Otterberg RHEINPFALZ Plus Artikel Mutmaßlicher Missbrauch durch Shaolin-Mönch: Jahrelanges System?

Der langjährige Abt des Shaolin-Tempels in Otterberg soll Jugendlichen und jungen Männern Gewalt angetan haben. Ihm wird Kindesm
Der langjährige Abt des Shaolin-Tempels in Otterberg soll Jugendlichen und jungen Männern Gewalt angetan haben. Ihm wird Kindesmissbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen.

Jahrelang soll ein führendes Mitglied im Shaolin-Tempel Otterberg junge Männer missbraucht haben. Dass nun wieder ermittelt wird, ist einem Zufall zu verdanken.

Der Otterberger Shaolin-Tempel ist für viele Menschen in der Region eine unbekannte Welt. Seit über eineinhalb Jahrzehnten lebt in der Kleinstadt im Kreis Kaiserslautern eine kleine Gemeinschaft buddhistischer Kampf-Mönche. Sie führen ein zurückgezogenes Leben, praktizieren ihre Religion und trainieren täglich stundenlang. Doch jedes Jahr kommen Menschen aus der ganzen Welt in den kleinen Tempel am Waldrand.

60 mehrtägige Kurse bietet der Tempel an – darunter Kung Fu Bootcamps oder Workshops in traditioneller chinesischer Medizin. Der „Shaolin Temple Europe“, wie er offiziell heißt, ist ein erfolgreiches Unternehmen. Inzwischen arbeiten dort knapp zehn Angestellte – als Lehrer, Koch oder Handwerker. Zu ihnen gesellen sich derzeit fünf Schüler, die ihr Leben der buddhistischen Lehre der Shaolin verschrieben haben und in dem Tempel leben, lernen und ehrenamtliche Arbeit leisten.

Shaolin-Tempel weltweit bekannt

Nach außen repräsentiert Shi Heng Yi (bürgerlicher Name: Tien Sy Vuong) den Tempel. Der Lehrmeister hat aus dem kleinen Shaolin-Orden in Otterberg (und sich selbst) eine weltweit bekannte Marke gemacht. In den sozialen Netzwerken folgt dem Mann ein Millionenpublikum. Immer wieder begleiteten Kamera-Teams für Fernsehreportagen das Leben der Shaolin-Mönche, die zuerst in Kaiserslautern einen Tempel führten, später am Otterberger Ortsrand und seit dem zweiten Halbjahr 2011 im Ortsteil Weinbrunnerhof beheimatet sind. Auch die RHEINPFALZ berichtete über sie. Was jedoch unentdeckt blieb: Über Jahre hinweg soll eine führende Person des Tempels – der sogenannte Abt – sich an einzelnen Männern und Jungen, die als Schüler dort lebten, vergangen haben.

Die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern ermittelt gegen den 59-Jährigen wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Vergewaltigung. Dem Mann, einem gebürtigen Kaiserslauterer, werden mehr als 100 Fälle vorgeworfen. Er sitzt in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen.

Die RHEINPFALZ hat zum Kloster und den Behörden Kontakt aufgenommen und öffentlich zugängliche Quellen wie Zeitungsartikel und Interviews ausgewertet. Denn der beschuldigte Abt war bereits vor seiner Zeit im Otterberger Shaolin-Tempel im Raum Kaiserslautern aktiv. 1996 gründete er laut Vereinsregister in Kaiserslautern gemeinsam mit anderen einen Shaolin-Verein. In Turnhallen der Region trainierten junge, teils noch minderjährige, Männer Kung Fu. Schon damals verschrieben sie sich einer asketischen Lebensgemeinschaft unter Aufsicht des Abtes, wie aus einem Bericht der RHEINPFALZ am SONNTAG (2009) hervorgeht. Der Abt selbst trat vor allem als buddhistischer Lehrmeister auf und gab auch in diesem Zusammenhang seinen Schülern Unterricht.

Zweifelhafte Methoden

Das Training für die jungen Männer und Jugendlichen war hart, die Methoden rückblickend betrachtet wohl zweifelhaft. Vor einigen Jahren äußerte sich einer der Männer in einem Youtube-Video zu Wort. Die Bestrafungen seien „demütigend“ gewesen: Man habe sich zum Teil nackt ausziehen müssen und sei geschlagen worden. Dies sei auch einer der Gründe gewesen, warum er das Kloster, das damals in Kaiserslautern war, nach einigen Jahren wieder verlassen habe.

Diese Erfahrung war offenbar kein Einzelfall. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ im Jahr 2011 berichtete, wandte sich bereits 2010 eine Schulsozialarbeiterin an das Jugendamt des Kreises Kaiserslautern mit dem Hinweis auf mögliche Missstände. Daraufhin schaltete sich neben dem Kreis- auch das Landesjugendamt ein, konnte aber keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls feststellen. Heute auf die Vorgänge angesprochen, antworten die Behörden Folgendes: Zwischen Winter 2010 und März 2011 fanden mehrere Ortstermine in Otterberg statt. Dabei seien drei Minderjährige angetroffen worden. Allerdings hatte der Tempel keine Betriebserlaubnis, um Jugendliche zu beherbergen. Zwei von ihnen mussten den Tempel daraufhin verlassen. Ein dritter, kurz vor dem 18. Geburtstag, durfte bleiben.

