Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Bei Ray Wilsons Gastspiel in der Abteikirche Offenbach springt der Funke erst spät über

Ray Wilson spielte mit seiner Band Genesis-Klassiker und eigene Songs. Foto: sayer
Ray Wilson spielte mit seiner Band Genesis-Klassiker und eigene Songs.

Voll besetzte Gotteshäuser sind bekanntermaßen alles andere als Alltagserscheinungen unserer Gegenwart. Der evangelischen Abteikirche in Offenbach ist dieses Kunststück vergangenen Freitag dennoch gelungen – wenn auch „nur“ aus Anlass weltlicher Musik. Der schottische Sänger und Gitarrist Ray Wilson war mit Begleitband zu Gast. Und hüllte das ehrwürdige Kirchengemäuer für mehr als zwei Stunden in rockige Klänge mit teils tiefgründiger Poesie.

Wilson und seine musikalischen Mitstreiter sind in Offenbach keine Unbekannten. Bereits 2015 sowie im Folgejahr machte der ehemalige Frontmann der Formationen Stiltskin und Genesis in der Glangemeinde Station, um musikalische Kostproben anzubieten. Entsprechend freundlich fiel die Begrüßung für den Musiker und sein Ensemble aus. Denn auch im Publikum saßen etliche „Wiederholungstäter“, nicht wenige davon mit teils stattlicher Anreise, wie die an diesem Abend in der Gemeinde gesichteten Autokennzeichen (München, Hamburg) offenbarten.

Auftakt mit Genesis-Stücken

Die fünf Musiker Ray und Steve Wilson (beide Gesang und Gitarre), Marcin Kajper (Bass, Saxofon, Flöte, Klarinette), Kool Lyczek (Piano, Keyboards) und Mario Koszel (Schlagzeug und Percussion) sowie die Violinistin Alicja Chrzaszcz starteten mit zwei Genesis-Stücken als Opener: „That’s All“ und zuerst „Calling All Stations“, der Titelsong des einzigen Studioalbums, das Ray Wilson selbst vor mehr als 20 Jahren mit Genesis eingespielt hat. Es folgten drei Stücke aus Wilsons eigenem Repertoire: „American Beauty“, das vom Aufbruch zu neuen Ufern handelnde „Lemon Yellow Sun“ und der weise Ratschlag „Take it Slow“, der deutlich temperamentvoller daherkam, als es der Titel vermuten lässt. Bis zur Pause standen weitere Genesis-Klassiker wie „The Carper Crawlers“ oder „Land of Confusion“ auf dem Programm. Sie wurden ergänzt von Soloerfolgen der Genesis-Mitglieder Michael Rutherford („Another Cup of Coffee“) und Phil Collins („Another Day in Paradise“).

Der Mixtur aus Genesis-Songs und eigenen Kompositionen, blieben die Musiker auch nach der Pause treu. Es folgten mehr als ein halbes Dutzend weiterer Genesis-Ohrwürmer – darunter Hits wie „No Son of Mine“, „Follow You Follow Me“ und „Not About Us“ – und zwei eigene Stücke. Dabei sang Wilson zunächst von der Sehnsucht nach seiner schottischen Heimat („Alone“) und ließ sich schließlich mehr als sieben Minuten Zeit, um in „Makes me Think of Home“ Erinnerungen aus früheren Tagen zu reflektieren. Spontanen Humor bewies der Barde, als nach den ersten Takten des Genesis-Titels „Mama“ für wenige Minuten die Stromversorgung in die Knie ging und nur die Kerzen im Bühnenbereich für Erleuchtung im Gotteshaus sorgten. Wilson quittierte den verzeihbaren Lapsus mit der schlichten Bemerkung „Brexit“.

Herzlicher Applaus

Die Songs der Band wurden vom Publikum allesamt mit herzlichem Applaus bedacht, doch zum Mitsingen oder Tanzen konnten sich nur sehr wenige durchringen. Die meisten saßen regungslos wie im Kino auf ihren Sitzen, und weil auch die Künstler auf der Bühne diesmal nur sporadisch auf die Zuhörerschaft eingingen, blieb über weite Strecken der Veranstaltung eine Distanz spürbar. Erst bei Peter Gabriels Solohit „Solsbury Hill“ nach etwa zwei Drittel der Veranstaltung erhoben sich fast alle im Gemäuer wie auf Knopfdruck von ihren Sitzen. Der Bann schien gebrochen, aber es war nur ein kurzes Intermezzo, das sich beim Genesis-Ohrwurm „Congo“, der zusammen mit dem sehr rockigen Stiltskin-Titel „Inside“ die musikalische Zugabe des Abends bildete, noch einmal wiederholen sollte. Letztlich war es der altehrwürdige Bob Dylan-Song „Knocking on Heaven’s Door“, der den zum Ambiente passenden Abschluss eines Konzertes lieferte, das weder das Publikum noch die Musiker in Bestform erlebte. Ray Wilson und seine Mannen hatten bei ihren Gastspielen in der Vergangenheit schon deutlich mehr Schwung in das Offenbacher Kirchengemäuer gezaubert. Diesmal beließen es die sechs Aktiven dabei, über weite Strecken lediglich ihr Programm routiniert runterzuspielen. Mitunter wirkten sie gar teilnahmslos. Als Gitarrist Steve Wilson für ein Solo mit Sonderapplaus bedacht wurde, schien ihn das überhaupt nicht zu interessieren. Die Vorstellung der einzelnen Musiker ging völlig unter.

Geteilte Meinungen

Stichproben im Publikum direkt nach dem Ende der Veranstaltung offenbarten eine bei einem Konzert selten vorzufindende Wahrnehmungsbandbreite. Unter den jüngeren Besuchern fanden viele den Auftritt „perfekt“, während etliche Gäste, die keine Plätze in direkter Bühnennähe ergattern konnten, den überspringenden Funken vermissten. Als „grottenschlecht“ betitelten gar Besucher das Konzert, die bereits in der Pause aufgrund der ihrer Meinung nach mangelhaften Tontechnik die Kirche enttäuscht verließen. Auf Kriegsfuß mit der gebotenen Akustik befand sich auch ein Zuhörer, der seinen Platz im äußersten Randbereich fand und kommentierte: „Ein Glück bin ich schwerhörig“.

Stammgast in der Abteikirche: Ray Wilson.  Foto: sayer
Stammgast in der Abteikirche: Ray Wilson.
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