Bruchmühlbach-Miesau RHEINPFALZ Plus Artikel Grundschüler lernen Wiederbelebung

Mit geraden Armen und im „Stayin’ alive“-Takt: Kardiologe Sebastian Henn leitet die Viertklässler der Grundschule in Miesau an,
Mit geraden Armen und im »Stayin’ alive«-Takt: Kardiologe Sebastian Henn leitet die Viertklässler der Grundschule in Miesau an, wie eine Herzdruckmassage abläuft.

Anderen in medizinischen Notfällen zu helfen, dazu sind alle Bürger verpflichtet. Auch Kinder können schon ihren Teil beitragen. An der Grundschule in Miesau bekommen sie daher von einem Arzt Erste-Hilfe-Maßnahmen beigebracht. Gerade auf dem Land ist das wichtig.

„Stayin´ alive“ von den BeeGees und Helene Fischers „Atemlos“ in Dauerschleife – und das am Mittwochmorgen im Klassensaal der 4b der Grundschule in Miesau! Die ungewöhnlichen Klänge haben einen simplen Grund: Die Viertklässler lernen mit musikalischer Hilfe an zwei Tagen, wie eine Herzdruckmassage funktioniert und was dabei alles zu beachten ist.

Der Kurs ist für den anleitenden Allgemeinmediziner und Kardiologen Dr. Sebastian Henn aus Miesau im wahrsten Sinne des Wortes eine Herzensangelegenheit. Er bietet ihn als Teil des Projekts „Kids Save Lives“ an, das der „Europäische Rat für Wiederbelebung“ ins Leben gerufen hat, um Kindern schon frühzeitig Wiederbelebungsmaßnahmen am Herzen nahezubringen.

An Puppen wird geübt

Dabei gilt besonders das Motto „Prüfen, rufen, drücken“. Zum Einstieg in den Kurs bekommen die Kinder ein Video gezeigt, in dem illustriert wird, wie eine Herzdruckmassage abläuft. Danach geht es für die neugierigen Jungen und Mädchen in gemischten Gruppen an die bereitliegenden Übungspuppen. In Zweier-Teams wird hier der Ernstfall geprobt.

Der zehnjährige Luca erklärt es genauer: „Wir haben schon gelernt, was zu tun ist, wenn jemand umfällt. Dann müssen wir prüfen, ob die Person reagiert.“ Und weiter: „Wenn nicht, dann muss die 112 gerufen werden.“

Um sich diese Notfallnummer gut zu merken, gibt es übrigens besonders für Kinder einen einfachen Trick: Beide Arme werden nach vorne ausgestreckt, die Daumen zeigen nach oben – diese stehen für die zwei Einser. Dann werden die beiden Daumen zueinander geführt – das bedeutet die „Zwei“. Und schon hat jeder die Notrufnummer vor Augen.

120 Schläge pro Minute sind optimal

Die zum Training verwendeten Übungspuppen wurden schon vor Corona-Zeiten vom Förderverein der Schule angeschafft und haben nun erst ihren zweiten Einsatz. Bei der eingeübten Herzmassage muss einiges beachtet werden, zum Beispiel dass bei der Maßnahme die Arme des Helfenden durchgedrückt sein müssen. Außerdem sollen die Kinder mit dem eigenen Gewicht arbeiten.

Auch die anfangs genannten Lieder werden an diesem Morgen nicht einfach so zur Unterhaltung gespielt, sondern sie haben einen besonderen Sinn: Beide haben nämlich den „perfekten“ Rhythmus von etwa 100 bis 120 Beats, also Schlägen, pro Minute. Das ist genau das richtige Tempo, um ein Herz im Fall er Fälle per Druckmassage wieder in Gang zu bringen.

Es gibt zu wenig Ersthelfer

„Der größte Fehler ist, nichts zu tun“, erklärt Sebastian Henn, der viele Jahre als Notarzt im Rettungsdienst dabei war. Er sagt weiter: „Das Problem ist, dass in der Zeit vor dem Notarzteinsatz zu wenig geholfen wird. Wir sind, was die Ersthelfer-Raten angeht, in Deutschland im unteren Mittelfeld! Zudem haben wir hier auf dem Land längere Rettungswege. Hier dauert es eben, bis der Rettungswagen da ist.“ Umso wichtiger sei es, auch und gerade in jungen Jahren, die nötigen Ersthelfermaßnahmen zu kennen.

Den Viertklässlern macht das Lebenretten bei aller Ernsthaftigkeit auf jeden Fall Spaß und alle sind aufmerksam und mit viel Eifer dabei. Die Organisatoren setzen dabei auch auf eine Art Ausbreitungseffekt: „Wenn jedes Kind seinen Geschwistern oder Freunden ,Prüfen, rufen, drücken‘ zeigt, haben wir schon viele erreicht“, sagt der Kardiologe.

Zum Abschluss gibt es für die Kinder noch einen ausführlichen Film über das Thema Erste Hilfe, erklärt von Checker Julian, der vom Fernsehen her bekannt ist. Und die Präsentationen zur Schulung, betont Henn, gebe er gerne weiter. Er hofft, dass so auch andere Schulen dazu animiert werden, solch einen Reanimationskurs – vielleicht zusammen mit dem örtlichen Hausarzt oder dem Roten Kreuz – durchzuführen.

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