Nanzdietschweiler
Der letzte Kerzenzieher der Westpfalz
Der Einblick in die händische Herstellung von Kerzen beginnt mit einer emotionalen Zeitreise – es geht zurück in frühe Kindheitserinnerungen. Wer den Werkraum von Manuel Stuppy betritt, atmet den Duft von erhitztem Wachs. Vielen war das eigene Herstellen einer Kerze im Grundschulalter eine Freude – meist zur Weihnachtszeit. Aber es ist auch nicht abwegig, als Erwachsener, beeinflusst durch den Duft auch im Sommer und Jahrzehnte nach der Kindheit, weihnachtliche Assoziationen aufkommen zu lassen. „Sie riechen gerade nicht ein einzelnes Wachs, sondern eine Mischung“, sagt Stuppy direkt nach der Begrüßung. Er ist sofort in seinem Element und nimmt den Reporter der RHEINPFALZ mit in seine Welt. Wer allgemein im Alltag von „Kerzenwachs“ spricht, wird hier schnell eines Besseren belehrt.
Stuppy greift nacheinander in vier große Rollcontainer und zeigt jeweils die unterschiedliche Körnung von Paraffinwachs, Stearinwachs, Bienenwachs und Mantelwachs. Während das Paraffinprodukt sowie die Stearinbeimischung unterschiedliche Brenn- und Geruchseigenschaften mit sich bringen, hat das Bienenwachs einen anderen ursprünglichen Verwendungsgrund. Als ein natürlich geltendes Produkt sei es lange Zeit der Kirche vorbehalten und als etwas Erhabenes angesehen gewesen – ausschließlich bestimmt für sakrale Handlungen. Die Kirche spielt an dieser Stelle eine weitere Rolle für Stuppy: „Ich war Ministrant und habe aus dieser Zeit einen bewussteren Blick auf Kerzen als Produkt“, berichtet er. Das Mantelwachs im vierten Container ist nicht nach seiner chemischen Zusammensetzung oder Herkunft, sondern schlicht nach seiner Funktion benannt. Es bildet die Außenschicht einer Kerze und verleiht ihr Festigkeit. Demzufolge findet das Bad im Mantelwachs als letzter Tauchvorgang im Herstellungsprozess statt.
Schöpfen und Gießen
Die Ausdrücke Gießen, Baden und Ziehen können für Außenstehende verwirrend sein, doch Manuel Stuppy verweist geduldig auf den größten Aufbau, der die Mitte des Werkstattraumes einnimmt. An einer Halterung ist ein Docht befestigt. Das Ende hängt über einem großen Topf, der an einen Einkochautomaten erinnert. In diesem befindet sich erhitztes Wachs. Mit einem Gefäß schöpft Stuppy mehrmals von dem Wachs und gießt es seitlich an den Docht. Die richtige Temperatur des Bades ist eingestellt, wie der Fachmann sofort erkennt. Nur dann bleibt das Wachs optimal am Docht haften. Auch, wenn der hängende Docht begossen wird, spricht der Experte von einer gezogenen Kerze. Ein eigentliches Bad gibt es in diesem Fall erst bei der Ummantelung am Ende.
In einer Ecke des Raumes befinden sich Gefäße, die von ihren Formen und von den Proportionen her an einen Schnellkochtopf, an einen kleinen Soßentopf sowie an einen überdimensionierten Wasserkocher erinnern. „Dies ist der komplette Aufbau für ein Guss-Verfahren“, erklärt Stuppy, der sich in erster Linie als Handwerker sieht.
Unterschied zur industriellen Herstellung
Die Königsklasse sei die gezogene Kerze, sagt Stuppy. An ihrem Ende sieht man deutlich die Abschlusslinien der einzelnen Guss-Schichten. In geringem Maß schließe jede Schicht etwas Sauerstoff ein, was das Brandverhalten der Kerze begünstige. Das könne eine gepresste, industriell hergestellte Kerze nicht bieten, erklärt er. Auch die Herstellung konisch geformter Kerzen sei kein Problem. Soll eine Ziehkerze aber durchweg denselben Umfang aufweisen, müsse sie mehrfach in der Aufhängung gewendet werden. Auf einem speziellen Gerät wird der Boden glatt geschmolzen, so dass die Kerze aufgestellt werden kann.
Die Wahl des jeweils am besten geeigneten Dochts, die Wachsmischung und der Umfang der Kerze sowie die richtige Temperatur seines Manufaktur-Raumes sind wesentliche Aspekte von Stuppys Handwerk. „Die Kunst kommt danach“, erklärt er und zeigt auf einen Tisch, der einer Werkbank ähnelt. Neben einem gerasterten Schneidebrett liegen hier auch Lineal, Skalpell und einiges weiteres Handwerkszeug. Dort werden Motive und Formen aus farbigen Wachsplatten geschnitten, um sie dann als Dekor auf den ansonsten fertiggestellten Kerzen zu applizieren. Das Aufbringen auf die Kerzen selbst geschieht ausschließlich durch Handwärme.
Ein weiterer künstlerischer Aspekt ist das Erzeugen von Farben. Auch eine marmorierte Oberfläche lässt sich in Stuppys Manufaktur herstellen. Die Produktion einer einzelnen Kerze kann bis zu acht Stunden lang dauern. Mittels einer Halterung, in die sich mehrere Dochte spannen lassen, ist es jedoch möglich, mehrere Kerzen parallel herzustellen. Die Kerzenmanufaktur ist zwar bei Stuppy zu Hause in Nanzdietschweiler untergebracht, von Montag bis Freitag ist er jedoch auch für zweieinhalb Stunden am Nachmittag in seinem Kerzenfachgeschäft in Brücken in der Hauptstraße anzutreffen.