Rammelsbach
Auf den Spuren urzeitlichen Lebens: Fossilien-Suche im Steinbruch
Eine steife Brise weht über die Rampe, auf der zehn Frauen und Männer nach Fossilien suchen. Stetig klicken die Hämmer und Meisel. Die Rampe ist kleiner geworden in den sechs Wochen, in denen die Grabung jetzt läuft. 200 Quadratmeter waren es anfangs, eingeteilt wie ein Schachbrett: E3, F4, C2. Ende der ersten Juliwoche sind nur noch 150 Quadratmeter Fläche übrig – der Gesteinsblock, der Schicht für Schicht abgetragen wird, verjüngt sich nach unten.
Ob 200 oder 150 Quadratmeter: Die Untersuchungsfläche ist winzig im Vergleich zu jener Flussrinne, die vor knapp 300 Millionen Jahren dort verlief, wo heute die Basalt AG Steine für den Bahngleisbau bricht und kaum noch weiß, wie sie die 2013 entdeckte Fundstätte von Weltrang bei ihrer Arbeit noch umgehen kann. Für eine wissenschaftliche Grabung ist sie aber beeindruckend groß. So wie die anderen Zahlen, die Grabungsleiter Sebastian Voigt beim Gespräch im Pausenzelt nennt. Unter dem Canvasdach versammeln sich alle zur Brotzeit am Biertisch, wenn die Glocken im Dorf Mittag schlagen.
Überreste von Tausendfüßlern und Haieiern
„600 Tonnen Gestein sind abgetragen, nochmal 200 Tonnen warten“, erzählt Voigt. 73 Helferinnen und Helfer vom Kind von acht bis zum Senior von 83 Jahren haben bis zu diesem letzten „Tag der Fische“ 2000 Stunden Freizeit investiert. Rund 1000 Funde hat er schon zur genauen Untersuchung ins Urweltmuseum Geoskop auf Burg Lichtenberg gebracht, wo er eigentlich arbeitet. Überreste von Tausendfüßlern und Haieiern sind darunter. Beide waren bislang im Fundbuch des Saar-Nahe-Beckens, zu dem die Fundstätte im Steinbruch gehört, so gut wie nicht vertreten.
1000 Stücke sind eine gute Zwischenbilanz. „Aber die meiste Zeit finden wir nichts“, sagen die Helfer unisono. Sechs Wochen Fossiliensuche sind vor allem sechs Wochen des Wegwerfens. Die Halden aus zerschlagenen Steinen am Rand der Rampe wachsen, immer mal wieder muss ein großer Steinbruchbagger sie wegfahren. Die Ehrenamtlichen beirrt das nicht. Geduldig brechen sie Stück für Stück aus Schicht um Schicht, spalten Kalkstein und Schluff mit 100-Gramm-Hämmerchen, blicken durch Lupen konzentriert auf winzige Unregelmäßigkeiten wie Striche und Flecken in weiß, rosa oder auch schwarz. Fluchen, wenn das Material nicht spaltet, sondern splittert, und rufen „Oh, eine Fischmahlzeit“, wenn es doch einmal nicht nichts ist, sondern ein Stück uralter Fischkot.
„Wie eine Schatzsuche“
Was vielversprechend ausschaut, kommt in rote Boxen. Deren Inhalt begutachtet Voigt in regelmäßigen Abständen an einem kleinen Tisch im Zelt. Was nicht nur vielversprechend ausschaut, sondern es auch ist, wird in Zeitungspapier eingeschlagen und eingepackt, versehen mit den Angaben zur Schicht, zum Quadrat und dem Namen dessen, der's gefunden hat.
Warum tut man sich das an? Sitzt auf mitgebrachten Klappstühlen oder kleinen Polstern im scharfen Wind oder in glühender Sonne, kniet auf hartem Fels mit steifen Gliedern und Staub auf der Haut, klopft und haut acht Stunden lang von morgens neun bis nachmittags fünf? „Mich hat gereizt, dass man was finden kann, was noch nie jemand gefunden hat, oder das Thesen widerlegt oder bestätigt“, sagt Isabelle Jung und strahlt dabei. Jeden Tag kommt die junge Innenarchitektin aus Rodenbach gefahren, zwei Wochen lang.
Marieke Bolz hat sich gleich in einer Ferienwohnung in Altenglan einquartiert, kommt sie doch aus Honnef bei Bonn. „Ich wollte schon immer mal Fossilien suchen, das fasziniert mich einfach. Aber bei uns gibt es keine Gelegenheit“, erzählt sie, während sie ein Stück Kalkstein so groß wie ein Sandkuchen in Einzelteile zerlegt. „Es ist eben wie eine Schatzsuche.“ Dass sie dabei ist, verdankt sie Freunden. Die haben ihr einen Aufruf aus der RHEINPFALZ weitergeleitet. Jetzt hilft Bolz mit, Schicht 19 zu untersuchen.
Knochen von Landwirbeltieren
Dort finden sich vor allem Überreste von Fischen: Schuppen und Kot, Zähne, Flossenstacheln und Knöchelchen. Voigt und Markus Poschmann von der Aufsichtsbehörde Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, kurz GDKE, haben das nicht anders erwartet. „Wie tief das Wasser zum Zeitpunkt der Ablagerung war, kann man gut erkennen“, sagt Poschmann. Und deshalb wissen die Profis: Die Tage der Fische im Steinbruch neigen sich dem Ende zu. Bald schon wird die Oberfläche der tieferen Schicht 18 freiliegen. Und dann die von Schicht 17. Dort sind eher Knochen von Landwirbeltieren zu erwarten.
Noch ist es aber nicht so weit. „Guck mal“, sagt Isabelle Jung und reicht einen Stein rüber zu Sebastian Voigt. Es glitzert wie Perlmuttschmuck aus dicht an dicht liegenden Teilen: die Schuppen eines Fischs. Und es sieht so aus, als sei das komplette Tier im Stein eingebettet worden. „Wo sind die Anschlussstücke?“, will Voigt wissen. Sie finden sich: Ein Teil schon im Eimer für den Abfall, ein anderer Teil noch fest verankert auf der Rampe. Und wieder klicken Hammer und Meisel.