Enkenbach-Alsenborn
Wieder ein Arzt weniger: Martin Diehl geht in Rente
Wie es mit ihm als Rentner weitergehen soll, weiß der Allgemeinmediziner Martin Diehl genau – die Zukunft von Arztpraxen hingegen hält er für ungewiss. Sein Team der Medizinischen Fachangestellten ist traurig. „Wir haben ein lachendes und ein weinendes Auge, wobei das weinende Auge überwiegt“, gestehen die Damen, die ihm dennoch seinen Ruhestand gönnen und sich mit ihm freuen.
Nach dem Abitur studierte der gebürtige Wuppertaler Medizin und Theologie in Köln. Es folgten drei Jahre Arbeit in der Anästhesie im Krankenhaus und die Facharztausbildung zum Kinderarzt. 1987 ließ er sich schließlich als praktischer Arzt in Enkenbach in den Räumen des ehemaligen Haushaltswarengeschäfts Zimmermann nieder. Schnell sprach sich in der Gemeinde herum, dass der neue Mediziner auch Kinderarzt ist. Fortan versorgte er ganze Familien. Um die wachsende Patientenanzahl weiter bewältigen zu können, holte er sich 1990 mit Wolfgang Thielen einen Kollegen mit ins Boot. Als dieser nach 15 Jahren plötzlich verstarb, trat der Internist Seyed Modjtaba Yazdani dessen Nachfolge an. Diehl hatte zwischenzeitlich noch die Zuerkennung zum Facharzt für Allgemeinmedizin erhalten.
Seit zehn Jahren auf Nachfolger-Suche
Seit zehn Jahren seien sie bereits aktiv auf der Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger. Dabei haben die beiden Mediziner alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Recherchen in speziellen Börsen, bei der kassenärztlichen Vereinigung und Banken sowie Inserate im Ärzteblatt und Aushänge an Kliniken. Die Resonanz sei mittelmäßig gewesen. Ab und an kam es zu Führungen von Interessenten in der Praxis, eine Zusammenarbeit scheiterte in Gesprächen über Gehälter und sonstige Vorstellungen.
Vor etwa zwei Jahren schien man einen Glücksgriff gemacht zu haben. Ein junger, osteuropäischer Arzt, der zuvor ein Jahr lang in einer Rehaklinik in Bayern tätig war, zeigte großes Interesse. Die drei Kollegen waren sich einig. Alles schien zu passen. Das sah die Ärztekammer allerdings anders. Obwohl sein Deutsch ganz passabel war, reichte es nicht für den Test. Selbst die Beteuerungen seitens Diehl und Yazdani, den Kollegen noch entsprechend weiter auszubilden, genügten der Ärztekammer nicht. „Die Bedingungen in Rheinland-Pfalz sind im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr hoch“, meint Diehl. Der junge Arzt sei dann wieder zurück zur bayrischen Klinik gegangen.
Diehl sieht MVZ als Zukunftsmodell
Woran liegt es, dass Arztpraxen Probleme haben, einen Nachfolger zu finden? „50 Prozent der nachkommenden Mediziner sind mittlerweile Frauen – und gerade diese haben andere Vorstellungen, wie ihr Arbeitsalltag aussehen soll. Sie achten auf die Work-Life-Balance“, erklärt der Allgemeinmediziner. Dass die jüngere Generation mehr Wert auf Freizeit lege, sei ein berechtigtes Interesse. Dem stehe eine 60- bis 80-Stunden-Woche als Arzt einer eigenen Praxis entgegen. Zusätzlich erscheine dem medizinischen Nachwuchs eine Beschäftigung in einer Stadt attraktiver als auf dem Land.
Als Familienvater weiß Diehl, dass Kinder unter den Arbeitszeiten etwas leiden. Er selbst habe – im Gegensatz zu seiner Familie – nicht das Gefühl gehabt, zu wenig da zu sein. So manches Ereignis sei ihm jedoch durch die Lappen gegangen – etwa die Abiturfeier eines Kindes. Für den Enkenbacher Arzt ist klar, dass sich die Strukturen ändern und an die veränderte Gesellschaft angepasst werden müssen. Die herkömmliche Praxis eines Arztes sei ein Auslaufmodell. Er sieht die Zukunft in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Dort könnten sich die Ärzte untereinander besser die Zeiten und Patienten einteilen. Im Angestelltenverhältnis lasteten zudem weniger Verbindlichkeiten auf den Medizinern. Auch diese Möglichkeit habe man für die Enkenbacher Gemeinschaftspraxis in Erwägung gezogen. Man habe schon in Verhandlungen mit einem interessierten Anbieter zusammen mit dem Westpfalz Klinikum gestanden. Kurz vor knapp sei dies allerdings vor einem Jahr an den nicht vorhandenen finanziellen Mitteln des Lautrer Klinikums gescheitert.
Der Familie widmen
Während Diehl die Eltern der von ihm behandelten Kinder bereits an den Kinderarzt im neuen MVZ in Winnweiler verwiesen hat, muss sein Kollege Yazdani erstmal allein weiterpraktizieren. Bei einer Patientenaufteilung von 50 zu 50 unter den Kollegen bedeutet das einiges an Mehrarbeit für den Internisten.
Martin Diehl, der in seinem Beruf voll und ganz aufging und sich auch als Seelsorger sah, will sich nun vermehrt seiner Familie widmen. Bei vier Kindern und zehn Enkeln werde keine Langweile aufkommen. Auch seinen Hobbys – Fahrradfahren, Joggen und Musizieren – kann er nun mehr Zeit einräumen. Seit 20 Jahren spielt der in Studienzeiten als Organist Tätige Posaune in der Katholischen Vereinskapelle. Das bereite ihm sehr viel Spaß, zumal mittlerweile einer seiner Enkel neben ihm in der Kapelle Posaune spielt. Er freue sich auch darauf, mit seiner Frau etwas zu unternehmen – wie etwa einen Kinobesuch in Enkenbach-Alsenborn. Gerne werde er sich an die Zeiten als Arzt zurückerinnern. Als lustig empfand er die Reaktion mancher Menschen, als er anfänglich noch mit langen Haaren und Bart zu Notarzteinsätzen kam. Was er vermissen wird? „Dass ich kein Rädchen mehr in der Gemeinde Enkenbach sein werde.“