Hütschenhausen
Sorge um Storchennachwuchs: Nestbau mit Hindernissen
Das Thema beschäftigt die ganze Familie von Charlotte Glück und Gunter Kürble seit Tagen: Ein Storchenpaar baut ein Nest auf einem Strommast in der Wiesenstraße von Hütschenhausen. Kaum nimmt es Formen an, entfernen Mitarbeiter der Stadtwerke Ramstein die Äste und Zweige wieder. Daraufhin beginnen die Störche von Neuem am selben Standort. Drei- oder viermal sei das bereits so gegangen, berichtet Glück am Mittwoch der RHEINPFALZ. Sie und ihre Enkelkinder, die aus ihrem Fenster einen direkten Blick auf den Strommasten und die Nestbauversuche haben, seien darüber sehr unglücklich. Auch Tränen seien schon geflossen.
Sie selbst sei Mitglied in der Naturschutzgruppe Moorklee, die versucht, in Hütschenhausen den Naturschutz voranzubringen, erzählt Glück. Dass mittlerweile Störche den Weg in die Gemeinde gefunden haben, freue sie. Aber was nütze das, wenn die Vögel dann am Brüten gehindert würden? Sorge bereitet der Hütschenhausenerin auch die Frage, was mit denen im Körper der Störchin sicherlich schon angelegten Eiern geschieht, wenn es kein Nest gibt, in die sie sie legen könnte.
Brut muss bis Mitte Mai beginnen
Darauf weiß Christian Reis von der Aktion Pfalzstorch die Antwort: Rund fünf Tage bevor das Nest voraussichtlich fertig gebaut ist, leite die Storchendame die Eier im Eileiter sozusagen weiter, damit sich die Kalkschale ausbildet. Hat dieser Prozess begonnen, „muss sie legen. Sie wird das Ei, wenn kein Nest vorhanden ist, dann einfach fallenlassen.“ Der Störchin schade das nicht, sagt der Experte, der vor allem in der Südpfalz für die Betreuung und Wiederansiedlung der Störche zuständig ist, sich aber auch in der Westpfalz auskennt. Die Tiere würden dann in der Regel noch einmal versuchen zu brüten. Aber er weiß auch: „Was bis Mitte Mai nicht im Nest liegt, wird auch nicht mehr gelegt.“ Bei späteren Bruten reiche einfach die Zeit nicht mehr, damit die Jungtiere rechtzeitig groß und kräftig genug werden, um es in ihre Winterquartiere im Süden zu schaffen. Schon jetzt sei eine Eiablage „grenzwertig“, sagt Reis. In anderen Nestern seien bereits die ersten Störche geschlüpft.
Davon sind die Hütschenhausener noch weit entfernt. Dass es aber trotz der schwierigen Startbedingungen in diesem Jahr doch noch zu einer erfolgreichen Brut kommen könnte, dafür scheinen die Chancen seit Mittwochabend wieder besser zu stehen. Denn die Ramsteiner Stadtwerke reagieren auf die Interventionen der Anwohner und die Anfrage der RHEINPFALZ, warum das Nest immer wieder entfernt werde, prompt und pragmatisch. Mitarbeiter installieren ein großes, rundes hölzernes Podest auf dem Strommast, auf dem die junge Storchenfamilie einen relativ sicheren Platz hätte. Dass dies außerhalb der regulären Arbeitszeit geschehen sei, hebt der Technische Leiter, Christian Mees, lobend hervor.
Betriebssicherheit geht vor
Er erläutert aber auch, warum die Stadtwerke zuvor versucht haben, den Nestbau an dieser Stelle zu verhindern: „Hintergrund hierfür ist die Betriebssicherheit unserer Stromversorgung. Ein Nestbau auf stromführenden Anlagen kann zu erheblichen technischen Problemen führen, beispielsweise zu Kurzschlüssen oder Schäden an der Infrastruktur und im ungünstigsten Fall auch zu Stromausfällen.“ Auch für die Tiere stelle die unmittelbare Nähe zu der Anlage ein erhebliches Risiko dar.
