Wolfstein
Christian Weißgerber: Der rechten Ideologie entkommen
„Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war“ heißt das Buch, das Christian Weißgerber 2019 herausgebracht hat. Nicht erst seitdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, aufzuklären und ganz greifbar am eigenen Beispiel zu erzählen, wie man ein Neonazi wird und später die rechtsextreme Ideologie überwindet. Das hat er Schülern am Veldenz Gymnasium in Lauterecken erzählt, bei einer Veranstaltung am Siebenpfeiffer-Gymnasium in Kusel und am Freitag in der Realschule plus in Wolfstein. Etwa 70 Schüler der neunten Klassen und aus der zehnten Klasse „Keine/r ohne Abschluss“ hörten zu und stellten Fragen.
Sein Weg begann nicht zufällig in Eisenach in Thüringen, einer Stadt, die sich in ihrem Lokalpatriotismus auf Luthers Bibelübersetzung und Johann Sebastian Bach beruft und sich deshalb als „Hort der deutschen und europäischen Kultur“ versteht. Verstärkt wurde diese Einstellung durch die Wende 1989, die die Bevölkerung in Gewinner und Verlierer, in „Wessis“ und „Ossis“, teilte. „Opfer“ der deutschen Einheit grenzten sich ab und entwickelten eine Gruppenidentität, aus der schnell ein Alltagsrassismus entstand.
Das Tabu fasziniert
Weißgerbers Vater war Alleinerziehender, häusliche Gewalt an der Tagesordnung. Sein Einfluss trug dazu bei, dass der Sohn bald an eine Bedrohung des deutschen Volkes glaubte: Es solle durch Migration oder Verschwörungen ausgelöscht werden. Das führte zu einem Nationalstolz, durch den er sich dem Deutschsein verpflichtet fühlte. Hinzu kam sein Elitebewusstsein, das während seiner Gymnasialzeit in einer leistungsstarken Klasse entstand. Ihn faszinierte der Nationalsozialismus – von den Erwachsenen tabuisiert, aber gleichzeitig als positive Epoche der deutschen Geschichte geschätzt.
Er fand Anschluss und Vorbilder in der aktiven Naziszene in Eisenach: „Es brauchte keine Gehirnwäsche, dass ich mich dort bewusst integrierte. Es waren normale Menschen, allerdings mit radikalen Ansichten.“ In diesem Umfeld fühlte er sich zunehmend als Held, der gegen das Unrecht kämpfte, das seiner Meinung nach dem deutschen Volk angetan wurde. Mehrere Jahre war er sehr aktiv, nahm an Demonstrationen teil, trat als Redner auf, wirkte bei Konzerten mit, bei denen „deutsches Liedgut“ oder „Rechtsrock“ gespielt wurden. Zeitweilig führte er eine eigene Jugendgruppe, die sich „Pakt volkstreuer Jugend“ nannte und in der er seine Ideen verbreiten konnte.
Wandel mit Tierschutz
„Ein Mosaik aus vielen kleinen Steinen mit unterschiedlichen Brauntönen“ sei die rechtsextreme Szene, erklärte Weißgerber. Es gebe sie seiner Meinung nach überall in Deutschland in unterschiedlichen Formen, dazu gehörten nicht allein Skinheads oder Hooligans, sondern auch Vereine, Verlage, Versandhäuser und Firmen. Wichtige Faktoren für seine Deradikalisierung waren desillusionierende Erfahrungen in der rechtsradikalen Szene: verschiedene Gruppierungen bekämpften sich gegenseitig. Er setzte sich stärker für Tierschutz und gegen Tierquälerei ein, suchte Gespräch mit vorherigen politischen Gegnern: Durch das Kennenlernen unterschiedlicher Standpunkte kam er zu einem differenzierteren politischen Urteil.
Ob er seine Vergangenheit bereue, wollte eine Schülerin wissen: Für ihn sei es vor allem wichtig, Verantwortung zu übernehmen und über die Ursachen des Rechtsextremismus zu informieren, erklärte Weißgerber. Seinen Vortrag beendete er mit einem Appell an die Zuhörer, politisch aktiv zu werden: „Demokratie lebt vom Engagement.“