Seinerzeit hätten sich keine Anzeichen ergeben, dass die Jugendlichen misshandelt worden seien, teilt das Landesjugendamt mit. Später, im Jahr 2013, habe eine Mutter gegenüber den Behörden allerdings von körperlichen Übergriffen auf den Sohn berichtet. Es sei Strafanzeige gestellt worden. Wie das Verfahren ausgegangen ist, ist den Behörden nicht bekannt. Das Jugendamt des Kreises hat den Tempel eigenen Angaben zufolge nach dem Auszug der Jugendlichen nochmals überprüft. Es berichtet, dass sich keine Minderjährigen mehr dort aufgehalten hätten.

Ermittelt wurde in den vergangenen Jahren auch schon einmal wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das Verfahren durch die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern wurde jedoch eingestellt, weil kein hinreichender Tatverdacht bestand. Wann das war, ist laut Staatsanwaltschaft unklar, da die Akten über das Verfahren nicht mehr vorhanden sind.

Neue Ermittlungen durch einen Zufall

Doch wie kamen die neuen Ermittlungen ins Rollen? Offenbar durch einen Zufall. So lautet zumindest die Schilderung der Sprecherin des Tempels und Shi Heng Yis, Diana Schüllner, im Gespräch mit dieser Zeitung. Demnach sei der Abt, bei dem alle Aufgaben der Klosterverwaltung lagen und der „intern die Macht hatte“, im Winter 2023 schwer erkrankt. Da man im Tempel dessen Aufgaben übernehmen wollte, habe man sich die Buchhaltung näher angeschaut und sei auf „finanzielle Unregelmäßigkeiten“ gestoßen. Im Zuge dieser Aufarbeitung habe sich bei einer Versammlung im Jahr 2024 eine Person aus dem Tempel zu Wort gemeldet und berichtet, dass der Abt auch Tempel-Schüler missbraucht haben soll.

Der Tempel habe daraufhin Kontakt zu allen Personen aufgenommen, die in den vergangenen Jahren als Schüler längere Zeit Kontakt zu ihm hatten. Den Verantwortlichen sei es wichtig gewesen, selbst ausreichend Aussagen von Betroffenen und Beweise zu sammeln, damit die Ermittlungen gegen den Abt nicht erneut eingestellt werden. „Uns sind insgesamt acht Betroffene von Gewalt und sexuellem Missbrauch bekannt“, sagt Schüllner. Vier seien zum Zeitpunkt der Taten junge Erwachsene gewesen, vier minderjährig, darunter seien zwei 17-jährige Schüler, die Mitte der 2010-er Jahre im Shaolin-Tempel gelebt hätten. Festzuhalten ist: Unter den Betroffenen sind laut Schüllner auch Männer, denen schon in den 1990er und 2000er-Jahren – als Jugendliche in der Kampfsportschule – durch den Beschuldigten Gewalt angetan worden sein soll. Darunter sei auch Klosterrepräsentant Shi Heng Yi selbst. Das Kloster hat alle ihm bekannten Fälle angezeigt und unterstützt die Betroffenen laut eigener Aussage.

Verdacht, dass es weitere Opfer gibt

Der Leitende Oberstaatsanwalt Udo Gehring berichtet: „Gegenstand des Haftbefehls sind zwei mutmaßliche Opfer, die jeweils von mehreren Taten betroffen sein sollen.“ Eines der Opfer sei zum Tatzeitpunkt ein Kind gewesen, das der Beschuldigte sexuell missbraucht haben soll. Das andere Opfer sei ein Erwachsener gewesen, den der Abt vergewaltigt haben soll. Es bestehe der Verdacht, dass es weitere Opfer gibt. Hierbei gehe es auch um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Dieser Tatbestand setzt ein Erziehungs- oder Ausbildungsverhältnis zwischen Täter und Opfer voraus.

Die enge Bindung zwischen dem Abt als spirituellem Meister und seinen Schülern sei einer der Gründe, wieso die Missstände jahrelang niemandem aufgefallen seien. Davon ist man im Shaolin-Tempel überzeugt. Jeder der Betroffenen habe berichtet, dass er zuerst das Gefühl vermittelt bekommen habe, „etwas Besonderes“ zu sein. „Die Shaolin-Lehre ist geprägt von Hierarchie und Gehorsam, aber auch Verschwiegenheit“, sagt Tempel-Sprecherin Schüllner. Viele der Männer hätten jahrelang nicht davon gewusst, dass anderen Ähnliches widerfahren sei.

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