Reichweiler RHEINPFALZ Plus Artikel „Der Holländer“ will Bürgermeister werden

Eric Tuerlings vor dem Brunnen, den er wieder in Betrieb nehmen will.
Eric Tuerlings vor dem Brunnen, den er wieder in Betrieb nehmen will.

Seit 1995 können EU-Ausländer in der Kommunalpolitik wählen und gewählt werden. Eric Tuerlings, gebürtiger Niederländer, tritt am 26. September als einziger Kandidat zur Ortsbürgermeisterwahl in Reichweiler an. Er wird voraussichtlich der erste Ortschef im Kreis, der keinen deutschen Pass hat.

„Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.“ Und dieses Gefühl hatte Eric Tuerlings sofort, als ihn seine damalige Frau 2003 in ihre Heimatgemeinde Reichweiler lockte. Und so war es für den Elektrotechnik- und Informatik-Experten keine Frage, dass er auch nach ihrem Tod 2006 in der 520-Einwohner-Gemeinde wohnen blieb, obwohl sein Arbeitsplatz bis vor wenigen Wochen in Frankfurt am Main lag.

2015 hatte Tuerlings bei einem Arbeitseinsatz mit Ortsbürgermeister Karsten Becker Bänke und Absperrgitter geschleppt und dabei angedeutet, nicht bis zum Erreichen der regulären Altersgrenze im Berufsleben bleiben zu wollen. Becker habe damals scherzhaft fallen lassen, dass sein Nachfolger damit ja feststehe. Dass es nun voraussichtlich so kommt, hat drei Gründe. Erstens: der vorzeitige Rückzug Beckers aus familiären Gründen. Zweitens bekam Tuerlings in der Corona-Krise von seinem langjährigen Arbeitgeber aus der Flugzeugzulieferer-Branche ein interessantes Abfindungsangebot, um vorzeitig den Ruhestand antreten zu können. Und drittens gab es im Gemeinderat niemand anderes, der Zeit und Willen aufbringen wollte, sich zur Wahl zu stellen.

Dem Teamgedanken verpflichtet

„Ich wäre in keine Kampfabstimmung gegangen“, macht Tuerlings deutlich, sich als ein Teammitglied zu verstehen, dem Parteipolitik fremd ist. Er gehört keiner Partei an, was auch so bleiben soll. Er sei in der Gemeinschaft von Reichweiler damals so hervorragend aufgenommen worden und fühle sich dazu berufen, den Menschen etwas zurückzugeben.

Anschluss fand Tuerlings damals vor allem im Sportverein, bei dem er den Lauftreff gründete und den Ultra-Trail ins Leben rief, ursprünglich gedacht als private Geburtstagsfeier des Extremläufers. Die Veranstaltung ist mittlerweile so bekannt, dass der SV Blau-Weiß Reichweiler 2013 und 2019 Gastgeber der Deutschen Meisterschaft war.

Probezeit über zweieinhalb Jahre

„Ich bin Sportler und war lange Hundebesitzer“, bringt Tuerlings auf den Punkt, warum er im Dorf sehr bekannt ist. Er glaubt von sich, ein kommunikativer Mensch zu sein. Das mag eine gute Voraussetzung für das Amt des Ortsbürgermeisters sein. In den kommenden zweieinhalb Jahren, natürlich seine Wahl vorausgesetzt, will er selbst sehen, wie er bei den Leuten ankommt. Nach dieser Probezeit wären er, aber auch die Bürger schlauer.

Rein inhaltlich gesehen will Tuerlings mit dazu beitragen, dass Dorfgemeinschaftshaus, Spielplätze und der Friedhof einen ansprechenden Eindruck hinterlassen. Weil ihm Transparenz wichtig ist, denkt er an eine Bürgersprechstunde. In dem Dorf ohne Kneipe oder Restaurant würde er auch gerne einen regelmäßigen Bürgertreff ins Leben rufen. Und einen der beiden Brunnen im Ort will er unbedingt reaktivieren.

Gewerbe ansiedeln

Unter anderem eine Bäckerei, ein Holzhandel und eine Reithalle – Gewerbe ist in Reichweiler rar. Dabei gibt es hinter der Autobahn ein ausgewiesenes Gewerbegebiet. Mit Verbandsbürgermeister Stefan Spitzer will Tuerlings deshalb das Gespräch suchen: „Nach Konken und Schellweiler wären wir auch mal dran und würden uns über Gewerbesteuereinnahmen freuen.“ Die Wiese oberhalb des Dorfgemeinschaftshauses schwebt ihm als Neubaugebiet vor.

31 Jahre lebt der mittlerweile 61-jährige Tuerlings in Deutschland – und damit mehr als die Hälfte seines Lebens. Ursprünglich hatte er sich mal vorgenommen, in dem Fall die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ob es wirklich dazu kommt, weiß er mittlerweile nicht mehr: „Ich lebe aus tiefster Überzeugung in Reichweiler. Es mir nicht wichtig, ob ich in meinem Pass Deutscher oder Niederländer bin, auch wenn ich für das ganze Dorf der ,Holländer’ bin.“

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