Ramstein-Miesenbach
Nikolaus überrascht Trucker am Autohof Ramstein
Die Helfer erreichen in mehreren Fahrzeugen den Ramsteiner Autohof. Die Kofferräume sind prall gefüllt – mit insgesamt 150 Nikolaustüten. Darin befinden sich Nüsse, Mandarinen, Schoko-Nikoläuse und jeweils einen Gutschein für einen Glühwein vom Autohof. Außerdem liegt den Tüten ein Weihnachtsgruß bei. Diakon Martin Pletsch verschwindet hinter einer Autotür. Er schlüpft in die Figur des heiligen Nikolaus und zieht sich das passende Gewand an. Am Ende sieht er fast aus wie ein Bischof – „nein, nicht wie der Weihnachtsmann, den eine große Limonadenfirma ins Leben gerufen hat“, sagt er und lacht. Er trägt eine Albe, eine Art Messgewand, eine Bischofsmütze, die eine Schneiderin aus Steinwenden gefertigt hat, und einen Bischofsstab der Marke Eigenbau. Der Ramsteiner Pfarrer Pater Pious Oroplackal schnappt sich eine Kiste mit Tüten. Dann ziehen beide los.
Der Parkplatz ist am Freitag, 5. Dezember, nicht komplett belegt. Der Nikolaus steuert auf den ersten Lastwagen zu und klopft ans Fahrerfenster. Ein Mann kurbelt die Scheibe herunter. Nikolaus wünscht einen guten Abend und überreicht sein Dankeschön für die „anstrengende Arbeit zu unserem Wohl“. Der Fahrer staunt nicht schlecht, blickt in die Tüte und strahlt. „Danke“, sagt er mehrmals und lächelt. „Weiterhin gute Fahrt“, ruft der Nikolaus und geht weiter. Die Szene wiederholt sich mehrmals. Die Fahrer sind oft überrascht. Einige fragen, was sie bezahlen müssen. „Nichts, it’s free, kostenlos“, sagt Nikolaus lächelnd. Eine Vielzahl der Männer – Frauen sind weniger anzutreffen – kommt aus Ost- und Südeuropa. Die Sprachbarriere verhindert leider einen längeren Austausch.
Schwierige Arbeitsbedingungen für Fernfahrer
Andrzej aber verlässt direkt seine Fahrerkabine, als er den Nikolaus sieht. Natürlich kenne er „Nikolai“, sagt er. Freudig nimmt er die Gabe an. Er komme gerade aus Paris, fahre jetzt nach Hause und dann weiter nach Italien. Ansonsten führen ihn seine Aufträge nach Deutschland, Slowenien, Österreich, „eigentlich in fast alle europäischen Länder“, erzählt er. Die Arbeit mache ihm Spaß und werde gut bezahlt. Ein Nachteil seiner Arbeit sei, dass er seinen kleinen Sohn nicht allzu oft sehe. Umso mehr freue er sich darauf, ihn bald wieder auf den Arm nehmen zu können.
Nicoleta sitzt vor dem Lastwagen und liest ihre E-Mails. Ihr Mann befindet sich im Führerhaus. Als sich Nikolaus nähert, schaut sie auf und lächelt. „Das ist aber nett“, sagt sie auf Englisch, bedankt sich und will unbedingt ein Foto von sich und dem „Heiligen“ machen. Das Ehepaar ist mit technischen Komponenten für Autos auf dem Weg nach Frankreich.
Ein Foto mit dem Nikolaus
Bereits zum dritten Mal beschenkt die Pfarrei Heiliger Wendelinus Lastwagenfahrer am Nikolaustag – die Tüten werden über Spenden zusammengestellt. „Es ist uns wichtig, diesen Menschen, die uns täglich mit Waren versorgen und dafür oft nicht einmal guten Lohn erhalten, mit dieser Geste zu danken“, sagt Martin Pletsch.
Die Fahrer stünden häufig unter großem Druck und arbeiteten unter schwierigen Bedingungen. „Häufig haben sie keine Zeit, eine Pause einzulegen. Machen sie aber keine, überschreiten sie die Fahrtzeiten und werden dafür bestraft“, sagt Johannes Backes, Gemeindeausschuss-Vorsitzender von Kirchmohr, der die Branche gut kennt. Mitunter fänden die Fahrer keinen Parkplatz auf den Autohöfen. Dann stellten sie das Fahrzeug irgendwo in der Pampa ab, wo es keine Sanitäranlagen gebe – „schier unzumutbare Zustände“. Deshalb sei es für ihn auch selbstverständlich, sich einzubringen. Genauso engagieren sich Pfarrsekretärin Michaela Donauer und Pfarreiangehörige Julia Bubenhagen. Die Dankbarkeit, die sie in den Augen der Fahrer lesen, entschädige sie für das Herumstehen in der unwirtlichen Witterung. Das Trio hat sich an der Einfahrt zum Autohof postiert, um den Ankommenden die Tüten zu überreichen. Nicht alle stoppen. „Vielleicht sind sie in Eile oder trauen der Sache nicht“, sagt Donauer.
Autohofbetreiber Richard Schossboeck und Betriebsleiter Michael Schirra schauen auf dem Parkplatz vorbei. „Das ist eine schöne Sache, die wir gern unterstützen“, sagen beide. Sie erfahren schließlich täglich von den Arbeitsbedingungen der Fernfahrer. Als ein wichtiges Zeichen der christlichen Nächstenliebe und Solidarität bezeichnet Pfarrer Oroplackal die Aktion. „Wir werden sie auf jeden Fall nächstes Jahr fortführen und so Menschen vieler Nationalitäten erfreuen.“ Dann muss der Nikolaus nochmals für ein Foto herhalten. „Mein Sohn glaubt nicht, dass es ihn gibt. Jetzt schicke ich ihm den Beweis“, sagt ein Fahrer.