Das Entfernen der Äste und Zweige sei zudem mit der Unteren Naturschutzbehörde, die bei der Kreisverwaltung angesiedelt ist, abgestimmt worden und habe jeweils zu einem frühen Zeitpunkt stattgefunden, als das Nest noch nicht fertiggestellt gewesen sei, betont der Technische Leiter. Charlotte Glück hatte ebenfalls Kontakt mit der Behörde. Dort sei ihr bestätigt worden, dass das Entfernen des Nestes rechtlich in Ordnung sei. Schutz bestehe für das Nest erst, wenn ein Ei darin liege, was in der Wiesenstraße noch nicht der Fall war.
Störche sind sehr ortstreu
In der Regel bestehe bei einem so frühzeitigen Eingriff eine Chance, dass die Tiere sich eine alternative Nistmöglichkeit suchten, sagt Mees. Storchenfachmann Reis weiß hingegen, dass Störche „sehr eingesessene Vögel“ sind. Wenn sie sich eine Stelle ausgesucht haben, hielten sie oftmals trotz Vergrämungsversuchen an dieser fest. In der Nähe aufgestellte Nisthilfen würden aber durchaus angenommen. Solche gebe es bereits in Hütschenhausen, sagt Mees, abseits der technischen Anlagen. Im vorliegenden Fall aber sei der Strommast für das Storchenpaar offensichtlich am attraktivsten gewesen. Daher musste jetzt eine kurzfristige Lösung her. Ein Podest auf dem Masten zu montieren, sei die schnellste und einfachste Lösung für diese Saison, lobt Pfalzstorchmann Reis die Entscheidung der Stadtwerke Ramstein.
Und auch die Störche scheinen das kurzfristig geschaffene Angebot gutzuheißen. „Unsere Mitarbeiter sind heute Morgen vorbeigefahren und konnten sehen, dass der Storch die Plattform bereits angenommen hat und schon die ersten Äste eingetragen hat“, berichtet Mees am Donnerstagvormittag. Auch Glück, Kürble und die Enkel haben am Freitag beobachtet, dass die Vögel wieder bauen. Die Hoffnung, dass sich doch noch Storchennachwuchs einstellt, ist also tatsächlich gegeben.
Naturschutz und Versorgungssicherheit unter einen Hut bringen
Ob die Plattform allerdings über diese Brutsaison hinaus bestehen bleiben kann, ist laut Mees noch ungewiss. Nach dem Sommer könnte es aus statischen Gründen erforderlich sein, das Podest anzupassen oder wieder abzubauen. Schließlich, das betont auch Storchenexperte Reis, sei ein solcher Mast in der Regel nicht für eine solche Last ausgelegt. Auch die Gefahr für die Tiere sei nicht zu unterschätzen. „Störche haben auf einem Strommasten nichts verloren“, ist er in dieser Sache ganz aufseiten der Energieversorger. Der Technische Stadtwerke-Leiter stellt klar: „Unser Ziel ist es, eine dauerhafte Lösung zu finden, die sowohl den Anforderungen des Naturschutzes als auch der Versorgungssicherheit gerecht wird.“ Letztere, nämlich die sichere Stromversorgung und die Betriebssicherheit, habe allerdings oberste Priorität für die Werke.
Dennoch ist auch er froh, dass nun erst einmal für die Störche alles auf einen guten Weg gebracht zu sein scheint. Wie die Familie von Charlotte Glück hofft auch Mees, dass schon bald Nachwuchs im Nest beobachtet werden kann. Für die Zukunft kündigt er zudem an: „Aktuell arbeiten wir eng mit der Naturschutzgruppe Moorklee zusammen, um weitere geeignete Standorte (für Storchennester, Anm. d. Red.) zu finden.“
