Ramstein-Miesenbach
Gottesanbeterin und Oothek im Garten
Eine Gottesanbeterin sieht aus, als sei sie von einem anderen Stern. Ist sie natürlich nicht, aber von einem anderen Kontinent kommt sie schon. Sie stammt ursprünglich aus Afrika. Das wärmeliebende Tier hat sich allerdings längst über Südeuropa immer weiter in Richtung Norden ausgebreitet. In Deutschland war die Gottesanbeterin lange nur an Wärmeinseln wie dem Kaiserstuhl zu entdecken. Mittlerweile kommt sie in allen Bundesländern vor, zeigt sich auch in der Westpfalz immer öfter. Mal erschreckt sie die Menschen, mal weiß sie zu verzaubern – so wie in Ramstein-Miesenbach.
Nest im Rattan-Herz
Dort traute im September des vergangenen Jahres Inge Haag ihren Augen nicht. An einem Blumenarrangement vor der Haustür saß ein bizarres, grünes, langes Wesen mit großen Facettenaugen im fast dreieckigen Kopf und eingeklappten, teils gezahnten Fangbeinen. „Die Gottesanbeterin war ganz ruhig, hat mich einfach nur angeschaut“, berichtet Inge Haag. Sie wusste sofort, was da vor ihr sitzt. In den Medien werde schließlich immer mal wieder von Sichtungen solcher zu den Fangschrecken gehörenden Insekten berichtet. Aber vor ihrer Haustür, Auge in Auge, das war ein tolles Erlebnis, erzählt sie begeistert. Ihre Begegnung sollte noch andauern.
Im Oktober entdeckte Haag eine sogenannte Oothek – das Nest der Gottesanbeterin – ganz in der Nähe des Ortes, wo sich das Tier immer wieder beobachten ließ. Der so typische Schaumballen, der es den Eiern und Larven ermöglicht, auch kalte Temperaturen zu überstehen, fand sich in einem aus Rattan geflochtenen Herz im Vorgarten. „Ich wollte es geschützter aufhängen, habe mich von einer Freundin aber überreden lassen – die Gottesanbeterin wisse sicher genau, wo sie ihr Nest baue!“ Das Nest blieb, das Tier selbst wurde immer dünner und schwächer. Mitte Oktober war es weg.
Im Juni geschlüpft
„Das war schon traurig. Ich habe zwar nachgelesen, dass erwachsene Tiere vor Beginn des Winters sterben, trotzdem!“ Inge Haag hatte sich an den Anblick gewöhnt. Eine Gottesanbeterin lebt nun mal nur einen Sommer lang und pflanzt sich auch nur einmal fort. Manchmal mit fatalen Folgen für das Männchen. Die Dame verspeist es mitunter während oder nach der Paarung. Der Sexualkannibalismus ist aber nicht zwingend. Es gibt Männchen, die sich nach dem Erledigen ihrer Aufgabe putzmunter davon machen. Ansonsten ernähren sich die Tiere überwiegend von anderen Insekten, Käfern oder Schmetterlingen. Die Art des Beutefangs hat ihr auch den Namen eingebracht. Mit angewinkelten „betenden“ Vorderbeinen pirscht sie sich an oder sitzt lange bewegungslos und wartet auf vorbeikommende Nahrung. Blitzschnell sausen die Beine dann raus, die Beute hat selten eine Chance.
Bei Inge Haag war die Gottesanbeterin über den ganzen Winter präsent – nicht das Tier, aber das Nest. „Im Mai habe ich dort erste Löcher entdeckt, Mitte Juni konnte ich tatsächlich zwei Junge sehen“, berichtet Haag von ihrem Besuch vor der Haustür. Inzwischen gibt es dort keine Begegnung mehr mit einer Gottesanbeterin. Inge Haag hofft aber, dass sich wieder eine zeigt. Das Erlebnis sei schon schön gewesen.
Die Wahrscheinlichkeit für weitere Treffen ist recht hoch. Die Gottesanbeterin zählt zu den Arten, die sich mit steigenden Temperaturen, die der Klimawandel bereithält, wohl immer weiter ausbreiten werden.