und Co. die Schuld dafür, dass so viele Politikverdrossenheit im Land herrscht. Aber es kann nicht die Lösung sein, aus Protest die AfD zu wählen und damit rechtsradikalem Gedankengut den Freifahrtschein zu geben.“ Es könne nicht sein, dass „wir aus Frust in Kauf nehmen, dass Menschen öffentlich angegriffen werden, weil sie nicht ins rechte Raster passen.“ Dafür sei sie nun hier. „Um Farbe zu bekennen und zu zeigen, dass es die sogenannte ,Alternative’ eben keine Alternative ist, sondern eine Niederlage für die Menschen.“

Und im kommenden Jahr soll es weiter gehen. Das nächste „Kein Bock auf Nazis“-Festival kommt. „Und zwar am 13. Juli 2024, wieder auf der Burg“, stellte Bastian Drumm schon mal in Aussicht. Dann vielleicht wirklich mit einem rappelvollen Gelände und mehr Sonnenstrahlen. Und wenn nicht, kein Problem. Drumm und sein Team ziehen es mit Sicherheit auch bei Regen durch – für Freiheit, Vielfalt und die Würde aller Menschen.

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