Schopp
Hebammenhilfevertrag: Gute Absicht, aber höhere Arbeitsbelastung?
Frau Daum, am 1. November ist der neue Hebammenhilfevertrag in Kraft getreten. Vom Deutschen Hebammenverband werden viele Neuerungen kritisiert. Wie werden sich die Änderungen auf Ihren Arbeitsalltag auswirken?
Eine Änderung, die ich besonders kritisch sehe, ist, dass wir Hebammen nur noch Beratungen mit den Krankenkassen abrechnen können, die telefonisch geführt wurden. Bisher habe ich mit Frauen per E-Mail oder über Messenger-Dienste geschrieben. Das ging schnell und war unkompliziert. Zudem konnten die Frauen auch Fotos schicken, wenn sie Fragen hatten, oder ich konnte ihnen Fotos und Links zu bestimmten Themen zur Verfügung stellen. Um in Zukunft Geld für diese kleinen Beratungen von den Krankenkassen zu bekommen, müssten wir diese Leistungen privat in Rechnung stellen. Bezahlt werden nur noch Telefonate, die fünf Minuten oder länger dauern. Das wird meinen Alltag auf jeden Fall verändern und geht meiner Einschätzung nach am Bedarf der Frauen vorbei.
Was wird sich in Bezug auf Hausbesuche ändern?
Bisher haben wir Hebammen einen bestimmten Betrag für einen Hausbesuch bekommen. Nun werden die Besuche nach ihrer Dauer abgerechnet. Hausbesuche, die eine Stunde dauern, werden nun zwar deutlich besser vergütet. Aber für kürzere Besuche lohnt es sich für Hebammen finanziell kaum, mal eben kurz bei einer Frau vorbeizuschauen – vor allem auf dem Land, wo man schon längere Wege hat. Dieses ständige Verfügbarsein der Hebammen wird sich dadurch schon verändern.
Wird sich dadurch auch die Beziehung zwischen den Hebammen und den Familien ändern?
Das wäre eine logische Folge. Schon durch kurze Nachrichten oder kurze Besuche konnten wir den Frauen das Gefühl vermitteln, auch bei jedem Anliegen schnell erreichbar zu sein. Das würde dann wegfallen. Aber wir Hebammen üben diesen Beruf ja aus Berufung aus. Häufig bieten wir Leistungen dann dennoch an, obwohl sie wirtschaftlich kaum sinnvoll für uns sind. Doch das darf nicht vorausgesetzt werden. Schließlich üben wir den Beruf der Hebamme aus und sind keine begleitenden Freundinnen.
Durch den Vertrag soll auch die Eins-zu-eins-Betreuung von Frauen durch freiberufliche Hebammen gefördert werden, die in Krankenhäusern arbeiten. Welche Konsequenzen sehen Sie darin?
Eigentlich ist das ein guter Gedanke, geht aber leider erneut am Bedarf der Frauen vorbei. Eine Eins-zu-eins-Betreuung im Kreißsaal ist nur möglich, wenn es auch genügend Hebammen gibt – und das können die Kliniken derzeit nicht leisten. Das bedeutet: Eine Hebamme, die eine Frau unter der Geburt betreut, erhält den vollen Betrag. Betreut sie währenddessen jedoch zusätzlich eine weitere Frau, gibt es schon weniger Geld. Würde sie ausschließlich eine Frau betreuen, hätte sie am Ende mehr verdient. In der Realität ist das jedoch kaum umzusetzen. Am Ende trifft es wieder die Hebammen, die ohnehin schon stark belastet sind: Sie machen den gleichen Job, bekommen aber unter diesen Umständen weniger Geld.
Heißt das, die Intention des Hebammenhilfevertrags war gut, aber die tatsächliche Regelung nicht?
Ja, denn teilweise bekommen wir tatsächlich mehr Geld. In anderen Bereichen jedoch bleibt die Bezahlung ähnlich – doch die Bedingungen werden schlechter. Das gilt zum Beispiel für Kurse, die wir Hebammen anbieten dürfen. Die Bezahlung pro Frau und Kurs durch die Krankenkassen hat sich zwar etwas erhöht, aber wir dürfen keine Ausfallpauschale erheben. Wenn eine Frau nicht teilnehmen kann, obwohl sie angemeldet war, erhalten wir kein Geld. Das Ergebnis wird sein, dass immer weniger Hebammen solche Kurse anbieten, weil es sich einfach nicht mehr lohnt. Dadurch wird auch das Angebot für die Frauen kleiner werden.
Nun heißt es, dass viele Hebammen darüber nachdenken, den Beruf aufgrund des neuen Hebammenhilfevertrags aufzugeben. Können Sie das auch bestätigen?
Ich kann meinen Beruf derzeit noch ausüben, weil ich zusätzliche Leistungen wie Akupunktur anbiete. Diese müssen von den Kundinnen privat bezahlt werden. Solche Zusatzleistungen bieten viele Hebammen an. Denn einfach nur als Hebamme zu arbeiten, reicht finanziell oft leider nicht aus. Ich bin in engem Austausch mit den Hebammen im Kreis Kaiserslautern. In unserer Gruppe mit über 70 Kolleginnen aus Stadt und Landkreis habe ich eine Umfrage gestartet. Vier von ihnen überlegen, wegen des neuen Vertrags ihre Arbeit als Hebamme aufzugeben.
Ist die Zahl der Hebammen im Kreis Kaiserslautern Ihrer Ansicht nach ausreichend?
Nicht flächendeckend. Etwa jede dritte Hebamme, die in unserer Gruppe Kolleginnen bittet, eine Schwangere zu übernehmen, wird nicht fündig. Wer jedoch früh in der Schwangerschaft sucht, hat auch hier in der Region gute Chancen, eine Hebamme für die Schwangerschaft und das Wochenbett zu finden.
Zur Person
Kristina Daum (46) ist seit 20 Jahren freiberufliche Hebamme und betreibt seit sechs Jahren freiberuflich eine Hebammenpraxis in Schopp.