Kusel Elementare Ängste des Menschen

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„Ich hab es vom Freund eines Freundes gehört, und es ist dem wirklich passiert.“ So fangen sie fast alle an. Jeder hat schon mal eine gehört, sie verbreiten sich im Zuge der neuen technischen Möglichkeiten wie ein Lauffeuer, Protagonisten sowie Urheber der Geschichten sind unbekannt: die modernen Sagen. Die oft skurrilen bis verstörend-gruseligen Anekdoten treten inzwischen besonders häufig als „Hoax“ auf, was sich aus dem Englischen mit „schabernackartige Falschmeldung“ übersetzen lässt. Diese Meldungen werden häufig per E-Mail oder über Soziale Netzwerke weitergeleitet. So geschehen vergangene Woche, als sich knapp 100 besorgte Bürger an die Polizeidienststellen in Schönenberg-Kübelberg und Neunkirchen/Saar wandten (wir berichteten). Auslöser war eine besorgniserregende Nachricht auf der Kommunikationsplattform WhatsApp: Unbekannte seien unterwegs, um „Kinder einzufangen“ und ihnen Organe zu entnehmen. Die Polizei konnte aber Entwarnung geben, dahinter stecke vermutlich eine Falschmeldung, denn Anhaltspunkte für eine geplante Kindesentführung gebe es bisher keine. So furchteinflößend die Geschichte auch sein mag, neu ist die Thematik jedenfalls nicht – diese moderne Sage kursiert seit Jahrzehnten, die Grundmotive haben sich kaum geändert. Immer wieder ist gerade im nördlichen Landkreis von einem weißen Bus mit KH-Kennzeichen die Rede, der Kinder „einsammele“. Die Sage spiegelt elementare Ängste des Menschen wider, einen großen Teil macht die Angst vor dem Fremden und Unbekannten aus. Die Kinderentführung und der Organdiebstahl sind echte Klassiker unter den sagenhaften Geschichten. Hier wird die Urangst des Menschen, dass dem Nachwuchs etwas zustoßen könnte, vermischt mit der Thematik des illegalen Organhandels, welcher gerade in den vergangenen Jahren Inhalt zahlreicher Berichte und unbestätigter Meldungen ist. 1990 verbreiteten sich die Organraub-Geschichten in Deutschland vermehrt, wie der Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich in seinem Buch „Das Huhn mit dem Gipsbein“, einer Sammlung moderner Sagen, berichtet. Das Prinzip der Horrorgeschichten ist immer gleich: Deutsche Bürger, ob jung oder alt, gelangen in die Fänge einer unbekannten, oft ausländischen „Organmafia“, welche ihre Opfer entführt, betäubt und dann in dunklen Ecken wertvolle Organe wie die Nieren entnimmt. Frühe Erzählungen dieser Art waren noch im Ausland lokalisiert, der Klau soll sich im Süden, also im „fremden“ Urlaubsland zugetragen haben, die Opfer meist unbescholtene Touristen. Später wurde der Handlungsort immer mehr nach Deutschland oder Grenzgebiete verlegt. Die Erzählungen um vermeintliche Kindesentführung mit Organklau tauchen regelmäßig in deutschen Städten auf. So sollen 2011 in Bad Urach und Umgebung Kinder von Unbekannten in einen Lieferwagen gelockt worden sein. Anfang des Jahres gab es angeblich eine versuchte Kindesentführung in einem Gütersloher Einkaufszentrum, osteuropäische Kriminelle hätten geplant, dem Kind anschließend Organe zu entnehmen. Passiert ist aber nichts dergleichen: Weder wurde in dieser Zeit ein Kind vermisst gemeldet noch fehlte irgendein Organ. Das Erzählen von Geschichten gehört zu den grundlegenden Bedürfnissen des Menschen. Sich gegenseitig von Erlebnissen zu berichten, aus welchen Gründen auch immer, ist ein lebenserhaltender Wesenszug, der die Menschheit schon immer begleitet hat. Es ist anzunehmen, dass, so lange es uns geben wird, wohl auch die moderne Sage und deren Verbreitung weiter existieren.

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