Landstuhl RHEINPFALZ Plus Artikel Pflege in der Krise: Wie ein Stammtisch den Austausch verbessern will

Pflegestammtisch: 17 Dienstleister aus dem Gesundheitswesen der Westpfalz wollen sich regelmäßig treffen, um die Pflege voranzub
Pflegestammtisch: 17 Dienstleister aus dem Gesundheitswesen der Westpfalz wollen sich regelmäßig treffen, um die Pflege voranzubringen.

Pflegebedürftige und Schwerstkranke erhalten zu spät Hilfe – auch weil sie häufig nicht wissen, wie. Ein Stammtisch will die Pflege in der Region effizienter gestalten.

Am Dienstagnachmittag sitzen sie in der Ökumenischen Sozialstation Westpfalz am großen Tisch zum vierten Mal zusammen. 17 Experten aus dem Gesundheitswesen, deren Berufsalltag es ist, altersschwachen, chronisch kranken oder schwerstkranken Menschen zu helfen, freuen sich auf einen produktiven Austausch. Ob etwa als Hospizfachkraft oder Geschäftsführer vertreten sie die unterschiedlichsten Einrichtungen, von Hospiz über Sozialstation, Gemeinschaftswerk und Krankenhaus bis hin zum Sanitätshaus.

Sie alle erhoffen sich von diesem Pflegestammtisch dasselbe: bessere Vernetzung, Kommunikation, kurze Wege und effektivere Zusammenarbeit. Viele kennen sich bereits aus patientenbedingten Telefonaten, nun freuen sie sich, die Gesichter zu den Stimmen kennenzulernen. Für die Geschäftsführerin der Ökumenischen Sozialstation Westpfalz (ÖSW) ist es wichtig, dass sich die Pflegedienste untereinander nicht als Konkurrenz sehen. „Wir haben in der Region einen Auftrag zu erfüllen, Menschen zu versorgen – als gesamtes Team“, befindet Diana Kutien. „Letztendlich sitzen wir alle in einem Boot und haben die gleichen Probleme wie etwa Materialnot und Personalengpässe.“ Bei derzeit gut 400 zu betreuenden Patienten habe die ÖSW noch bedingt Kapazitäten in der ambulanten Pflege frei. Bei Hauswirtschaftsdiensten hingegen existiere bereits eine Warteliste mit 70 Personen. Sich regelmäßig untereinander die freien Kapazitäten mitzuteilen, sei wünschenswert.

Oft viel zu spät ins Hospiz

Die meisten der Fachleute am Dienstagnachmittag befinden, dass Pflegemaßnahmen oft viel zu spät von den Angehörigen oder den Patienten eingeleitet werden. Teils sei dies der allgemeinen Unwissenheit geschuldet, wo und ab wann man Hilfe bekommt. „Nur wer die Angebote kennt, kann sie auch nutzen“, meint Martina Pfiffi. Die Netzwerkkoordinatorin des Landstuhler DRK-Hospizes setzt sich für mehr Öffentlichkeitsarbeit ein. Vielen Menschen seien die Unterschiede nicht klar zwischen Palliativstation, Hospiz und Spezialisierter ambulanter Palliativversorgung (SAPV). „Wir müssen den Menschen die Angst vor der Palliativ-Maßnahme nehmen. Hier geht es nicht ums direkte Sterben, sondern darum, Lebensqualität zu erlangen oder zu erhalten.“ Sie bedauere, dass in jüngster Vergangenheit die Patienten viel zu spät ins Hospiz kämen, sagte Pfiffi. Ihnen bleibe nicht mal die Zeit, anzukommen und sich einzugewöhnen, sterben doch viele bereits innerhalb von zwei bis drei Tagen. Um eine palliative Versorgung oder ambulante Hospizdienste zu beanspruchen, benötige man zudem keinen Pflegegrad. Eine Diagnosestellung reiche aus.

Annette Filipiak-Bender von der Ökumenischen Sozialstation Westpfalz (ÖSW) hat eine Veränderung in der familiären Betreuung ausgemacht. Angehörige wohnten entweder zu weit weg oder wollten keinen Kontakt zum Pflegebedürftigen. Wenn sich niemand kümmere, könne es zu einer Verwahrlosung des Patienten kommen – eine Verantwortung, die man einem ambulanten Pflegedienst, der einmal pro Woche vorbeikommt, nicht anlasten könne. Auch in solchen Fällen müsse intensivere Betreuung schneller eingeleitet werden. Oft kämen diese Patienten ins Krankenhaus, weil hinzugerufene Notärzte sich in der Pflicht sähen.

Zu viele Krankenhauseinweisungen

Das bestätigte Jens Lehnhardt, Pflegedirektor am Nardini-Klinikum Landstuhl: „Solche Patienten landen vermehrt bei uns im Krankenhaus, obwohl sie keine akute Behandlung benötigen. Wir müssen dann einen Wechsel in die Kurzzeitpflege organisieren, was diesen Patienten letztendlich aber auch nichts bringt.“ Durch den wiederkehrenden Austausch beim Pflegestammtisch hofft er auf bessere Vernetzung und Zuteilung, sodass die Anzahl solcher Krankenhauseinweisungen reduziert wird.

Die Gesundheitsdienstleister sehen sich als ein Netzwerk, wollen Patienten und Versorgern das Leben leichter machen. Ziel sei es, den Menschen trotz Alter oder Krankheit ein tunlichst langes Leben zu Hause zu ermöglichen. Je früher sich Betroffene und deren Angehörige informieren und Hilfe holen, desto reibungsloser laufe die Versorgung. Dazu gehört auch die rechtzeitige Beschaffung ärztlicher Verordnungen. Alexander Kraft von der SAPV Saarschleife Landstuhl ist einer der fünf Initiatoren des Pflegestammtisches: Die Resonanz bei den Mitstreitern in der Branche übertreffe seine Erwartungen, sagte er.

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