Kusel Poetische Werke als Teil der Propaganda

Kusel. Wer in den Ausgaben der „Kuseler Zeitung“ und des „Kuseler Anzeigers“ blättert, die 1915 erschienen sind, ist überrascht über die vielen Gedichte, die dort abgedruckt wurden. In den beiden Zeitungen waren es allein in den ersten drei Monaten mehr als 60 Gedichte. Fast alle poetischen Werke handeln vom Krieg und drücken die persönlichen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen ihrer Verfasser aus. Damit stellen sie Zeugnisse für die Stimmung und den Geist der Zeit dar. An die Zeitungen geschickt und dort veröffentlicht, sind sie gleichzeitig Teil der Propaganda.
Die meisten Gedichte stammen von Soldaten oder Veteranen aus dem Kreis Kusel, die sich nur einmal zu Wort meldeten. Einige Autoren sind häufiger vertreten. Zu ihnen gehören der aus Ulmet stammende Heimatdichter Carl August Fickeisen (1847-1927), der vier Jahrzehnte in den USA lebte, bevor er in sein Heimatdorf zurückkehrte. Auch der Nagelschmied Christian Forsch (1865-1944), der auf Burg Lichtenberg geboren wurde und später in Konken wohnte, ist mit mehreren Gedichten vertreten. Es sind insgesamt sechs Themenkreise, die in den Gedichten behandelt wurden. Einer davon ist die allgemeine politische und militärische Lage. Dabei ließen die Autoren keinen Zweifel daran, dass Deutschland stets den Frieden wollte und schließlich zum Krieg gezwungen wurde, weil es sich verteidigen musste. Der siegreiche Ausgang galt als sicher: „Nie ward Deutschland überwunden, / wenn es eins und einig war“. Deshalb konnte man sich auch über den militärischen Gegner verächtlich äußern. Die russischen Soldaten werden als „verrottete Horden“, geschildert, die zum Himmel winseln, wenn die Deutschen sie „lachend in den Dreck“ werfen. Aber nicht Russland oder der „Erbfeind“ Frankreich wird als Hauptgegner genannt. Am meisten hasste man die „heimtückischen Lügenbriten“, die aus Neid auf Deutschland die anderen Völker zum Krieg aufgehetzt hätten. Dieses Thema wird in den Gedichten immer wieder angesprochen. England ist ein Ganove, der den schlafenden „Michel“ ausrauben und ermorden will, aber von ihm kräftig verprügelt wird. Die deutschen Luftschiffe, die England angreifen, sind der „stolze Aar“, der den räuberischen Raben in die Flucht schlägt. Sogar im Jenseits wird England wegen seiner Taten verachtet. Als der englische König sich vor Gott rechtfertigt, er habe die anderen kämpfen lassen und selbst davon profitiert, bekommt er zur Antwort: „König Georg, du bist ein gemeiner Tropf.“ Nicht einmal in der Hölle will man mit den Engländern zu tun haben, als sie dort erscheinen. Ihnen erklärt der Teufel: „Doch nimmer laß ich euch hier herein / Ihr seid für die Hölle mir zu gemein“. Ein zweites Thema sind einzelne militärische Ereignisse vom „europäischen Schützenfest“, wie die Kämpfe im Argonnerwald bei Verdun oder um Ypern. In allen Schlachten treten die deutschen Soldaten als unerschrockene Kämpfer auf: „Wir geh’n mit Hurra in den Tod.“ Wer für „Deutschlands Ehre und Deutschlands Ruhm“ stirbt, erhält ein „Quartier im Himmelszelt“, heißt es zum Beispiel. Von dort aus bewachen und beschützen die Toten ihre lebenden Kameraden. Besonders heroisiert wird der „Heldentod“ in dem Gedicht „Der Sieger“, das Ernst Peter Grün seinen toten Kameraden gewidmet hat. Er erzählt, wie ein schwer verwundeter Soldat sich an den Waldrand schleppt und dort noch einen „tückischen Franzmann“ erschießt. Während er an eine Eiche gelehnt in der Ferne den deutschen Siegesjubel hört, verblutet er: „Der Baum, der Heldenblut getrunken hat / löst stumm erschauernd Blatt um Blatt / und schmückt den toten Sieger.“ Gelegentlich werden die militärischen Ereignisse auch mit einem derben Humor geschildert und verniedlicht. Das „Lied von der dicken Berta“, das in beiden Kuseler Zeitungen abgedruckt wurde, berichtet von dem berühmten 42-Millimeter-Mörser, den die Firma Krupp entwickelt hatte. Er war mit Erfolg bei der Belagerung von Lüttich und Namur eingesetzt worden. Nun sollte er mit seinen „Bonböngchen“ auch Paris und London sturmreif schießen, um dann „mit Hurra“ nach Berlin zurückzukehren. (dhb)