Kusel / Westpfalz
Ärzte für die Westpfalz: „Ich habe nie wirklich aufgegeben“
„Es sind nicht genügend Ärzte da.“ So beschreibt Landrat Otto Rubly (CDU) die Ausgangslage, die den Kreis Kusel dazu bewegt hat, 2023 Stipendien für ein Medizinstudium in Ungarn zu unterstützen. „Mehr als die Hälfte der Ärzte im Kreis ist heute schon über 60 Jahre alt. Das macht die Zukunft sehr schwierig“, so Rubly. Die Bedingung für Stipendiaten: Nach Abschluss werden sie fünf Jahre lang in der Westpfalz als Ärzte arbeiten, um diesem Mangel entgegenzuwirken. Schon im ersten Jahr hatten sich 78 Bewerber daraufhin gemeldet. Aus den teilnehmenden Kreisen der Westpfalz und Bad Kreuznach, aber auch aus ganz Deutschland.
Zweite Chance für Traum
Unter ihnen war damals auch Carlos Kirschhock. Der 26-Jährige aus Waldmohr habe immer schon Arzt werden wollen, wie er erzählt. „Aber ich habe in Deutschland einfach keinen Platz bekommen“, erinnert sich Kirschhock. Stattdessen schlug er die Polizeilaufbahn ein, machte auch seinen Bachelor im Fach Polizeiwesen. „Das bereue ich auch nicht, es war eine tolle Arbeit. Aber der Traum war es eben nicht“, so Kirschhock. Deswegen habe er immer wieder versucht, doch noch ins Studium zu kommen. Doch unter anderem wegen des bereits absolvierten Bachelors sei das schwierig gewesen. „Ich habe nie wirklich aufgegeben. Und dann habe ich in der Zeitung vom Stipendium gelesen“, sagt Kirschhock.
Die Entscheidung, sich zu bewerben, sei dementsprechend leicht gefallen. Auch die Bindung an die Westpfalz für das praktische Jahr und die Jahre nach dem Studium seien für ihn kein Problem gewesen – er habe sich sowieso im Kreis niederlassen wollen. Nach einem Jahr Studium sei der Traum bisher nicht geplatzt: „Das Studium ist hart, es gibt mehr mündliche Prüfungen als in Deutschland. Aber ich wusste, was auf mich zukommt und man kann es gut bewältigen.“
Es gebe am Studium in Pécs auch noch weitere Vorteile. Beispielsweise sei das gesamte Studium in Deutscher Sprache und auch in der Stadt und im Umland sprächen viele Deutsch, so Kirschhock. „Und der Zusammenhalt zwischen den Studenten ist super. Man findet schnell Anschluss und hilft sich gegenseitig sehr.“
Stipendium bietet Perspektive
Yasmin Oemke steht all das noch bevor. Die 19-Jährige hat erst in diesem Jahr ihr Abitur an der IGS in Schönenberg-Kübelberg gemacht. Auch sie habe schon immer Ärztin werden wollen, hatte im Familienkreis Erfahrungen mit Krankheiten und jedes Praktikum und Schulfach auf das Studium ausgerichtet. Beinahe hätte sie den fürs Studium in Deutschland so wichtigen Notenschnitt von 1,0 über die Jahre gehalten. Aber: „Es reicht, wenn ein oder zwei Abiprüfungen leicht daneben gehen. Da war ich dann bei der Zeugnisübergabe gebrochen und dachte, dass das nichts mehr wird.“ Doch am selben Abend habe es eine kurze Vorstellung des Stipendiums gegeben – und somit sei für die Dunzweilerin wieder eine Perspektive offen gewesen.
Die Hoffnung sei aufgeblüht, so Oemke, und sie habe sich beworben. Nach einem Vorstellungsgespräch mit dem Auswahlgremium wurde sie als eine von zehn Bewerbern gewählt. Jetzt herrscht Vorfreude auf das Studium: „Ich freue mich wirklich sehr darauf, das Ganze lernen zu dürfen“, so Oemke. Auch sie habe vorgehabt, nach dem Studium in die Westpfalz zurückzukehren. Ungarn schrecke sie nicht, im Gegenteil: „Das ist die Möglichkeit, mal etwas ganz Neues kennenzulernen. Dadurch wird man unabhängig. Außerdem sieht es dort heimatlich aus – die Landschaft erinnert mich jedenfalls sehr an die Westpfalz.“
Im September geht es schon los mit dem Semester. Vor einigen Tagen sei sie daher selbst vor Ort gewesen, um die Schlüssel zu ihrer zukünftigen Wohnung abzuholen. Die habe sie innerhalb einer Woche im Internet gefunden, groß und günstig sei sie obendrein. „Die Lebenshaltungskosten sind schon deutlich niedriger“, bestätigt auch Kirschhock.
Das stimmt aber auch nur, weil sich die Studenten eben nicht um die Studiengebühren kümmern müssen, die in Pécs anfallen. Etwa 90.000 Euro koste das Vollstipendium für einen Studenten, erklärt Rubly. Das Geld komme von verschiedenen Spendern. Unter anderem das Westpfalzklinikum, die Pfalzklinik und die Zukunftsregion Westpfalz unterstützen, aber auch die Kreissparkassen und viele private Spender gäben ihren Teil. Auch einige größere Firmen seien dabei. Damit die Westpfalz in Zukunft mehr Ärzte so an sich binden kann, müsse es aber noch mehr Großsponsoren geben. Zumindest könne der Verein, der die Stipendien organisiert, mittlerweile Spendenquittungen ausstellen, so Rubly. Damit dürfte die Unterstützung aufgrund der steuerlichen Vorteile attraktiver werden.