Kusel Thallichtenberg: Sensation fast übersehen
Zuerst dachte der Paläontologe Rainer Schoch, dass die Untersuchung des Schädels reichen würde, um ein vor fast drei Jahren am Remigiusberg gefundenes Fossil bestimmen und beschreiben zu können. Dann kam das restliche Skelett ans Licht – weswegen der Stuttgarter und Geoskop-Leiter Sebastian Voigt am Urweltmuseum gerade noch einmal ganz genau hinschauen.
Nicht nur Schüler müssen nachsitzen
Es passiert nicht nur Schülern, dass sie nachsitzen müssen. Es trifft derzeit auch den gestandenen Urweltforscher Rainer Schoch. Der gebürtige Ludwigshafener mit Doktortitel, dessen Eltern und Schwester inzwischen im Kreis Kusel wohnen, hat seine berufliche Heimat am Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart gefunden. Fachgebiet: die Entwicklung der Landwirbeltiere des späten Erdaltertums mit Schwerpunkt auf jenen Lebewesen, die sich noch nicht vom Wasser unabhängig fortpflanzen konnten.
Vor 290 Millionen Jahren See im heutigen Remigiusberg
Die waren im damals in der heutigen Pfalz herrschenden Tropen- und Subtropenklima recht häufig. „Wenn sie irgendwo in einem See gebadet hätten, wären sie ziemlich sicher von so einem Tier gebissen worden“, sagt Schoch. Ein See befand sich vor rund 290 Millionen Jahren nach wissenschaftlichen Erkenntnissen tatsächlich am heutigen Remigiusberg. Die ersten menschenähnlichen Wesen tauchten aber erst vor rund sieben Millionen Jahren auf.
Wesen bisher unbekannt
Spitze Zähne jedenfalls hatte das fleischfressende Tier, dessen Überreste Schoch diese Woche ins Urweltmuseum Geoskop auf Burg Lichtenberg geführt haben. Geborgen im Herbst 2014 im Steinbruch am Remigiusberg, repräsentiert das nahezu vollständige Skelett einen bisher unbekannten Vertreter aus der großen Gruppe urtümlicher Amphibien, denen der Geologe und Paläontologe seine Karriere gewidmet hat. „Der Fund schließt eine Lücke“, sagt Schoch. „Wir kennen ähnliche Tiere aus vielen Funden im heutigen Nordamerika und aus Russland. Dieses Fossil ist nicht nur der erste Vertreter der Gruppe, der in Europa geborgen wurde. Es passt mitten in den Stammbaum rein, zeitlich wie anatomisch.“
Skelett befand sich tief im Stein
Dass im rund 290 Millionen Jahre alten Gestein des Remigiusbergs eine Tierart eingebettet war, die den Bogen von Fundstätten in Texas, Ohio und New Mexico zu den Ufern der nördlichen Dwina am Weißen Meer spannt, wäre fast übersehen worden. Im Stuttgarter Museum war zunächst nur der Schädel aus dem Gestein herausgeschält worden. „Ich habe nicht gleich begriffen, dass das Skelett auch da ist, aber tief in den Stein geht“, erzählt Schoch.
Neues Stück Evolutionsgeschichte
Sicher war sich dessen Geoskop- und Grabungsleiter Sebastian Voigt. Er ließ in Odernheim am Glan nacharbeiten. Danach war recht schnell klar, dass die Wissenschaft kein bekanntes, sondern ein gänzlich neues Stück Evolutionsgeschichte vor sich hatte. Nun also ist Schoch auf der Burg und sitzt am Mikroskop. Jeder Knochen, jede Schuppe, jeder Zahn wird in bis zu zehnfacher Vergrößerung betrachtet, dann gezeichnet und beschrieben. „Das Tolle ist, dass Vertreter aller Tiere, die man aus dieser Zeit erwarten kann, am Remigiusberg gefunden worden sind“, sagt Schoch. „Hier haben wir jetzt das Fossil des Wassertiers, das noch gefehlt hat.“ Voigt mag dieser Einschätzung nicht folgen: „Ich habe da schon noch Wünsche.“
Name steht noch nicht fest
Die beiden müssen ohnehin noch einiges diskutieren. Sie sind die Autoren der wissenschaftlichen Erstbeschreibung des Fossils, die nun bald herausgebracht werden soll. Der Name des urtümlichen Lurchs ist noch nicht gesichert. Sein seltsam von den Fangzähnen durchstoßener Kiefer und der Remigiusberg sollen aber darin vorkommen.