Lauterecken
Brauhaus-Wirt bangt um Familie in der Türkei: „Überall liegen noch Leichen“
„Es war morgens um 4.17 Uhr“, sagt Medet Göcer. Er erinnert sich noch genau an den ersten Erdbebentag in der Türkei vor knapp drei Wochen. Unmittelbar nachdem das Beben die Erde erschüttert hatte, stand das Handy des Lauterecker Brauhaus-Wirts nicht mehr still. „Mehrere Familienmitglieder haben mich angerufen.“ Viele seiner Verwandten leben in der Provinz Sanliurfa, die meisten in der Stadt Adiyaman, die im am stärksten vom Erdbeben betroffenen Gebiet liegt. Der Wirt ist in der Region aufgewachsen, acht Tage vor dem Beben war Göcer noch in Adiyaman zu Besuch.
Unter den ersten Anrufern war seine Mutter. Die 86-Jährige habe sich mit seinem Bruder, dessen Frau und deren drei kleinen Kindern gerade noch aus einem achtstöckigen Gebäude retten können, bevor dieses in sich zusammengefallen sei, erzählt Göcer. In ihrem Auto hätten sie auf der Straße Schutz gesucht, dort bis Sonnenaufgang verharrt. „Sie hatten Angst und waren völlig durcheinander“, erzählt der Kurde.
Keine Hoffnung auf Überlebende
Weil das Telefonnetz zusammenbrach, konnte Göcer viele seiner Verwandten nicht erreichen. „Bis zum dritten Tag nach der Katastrophe war nicht klar, wer noch lebt und wer nicht. Ich hatte so gut wie keine Hoffnung, dass es jemand geschafft hat“, sagt der 43-Jährige. Schließlich seien 80 Prozent der Stadt Adiyaman, die überwiegend aus mindestens fünfstöckigen Hochhäusern bestand, von den Beben zerstört worden.
Nach drei Tagen erfuhr er, dass der Schwager seines Bruders mit Kind und Frau unter den Trümmern begraben wurde und gesucht wird. Nach vier oder fünf Tagen hatten sich Bürger durch die Trümmer zu der Familie durchgekämpft. Für den Vater und das zehn Monate alte Baby kam jede Hilfe zu spät. „Es war erfroren“, sagt Göcer. Die Mutter überlebte als einzige.
Noch immer unter Schock
Göcer kritisiert die Untätigkeit der Regierung, neun Tage sei keine Unterstützung gekommen. Zu Beginn hätten die Bürger die Bergung der Verschütteten komplett allein übernommen – mit bloßen Händen. „Sie hörten Menschen schreien, sie hörten Kinder weinen, aber sie konnten ihnen nicht helfen.“
Wie viele Angehörige er durch die Katastrophe verloren hat, kann Göcer nicht genau sagen. „Wir bekommen bis heute keine Informationen von der Stadt, wer noch lebt und wer nicht.“ Sein Schwager habe zwei Geschwister samt ihrer Familien verloren: 16 Personen. „Die Uhrzeit war schlecht. Alle lagen in ihren Betten und haben geschlafen“, versucht er das Unfassbare zu erklären.
Auch jetzt noch sitze der Schock bei den Überlebenden tief. Nahezu täglich telefoniert Göcer mit seiner Mutter, einer Schwester, einer Nichte, einer Cousine und einem seiner Brüder. „Sie sind völlig fertig. Sie sind immer noch so durcheinander, dass sie nicht richtig sprechen können.“
Schwiegermutter soll länger bleiben
Wie alle seine Verwandten sind auch seine fünf Schwestern mit ihren Männern und jeweils sechs bis sieben Kindern bei Freunden oder Angehörigen in Dörfern untergekommen, sagt der Wirt. Eine Dauerlösung sei das nicht: „Sie leben mit rund 30 Menschen in einem Haus. Da war das Leben vor 100 Jahren komfortabler.“ An eine Rückkehr in die Stadt sei schon wegen der Nachbeben nicht zu denken. Außerdem: „In der ganzen Stadt stinkt es, weil überall Leichen oder Teile von ihnen herumliegen, die noch nicht geborgen wurden.“
Göcers Schwiegermutter ist derzeit in Lauterecken zu Gast. Ihr Visum läuft eigentlich am 13. März aus, aber nach Rücksprache mit der Kreisverwaltung gibt es die Hoffnung, dass es verlängert werden kann. Um den Menschen im Krisengebiet zu helfen, hat Göcer einige Tage nach dem Beben Spenden gesammelt und in die Türkei geschickt. Weitere Sammelaktionen plant er vorerst nicht.
Ausweispapier unter den Trümmern
Seine Angehörigen nach Deutschland zu holen, werde wohl schwierig, denn diese müssten sich erst die notwendigen Ausweispapiere besorgen oder sich online an die Deutsche Botschaft in Ankara wenden. „Die Menschen dort haben absolut nichts mehr. Alle Dokumente liegen unter den Trümmern. Sie müssten alles neu beantragen, aber das interessiert sie im Moment nicht. Sie wollen nur am Leben bleiben.“
Der Wirt gibt auch zu bedenken: Er selbst lebe seit 13 Jahren in Deutschland und sei gut integriert. Würde er Angehörige zu sich holen, die die Türkei zuvor nie verlassen haben, könnten Konflikte mit seinen Mitmenschen entstehen, zum Beispiel in der Nachbarschaft. „In der Türkei gibt es eine andere Kultur und es herrschen andere gesellschaftliche Regeln. Da prallen zwei unterschiedliche Welten aufeinander.“
Außerdem sei nicht sicher, ob die Opfer ihre Heimat verlassen wollen. „Sie haben im Krisengebiet Angehörige verloren. Das wird für sie nicht einfacher, wenn sie nach Deutschland flüchten. Vergessen können sie ihren Schmerz auch hier nicht.“