Kusel „Die Böden sind doch unser Kapital“

Marcel Müller
Marcel Müller

«Kusel.»Soforthilfen für Landwirte? Mitschuld der Bauern am Klimawandel? Bundesweit wird debattiert, das mache auch die Bauern im Kreis betroffen, sagt Marcel Müller, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands. Er hofft, dass durch die Diskussion die Notwendigkeit langfristiger Unterstützungsmaßnahmen erkannt wird.

Herr Müller, wir haben Mitte Juli über die bevorstehende Ernte berichtet, da sah es noch ganz okay, durchschnittlich aus. Hat sich die Prognose nun, mit noch mehr Wochen der Trockenheit und Hitze, verschlechtert?

In unserer Region nicht. Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen, was das Getreide angeht. Es gibt einzelne Abweichungen, bei uns im Betrieb war zum Beispiel die Wintergerste schlecht, anderes dafür ganz in Ordnung. So höre ich das auch von Kollegen. Sie betonen das Getreide – womit gab es denn dann Probleme, wenn nicht damit? Unentspannter ist es im Futterbau, ganz klar. In vielen Fällen konnten die Kollegen nur einen Schnitt machen für Grassilage und Heu. Der war meist ganz gut, aber es fehlen eben der zweite und dritte. Das heißt, sie werden Probleme mit dem Füttern ihrer Tiere bekommen, Futter zukaufen müssen und das zu vermutlich recht hohen Preisen, weil es ja überall in Europa schlecht lief? Nicht unbedingt. Die meisten, mit denen ich bisher gesprochen habe, sagen, sie haben Reserven. Und wir helfen uns im Kreis auch untereinander aus. In anderen Regionen in Deutschland und der EU ist das dramatischer, ja existenzbedrohend. Die geforderte Hilfe für Bauern ist für sie also kein Thema? Momentan ist mir kein Betrieb bei uns bekannt, der durch die Dürre extreme Probleme hat. Aber man darf ja nicht nur das eine Jahr betrachten, sondern auch die Folgejahre. Wer jetzt seine Vorräte verfüttert, kann nächstes Jahr Probleme kriegen. Und wir haben ja immer wieder Extremwetterlagen. 2003 waren es über 40 Grad, das ist so ungewöhnlich gar nicht. Dieses Jahr ist es vor allem der Regen, der gefehlt hat. Damit wäre die Hitze gar nicht so dramatisch. Es ginge Ihnen also um generelle Hilfe, keine nur jetzt greifende? Genau. Die USA zum Beispiel haben staatlich geförderte Versicherungen bei Extremwetterlagen. Oder es wäre möglich, dass Betriebe Risikorücklagen bilden können, die nicht versteuert werden. Die könnten in solchen Fällen verwendet werden. Aber es gibt ja schon Versicherungen für Landwirte. Zu einer Hagelversicherung kann man jedem Landwirt nur raten. Die meisten anderen greifen nicht. Sie sind so teuer, das rechnet sich nicht. Vom Hagel waren Teile des Landkreises dieses Jahr massiv getroffen, da gab es beim Raps teilweise Ausfälle von bis zu 100 Prozent. Das ist hart, ob versichert oder nicht – man hat das ganze Jahr die Arbeit gemacht und dann ist alles weg. Mit der Debatte um Hilfen für Bauern ist eine Diskussion um die Mitschuld der Landwirtschaft am Klimawandel aufgekommen. Trifft sie das? Ja, diese Diskussion trifft uns sehr. Die Böden sind ja unser Kapital, das darf man nicht vergessen. Wir wären ja bescheuert, wenn wir sie nicht pflegen würden. Die Diskussion macht betroffen und zum Teil auch depressiv, sie beschäftigt die Leute. Es ist ja nicht die Landwirtschaft alleine, die am Klimawandel schuld ist. Denken Sie an die Treibhausgase von Kreuzfahrtschiffen und Fliegern! Man rettet Banken und Autobauer für Milliarden, aber wenn die Bauern eine Milliarde fordern, sind sie der Sündenbock. Aber die Aufmerksamkeit könnte auch zu einem Umdenken führen. Es muss langfristig gedacht werden. Und es braucht Regulierungen. Deutschland ist ein reiches Land, es könnte problemlos auch zukaufen. Alles ist handelbar, es ist ein globaler Markt, wir werden nicht verhungern. Aber dann verschiebt sich das Problem. Das Prinzip „Das entscheidet der freie Markt“ funktioniert einfach nicht, denn es gibt keinen freien Markt. Und: Jede Unterstützung, die an die Landwirtschaft geht, ist letztlich eine Unterstützung des Verbrauchers. Ihm kommen günstigere Preise zugute. Wir behalten das ja nicht in der Tasche. | Interview: Astrid Böhm

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